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Toast und Thunfisch: Australien mit wenig Geld

In der Schule gab es diese Witze über Kinder, die Thunfischsandwiches essen. Eigentlich ist das keine Überraschung – denn wann immer jemand in der Öffentlichkeit Thunfisch ist, kann er sich sicher sein, dass ihn früher oder später irgendjemand vorwurfsvoll anschaut. Fisch riecht generell nicht gut, aber Thunfisch ist am schlimmsten. Ich muss unwillkürlich an die Gesichter von Außenseitern denken, mit denen ich in der Schule war, als ich die Dose öffne, die mein Mittagessen darstellt. Der salzige, fischige Geruch findet sofort den Weg zu meiner Nase. Zum Glück ist hier niemand außer mir und S. und einer Entenfamilie am Flussufer. Ich sitze auf einem Holzsteg in Grafton und beobachte, wie der Clarence River vorbeifließt. Wir sind auf dem Weg von Bellingen nach Byron Bay und haben hier Halt gemacht um unser mitgebrachtes Mittagessen zu genießen – ein Packung Sandwichtoast, eine Dose Thunfisch und eine Dose Bohnen.

Picknick mit Ausblick: Wenn die Umgebung schön ist, ist es doch eigentlich egal, was man isst, oder?

Wir wussten, dass Australien teuer werden würde. Ich hatte gerade die Uni abgeschlossen und würde nach diesem einmonatigen Urlaub meine erste richtige Arbeitsstelle antreten. Ich hatte nicht wirklich viel Geld auf dem Konto – eher im Gegenteil. Scheiß drauf. Das konnte mich auch nicht davon abhalten, diesen Urlaub zu buchen. Ich wusste ja nicht, wann ich je wieder die Chance hätte, so lange am Stück weg zu sein. Und da waren wir also. Auch der Lonely Planet sagte uns, dass Australien teuer war, und der Wechselkurs hätte um einiges besser sein können für uns. Aber wir hatten uns überlegt, wie wir uns auch mit wenig Geld würden durchschlagen können: Mit Übernachtungen in Motels außerhalb der Städte, mit Eigenversorgung und damit, einen großen Bogen um teure Restaurants zu machen. Wir waren uns ziemlich sicher gewesen, dass wir es mit unserem Budget schaffen würden – und zwar ohne auf die Whitsundays und eine Schnorcheltour zum Great Barrier Reef verzichten zu müssen, genau wie auf das ein oder andere Glas Wein.

Sicher waren wir uns zumindest so lange, bis wir zum ersten Mal in einem Supermarkt waren. Immer noch völlig müde von unserem Flug waren wir mittags in Melbourne angekommen, hatten unseren Mietwagen abgeholt und unser Motel gefunden – das einzige, das wir im Voraus gebucht hatten. Um dort nicht auf der Stelle einzuschlafen, beschlossen wir, zum Strand zu fahren, die Umgebung kennenzulernen und noch ein paar Dinge einzukaufen. Den Supermarkt verließen wir mit zwei Chinesischen Instantsuppen im Becher, ein paar Äpfeln und zwei Käsebrötchen, die uns extrem überteuert erschienen.

Nette Gesellschaft beim Mittagessen: Ein Pelikan, wohl angelockt vom Geruch unserer Schinkentoasts, wollte unbedingt etwas abhaben. Wir teilten großzügig.

Es war unser erstes Supermarkterlebnis gewesen. Wir würden noch eine ganze Reihe davon haben, und unsere Wahrnehmung der Preise würde sich nicht ändern. Meine anfängliche Hoffnung, dass wir nur versehentlich eine besonders teure Kette erwischt hatten, wurde schnell zerstört. In der Tat war es so, dass die Preise in den verschiedenen Supermärkten sich zwischen teuer und extrem teuer bewegten – im Gegensatz zu den Preisen, die wir aus Deutschland gewohnt waren. Von einigen war ich geradezu schockiert: Zwei Dollar für einen Jogurt oder einen einzigen Apfel, sechs für ein mit Käse und Schinken überbackenes Brötchen – in einem Supermarkt! Und über Getränkepreise – besonders die für alkoholische Getränke – denke ich jetzt besser nicht nach… Das seltsame ist, dass einige Weine, die in Australien für 20 Dollar und mehr erhältlich sind, auch in Europa verkauft werden – für einen Bruchteil ihres australischen Preises. Komische neue Welt.

Während wir die Gänge der Supermärkte nach erschwinglichen Produkten durchforsteten, kamen wir sehr bald auf die Idee, uns von Dosenprodukten zu ernähren. Toast und Dosenprodukte waren schon bald unser neues Lieblingsessen. Wir aßen Toast mit Thunfisch, Toast mit Bohnen, oder Toast mit Bohnen und Thunfisch. Manchmal kauften wir auch Schinken oder Käse. Morgens gab es Toast mit Marmelade – außer in unserer letzten Woche, da entdeckten wir Meat Pies für uns. Abends aßen wir meist die Tagesgerichte der Pubs, die meistens auch ein Bier beinhalteten. Außerdem fanden wir heraus, dass die Zimmer in Pubs noch billiger waren als jene in Motels und wunderten uns, dass der Lonely Planet, Bibel der Reisenden ohne Geld, uns das nicht verraten hatte.

Ich glaube, dass wir diesen Urlaub immer als den Toast-und-Thunfisch-Urlaub in Erinnerung behalten werden, sage ich zu S. als ich auf dem Holzsteg in Grafton unsere Sandwiches belege. Er nickt. Es ist nicht so als würden wir jetzt lieber etwas anderes essen. Wir sind mit unserem kleinen Picknick sehr zufrieden. Der Ort ist perfekt, der Himmel ist, von ganz wenigen weißen Wölkchen abgesehen, strahlend blau, und das Wasser des Flusses zieht gemächlich an uns vorbei. Es ist herrlich ruhig. So soll es sein, im Urlaub. Ich überlege, dass es ganz gut ist, nicht mehr in der Schule zu sein, als ich in mein Sandwich beiße. Aber dann wiederum habe ich eigentlich ein großes Herz für Nerds und Außenseiter. Und außerdem fühle ich mich ein bisschen schuldig dafür, dass auch ich Menschen böse anstarre, die in der Öffentlichkeit Thunfisch essen.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

2 Kommentare

  1. Inge petrsi...

    Du bist ja eine tolle Frau! Mich solte nicht wundern, wenn demnächst ein Bestseller auf dem Gebiet der Reiseliteratur erscheinen wird. Dein Stil ist einmalig, und man erlebt deine Erlebnisse direkt mit!
    Hoffentlich hast du noch viel Zeit, Lust und Moneten (trotz deiner Sparsamkeit und deines
    Erfindungsgeistes !!), um und an weiteren Reiseabenteuern teilhaben lassen zu können.

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