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33 Stunden in Philadelphia: Reisetipps für deinen Kurztrip

Philadelphia liegt auf halbem Weg zwischen Washington DC und New York City. Philadelphia ist, wenn man so will, die Geburtsstadt der USA. Und Philadelphia kann man in zwei Stunden sehen. Theoretisch.

Praktisch sollte man sich für Philadelphia definitiv ein bisschen mehr Zeit nehmen, als diese zwei Stunden, die die Big Bus-Bustour anpreist. Ja, ich habe diese Tour mitgemacht. Ja, das war ein Fehler (aber dazu später mehr). Und nein, ich habe ich nicht den Fehler gemacht, zu glauben, dass ich Philly, wie die Amerikaner ihre Hauptstadt der Freiheit und Demokratie liebevoll nennen, in zwei Stunden sehen kann. Stefan und ich haben dort 33 Stunden verbracht. Und was man völlig planlos in 33 Stunden in Philadelphia so erlebt, das möchte ich euch heute erzählen.

Blick auf die Independence Hall. Hier wurde amerikanische Geschichte geschrieben.

8.40 AM, Washington DC, Union Station

An der imposanten Union Station steigen wir in den Amtrak-Zug, der uns nach Philadelphia bringen soll. Ticketpreis 40 Dollar. Mal sehen, was die Züge so können, in diesem Autoland. Die Einsteige-Prozedur ist zumindest mal gewöhnungsbedürftig. Statt auf dem Gleis wartet man im Bahnhof, bis der Zug abfahrbereit ist. Dann geht es ähnlich wie am Flughafen durch eine Schleuse zum Zug. Wir werden hinein gescheucht, Verspätung bitte unbedingt vermeiden. Drinnen die positive Überraschung: Das fühlt sich an wie Erste Klasse! Breite, komfortable Sitze, Steckdosen und W-LAN auf allen Plätzen. Läuft.

10.33 AM, Philadelphia 30th Street Station

Das erste, was wir von Philadelphia sehen, ist ein dunkler – wirklich sehr dunkler Bahnhof. Dass die da niemanden alleine auf die Gleise lassen, wundert mich nicht. In der mindestens ebenso imposanten Bahnhofshalle sieht alles schon viel freundlicher aus. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zu unserem Hotel. Das liegt genau am anderen Ende der Innenstadt im Historic District, etwa 30 Minuten entfernt. Die Innenstadt von Philadelphia wird grob betrachtet im Osten vom Delaware River und im Westen vom Schuylkill River begrenzt. Der Bahnhof liegt am Schuylkill, das Historic District grenzt an den Delaware River. Die Market Street führt einmal quer hindurch. Auf der Hälfte des Wegs können wir schonmal einen Blick auf die City Hall werfen – eines der Wahrzeichen Philadelphias.

Der Bahnhof an der 30. Straße sieht aus wie ein Regierungspalast.

11.45 AM, Independence Park

Wir treffen uns mit Phyl Francis. Phyl arbeitet für das Mural Arts Programm, eine Initiative der Stadt Philadelphia, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, hässliche, leere Wände zum Leben zu erwecken und gegen willkürliches Graffiti vorzugehen. Sie wird uns auf einer kleinen Street Art Tour einige der schönsten und beeindruckendsten Murals der Stadt zeigen. Von diesen Wandkunstwerken gibt es in Philadelphia mehr als 3700.

Wer genau hinsieht, entdeckt in Philadelphia in jeder Ecke Kunst.

2.15 PM, Historic District

Im Anschluss an unsere Street Art Tour schlendern wir durchs Historic District, durch kleine holzgepflasterte Gässchen, vorbei an für amerikanische Verhältnisse uralten Häusern und Orten, die amerikanische Geschichte schrieben. Ein Mann ruft mir zu, dass die Straße, in der ich stehe schon 100 Jahre alt ist. Ich bin beeindruckt. Nicht. Aber hier gibt es auch Straßen und Häuser, die selbst für europäische Verhältnisse einigermaßen alt sind. Hier steht das Haus, in dem Thomas Jefferson die Declaration of Independence schrieb. Hier steht die Independence Hall, in der die Verfassung diskutiert und unterzeichnet wurde. Hier kann eine begrenzte Anzahl Besucher am Tag die Liberty Bell betrachten, die noch heute Symbol für Freiheit und gegen Unterdrückung ist und das Haus, in dem Betsy Ross der Legende nach die erste amerikanische Flagge nähte.

3.30 PM, Big Bus Station

Aus einer spontanen Laune heraus, weil wir einen Überblick über die Stadt bekommen wollen, weil unser Philadelphia-Pass eine Freifahrt beinhaltet und weil wir unsere Füße nach all dem Laufen mal für eine Weile schonen wollen, beschließen wir, einen Big Bus zu besteigen – jene Art von Doppeldecker-Touri-Bus mit offenem Verdeck, mit der ich bei klarem Verstand nie fahren würde. Unsere Reiseleiterin verspricht uns, dass wir die Stadt in zwei Stunden komplett kennenlernen werden und redet von diesem Moment an in einer Tour, mit sehr viel Spucke und ausladenden Gesten. Wir sitzen dummerweise ziemlich weit vorne und können dem Ganzen nicht so richtig entgehen. Nach einer Stunde verlassen wir den Bus auf halbem Weg, weil wir das Touri-Gruselkabinett nicht mehr ertragen.

4.30 PM, Rocky Steps

Wir stranden am Philadelphia Museum of Art und damit an der wohl berühmtesten Treppe der Welt, besser bekannt als die Rocky Steps. Ich habe die Rocky-Filme nie gesehen und bin deshalb einigermaßen verwirrt, dass Busse am Fuß dieser Treppe anhalten, aus denen Menschen strömen, die die Melodie von „Gonna Fly Now“ singen und die Treppen hoch und runter rennen. Wer den Film kennt, weiß warum, lasse ich mich belehren. Ich schreibe das mal auf meine Liste, Rocky gucken. Die Statue neben der Treppe erkenne selbst ich sofort: Rocky, aka Sylvester Stallone, mit siegreich empor gereckten Armen. Eine Statue, die Stallone selbst in Auftrag gegeben hat. Sich selbst in Bronze gießen zu lassen, das hat schon was von Größenwahn…

Die Rocky Steps. Rocky-Fans laufen dort hinauf und hinunter und summen die Melodie von “Gonna Fly Now”. Auf Nicht-Fans wirkt das etwas verwunderlich.

 

6.00 PM Champs Elysées

Richtig gelesen. Die Champs Elysées gibt es nicht nur in Paris, die gibt es auch in Philadelphia. Sie heißen hier allerdings eigentlich Benjamin Franklin Parkway und führen vom Philadelphia Museum of Art bis zur City Hall. Architekt Jacques Gréber – der übrigens ein Franzose war, hatte bei seinem Entwurf tatsächlich die Champs Elysées im Kopf. Heute wird der Benjamin Franklin Parkway für zahlreiche Paraden und Veranstaltungen genutzt. Er ist außerdem ein kleines Museum im Freien mit Kunstwerken wie dem Denker von Auguste Rodin oder dem LOVE-Schriftzug von Robert Indiana.

Der Swann Memorial-Brunnen mit Blick auf die City Hall

Der Love-Schriftzug von Robert Indiana

8 PM, Independence Beer Garden

Ich habe Hunger (und gegen ein Feierabendbier auch überhaupt nichts einzuwenden). Ab in den Biergarten! Der Independence Beer Garden ist einer von ziemlich vielen Biergärten, die in den vergangenen Jahren in Philadelphia eröffnet haben. Er windet sich rund um ein hässliches Bürogebäude – allerdings so liebevoll und grün eingerichtet, dass die urbane Atmosphäre eher noch den gewissen Touch gibt, als zu stören. Wir probieren German Style Beer (gebraut in Philadelphia) und essen uns gefühlt einmal quer durch die Speisekarte. Sowohl Bier als auch Essen sind großartig – und sogar bezahlbar. Als wir irgendwann im Fresskoma in unseren Liegestühlen versinken, kann unser Waiter nur mit den Schultern zucken. „We are Americans, we always overfeed you“, sagt er, halb belustigt, halb entschuldigend.

 

Zeit, ins Bett zu gehen. So ein Städtetrip schlaucht schon ziemlich. Und wir sind schon lange wach… Ein bisschen Schlaf muss sein.

Tag 2. 10 AM, Independence Visitor Center

Im Visitor Center gegenüber der Independence Hall informieren wir uns über die Geschichte Philadelphias, ehe wir dem nur wenige Meter entfernten Constitution Museum einen Besuch abstatten. Das Museum bietet mit einer Theaterperformance einen zwar ziemlich patriotisch gefärbten und teilweise geschönten, aber dennoch sehr informativen und gut gemachten Überblick über die amerikanische Geschichte. Schon alleine dafür lohnt sich der Besuch!

12 AM, Reading Terminal Market

Der Reading Terminal Market ist eine der besten Optionen für ein leckeres Mittagessen in der Stadt. Hier gibt es vom Philadelphia Cheese Steak bis zur echten deutschen Bratwurst, von Organen aus Zartbitterschokolade bis zum Rohkost-Salat und von Dr. Oetker Vanillepudding bis Quesadilla wirklich alles, was das Herz begehrt. Weil wir schonmal da sind, essen wir das Cheese Steak – eine Spezialität aus klein gehacktem, öltriefendem Fleisch, viel Käse und Gemüse nach Wahl in einem länglichen Baguette-Brötchen. Kostenpunkt: 10 Dollar. Ich bin begeistert und möchte nie wieder etwas anderes essen (außer vielleicht die in Bierteig frittierten sauren Gurken von letztem Abend).

Im Reading Terminal Market hat auch Präsident Obama schon Cheese Steak gegessen.

1.30 PM, Dilworth Park

Zum Glück ist der Dilworth Park nicht weit weg, ich nähere mich nämlich schon wieder einem Fresskoma. Der Titel Park ist schon ein bisschen übertrieben für diesen Rathausplatz, aber mit seiner – zugegeben recht kleinen – Grünfläche, ein paar Bäumen und einer großen Brunnenanlage ist er trotzdem eine kleine Oase direkt an der City Hall. Nirgends lässt es sich besser ausruhen und Leute beobachten als hier! Tickets für den Aufstieg auf den Rathaus-Turm, von dem aus man einen guten Überblick über die Stadt hat, sind ebenso limitiert wie die für die Independence Hall. Wir haben Pech, sie sind für diesen Tag schon ausgebucht.

3.30 PM, Reading Terminal Market

Wir bummeln noch ein wenig durch die Stadt und landen schließlich wieder am Reading Terminal Market, wo wir den Donut-Himmel auf Erden entdecken. Bei Beiler’s Hand Rolled Doughnuts gibt es 47 verschiedene Sorten Donuts und sie werden frisch vor unseren Augen hergestellt. Die Auswahl ist so gut, dass es mir schwer fällt, mich zu entscheiden. Kleiner Tipp: Die gefüllten Donuts schmecken noch eine Nummer perverser und geiler als die normalen. Ich bin kurz versucht, ein halbes Dutzend für 5 Dollar zu kaufen, entscheide mich dann aber doch für zwei à 95 Cent.

4.30 PM, Dilworth Park

Bis zu unserer Rückfahrt am Abend lassen wir uns im Dilworth Park die Sonne ins Gesicht scheinen und erfreuen uns an Live-Musik von zwei DJanes. Auf dem Platz vor der City Hall tanzen ein älterer Herr im Baseball-Trikot und eine ziemlich alte Dame gemeinsam zu Dancehall-Beats. Philadelphia ist immer für eine Überraschung gut. Man muss sich nur die Zeit nehmen, die Stadt zu entdecken.

Essen

Im Reading Terminal Market gibt es alles, was das kulinarische Herz begehrt. Von Rohkost bis zu von Fett triefenden (und super leckeren) Cheese Steaks ist alles dabei – lokal und frisch zubereitet. Der Markt befindet sich zwischen North 11 und 12 Street Ecke Filbert Street und ist montags bis samstags von 8 bis 18 Uhr und sonntags von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Ein ordentliches Mittagessen gibt es hier ab ca. 8 Dollar.

Trinken

Im Independence Beer Garden gibt es eine große Auswahl an Bieren – frisch gezapft oder aus der Dose. Einige davon geben sich einen deutschen Anklang, aber das Troegs Sunshine German Pilsner und das Stoudts Gold Lager Munich Helles sind brewed in the USA. Ein Bier kostet zwischen 6 und 8 Dollar, es gibt auch interessant klingende Mixgetränke wie Peach Shandy (ein Radler mit Pfirsich-Geschmack) oder Rhubarb Palmer (Vodka, Rhabarber, Zitroneneistee). Pommes oder Popcorn kosten 3 Dollar.

Schlafen

Das Wyndham Historic District ist ein relativ neu renoviertes, großes Tagungshotel mit großen Zimmern, Fitnessbereich und einem Pool auf dem Dach – geöffnet vom Memorial Day im Mai bis zum Labor Day im September. Zimmer ab 144 Dollar. Das Hotel punktet vor allem mit seiner zentralen Lage in einer Seitenstraße der Market Street direkt im Historic District und in unmittelbarer Nähe zur Liberty Hall. Hier kannst du es buchen.

Machen

Der Philadelphia Pass ermöglicht den freien Eintritt in viele Sehenswürdigkeiten – neben der nicht unbedingt zu empfehlenden Big Bus-Tour zum Beispiel auch den Eintritt ins unbedingt zu empfehlende National Constitution Center und Constitution Museum. Viele Sehenswürdigkeiten, etwa City Hall oder Independence Hall, die auch im Pass enthalten sind, erlauben nur eine bestimmte Anzahl von Besuchern täglich. Deshalb ist es klug, getimte Tickets im Voraus zu besorgen – wenn möglich sogar am Tag vor dem geplanten Besuch.


 

Meine Reise nach Philadelphia wurde unterstützt durch das Philadelphia Convention and Tourism Bureau. Vielen Dank für die Einladung! Der vorliegende Text spiegelt meine eigene Meinung und meine eigenen Erfahrungen wieder.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

8 Kommentare

  1. Matthias

    Vor eindreiviertel Jahren war ich in Philly (und Boston und NYC) – und mir haben sowohl Philly als auch Boston deutlich besser gefallen als New York. Und grad am Swann Memorial hab ich viel Zeit zum Entspannen und zum Fotografieren verbracht. Ich war sicher nicht das letzte Mal dort, freu mich auf das nächste Mal – und freu mich darauf, wieder die verspielten Dinge wie die Wäscheklammer, den Board Game Art Park usw. zu entdecken. Und sowohl bei Pat als auch bei Geno wieder Cheesesteak zu essen 🙂

    Vielen Dank für einen kleinen Ausflug in meine persönliche Erinnerung!

  2. Ah, ich bin ja immer der Meinung, dass man auch einmal “die anderen Städte” erkunden sollte : ) Und habe ich das richtig gelesen: “holzgepflasterte Straßen”? Übrigens hätte ich gerne ein Foto der Bronzestatue gesehen. Ich kenne zumindest die ersten Rocky-Filme. Rückblickend wahrscheinlich ziemlich gruselig, aber es passte in die Zeit und hat all die Hoodie-Sweatpants-Träger in die (europäischen) Straßen gespült. Was auf der Leinwand Sympathien weckt, ist in “real life” dann gar nicht mehr so schön : )

    Den Hinweis auf die Lesedauer finde ich interessant. Wie hast du die ermittelt?

    Sonnige Grüße
    Jutta

    • Hallo Jutta,

      ja, das hast du richtig gelesen. Es gibt noch einige wenige Gässchen, die mit Holz gepflastert sind – das war leiser, wenn Karren drüber gefahren sind… Mit dem Bild hast du Recht, ich ärgere mich im Nachhinein, dass ich keins gemacht habe. Leider waren so unglaublich viele Menschen dort, die ins Bild gelaufen sind. Aber danke für die Anregung, ich werde mal versuchen, noch eins zu bekommen! Die Lesedauer wird aus der Zeichenanzahl ermittelt, da habe ich mir einen kleinen Codeschnipsel für geschrieben. Wenn du magst, schicke ich ihn dir – sag einfach Bescheid.

      Liebe Grüße!
      Anna

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