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Bingo! Palm Springs und die Coolness der Wüste

Im Amigo steigt eine Party. Es ist nicht die Art von Party, die man von einem ultra-hippen Hotel in Südkalifornien erwarten würde. Es ist nicht die Art von Party, die man in irgendeiner hippen Umgebung suchen würde, und doch, es ist eine Party. Groß. Laut. Ausgelassen. Eine Party, von der wir nie geglaubt hätten, dass sie cool sein könnte. Doch wir können nicht anders, wir lassen uns mitreißen.

Das Amigo, die Bar des ACE Hotel in Palm Springs ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Draußen, in der langsam untergehenden Wüstensonne, die den Hoteleingang in warmes Licht taucht, sind die Straßen menschenleer. Es wird noch eine oder zwei Stunden dauern, bis die vor der Hitze geflüchteten Menschen wieder auf die Straße kommen, bis das Kings Highway Restaurant sich wieder füllt, bis Palm Springs sich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung zuwendet, dem Ausgehen. Drinnen legt sich ganz plötzlich Stille über den Raum. Draußen fallen die Temperaturen langsam, drinnen könnte man eine Stecknadel fallen hören. Hier steigt die Raumtemperatur, während Blutdruck und Puls der Anwesenden sich weiter nach oben schrauben: Minutenlang, so scheint es, hält der Raum den Atem an, und das Rollen von Plastikbällen in einer Kugel aus schmalen Metallstäben ist das einzig wahrnehmbare Geräusch.

So sieht der Spielschein aus, wenn das Spiel vorbei ist. Fünf Stempel heißen: Freigetränk!

Dann stoppt Linda Gerard, die Frau, die den Hebel an der Kugel bedient, ihre Handbewegung, wartet einen kurzen Moment, und nimmt den Ball hoch, der aus der Maschine rollt. Mit ihrer lauten, ein wenig rauchigen Stimme ruft sie dann eine Kombination aus Buchstabe und Zahl in den Raum: O 45. Der Geräuschpegel im Raum steigt, ein aufgeregtes Papierrascheln und das dumpfe Geräusch von Stempeln, die auf Papier gedrückt werden, ist zu hören. In einer Ecke des dunklen, kühlen Raums, der einen leichten Geruch nach Bier und Schnaps verströmt, bricht der aufgeregte Ausruf einer Frau die Stille: Bingo! Sie steht auf um sich an der Bar ihren Preis abzuholen: Ein Gratisgetränk nach Wahl. Während Linda Gerard ihre Kugel wieder mit den Bällen füllt, suchen die Mitspieler sich den nächsten Zettel aus. Ein neues Spiel beginnt.

Linda Gerard ist 74 Jahre alt, an Weihnachten hat sie ihren Geburtstag gefeiert. Jeden Montag ist die Dame mit der Vorliebe für überdimensionierte Sonnenbrillen und dem leicht schrägen Kleidungsstil im ACE Hotel um die Stimmung beim Bingo-Spielen aufzuheizen. Sissy Bingo hat sich zu einem Event entwickelt, und wenn die Bar mal wieder aus allen Nähten platzt, wird das Spiel ins Restaurant verlegt. Hotelgäste, Touristen und Einwohner kommen zu gleichen Teilen, alle Altersklassen sind vertreten. Linda vertreibt mittlerweile T-Shirts, und Sissy Bingo ist nicht nur einfach Trend: Es hat sich längst etabliert.

Linda ist selbst Legende

Linda ist selbst zur Legende geworden. Der ehemaligen Broadway-  und Kinoschauspielerin und Sängerin hat das Engagement im ACE einen Karriereschub gegeben, viele ihrer alten Produktionen verkaufen sich heute besser als damals. Landesweit berühmt wurde sie, als sie bei der TV-Show „Deal or no Deal“ alle Models mit ihren überdimensionierten Sonnenbrillen antanzen ließ.

Und so ist es kein Zufall, dass das Amigo bis auf den letzten Platz gefüllt ist wenn Linda Gerard zum Bingo einlädt. Die urkomische und manchmal auch völlig durchgedrehte Dame weiß, wie sie Menschen begeistern kann: Sie singt, sie tanzt, sie erzählt Anekdoten aus ihrem Leben. Neben dem neuesten Klatsch verbreitet Linda, die im Broadway-Musical „Funny Girl“ die Zweitbesetzung von Barbra Streisand spielte, auch einen Hauch von Glamour.

Einfach, aber funktional: Der Eingang zur Lobby des ACE Hotel ist ein Beispiel für die Architektur des Midcentury Modernism, typisch für Palm Springs.

Palm Springs, die sonnige Wüstenoase, in der die Menschen tagsüber lieber in ihren klimatisierten Wohnungen bleiben und nachts erst herauskommen, und in der Bingo einfach zur Party dazugehört, feiert sich gerne selbst. Es lebt von seinen schillernden Charakteren und deren Geschichten. Die Zeiten, in denen Elvis und Frank Sinatra wilde Partys schmissen, sind natürlich längst vorbei. Die, die in Palm Springs zurückgeblieben sind oder neu hinzuzogen, versuchen mit allen Mitteln, den alten Geist der Stadt am Leben zu halten.

Wie die glühende Hitze der Sonne liegt auch eine Nostalgiewolke über Palm Springs. Seine alternden Einwohner schätzen das. Sie kämpfen gegen das Fortschreiten der Zeit an. Linda Gerard ist mit ihren 74 Jahren noch bemerkenswert agil – und sie sieht viel jünger aus als sie ist. Sie sagt, dass das an ihrer positiven Lebenseinstellung liegt. Und natürlich trickst sie auch ein wenig: „Natürlich hatte ich Schönheitsoperationen“, erwidert sie erstaunt auf die Frage nach ihrem jungen Äußeren. Ein Lifting mit 65, das zweite mit 70. „Ich finde, das sollte jeder tun“, sagt sie. Alt werden ist die größte Angst, hier in Palm Springs. Doch die Bewohner nehmen es leicht, mehr noch, sie machen sich über sich selbst lustig. So wie Riff Markowitz, Moderator der Plaza-Theater-Show „The Follies“, der sein Publikum als „geliftetes Pack“ beschimpft. Und so wie Linda, die ein Alte-Leute-Spiel wie Bingo in einen hippen und coolen Zeitvertreib verwandelt.

Zur Recherchereise nach Palm Springs wurde ich vom Palm Springs Tourism Board eingeladen.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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