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Camping ist auch nicht mehr das, was es war

Mein erster Blick fällt an diesem Morgen auf das kleine Fenster, durch dessen Vorhangschlitz die ersten Sonnenstrahlen der katalanischen Sonne sich ihren Weg in das Innere der kleinen Hütte bahnen, in der ich langsam wach werde. Noch ist es angenehm kühl unter der flauschigen Bettdecke. Ich drehe mich um und schließe die Augen wieder. Auf der Matratze meines Doppelbettes lässt es sich noch einige Minuten aushalten. Das ist Glamping an der Costa Brava. Ich könnte mich dran gewöhnen.

Was sich anfühlt wie die Übernachtung in einem hochpreisigen Hotelzimmer, ist in Wirklichkeit keine. Es ist sieben Uhr morgens auf einem Campingplatz in einem kleinen Dorf an der Costa Brava. Zu deutsch: Wilde Küste. Im Winter leben in diesem Dorf, Sant Pere Pescador, etwa 2100 Menschen – nicht einmal halb so viele wie im Sommer, wenn Touristen die Küstenregion bevölkern. Zusammen mit dem Apfelanbau bilden die Touristen die Haupteinnahmequelle des Ortes.

Neben Apfelbäumen gibt es Campingplätze so weit das Auge reicht. Sie liegen in unmittelbarer Nähe des 1800 Meter langen Sandstrands sowie des Naturparks Aiguamolls de l‘Empordà und es lässt sich auf ihnen mindestens genauso luxuriös hausen wie in den gehobeneren Unterkünften der Touristenhochburg Lloret de Mar, die am anderen, am südlichen Ende der Costa Brava liegt.

Glamping an der Costa Brava – keiner will mehr Zelten

Nach der ersten Nacht auf dem Campingplatz bleibt die nüchterne Erkenntnis: Camping, das ist auch nicht mehr das, was es mal war. Erinnerungen an harte Isomatten und wackelige Luftmatratzen, an kitzelnde Sandkörner im Schlafsack und blutbefleckte Moskitonetze am Zelteingang, an durchwühlte Reisetaschen und verlorene Kleidungsstücke, Klappstühle und die Tiefkühlbox, die es stets mit frischem Eis aufzufüllen galt, sind hier ganz weit weg. Nur wenige Camper lassen sich auf eine derart altmodische Ausstattung ein. Thermoskanne und Picknickdecke sind out.

Stattdessen stehen in den Bungalows nicht nur komfortable Doppelbetten, sondern auch Schränke und Kommoden. In meiner Unterkunft gibt es zwei Badezimmer, ein Wohnzimmer mit Flachbildfernseher und Klimaanlage, einen Bungalow-eigenen W-Lan-Router und eine recht komfortable Küche mit Spül- und Nespresso-Kaffeemaschine. Selbstverständlich fehlt auch der Kühlschrank mit Eisfach nicht.

Glamping ist die Wortverschmelzung von Glamour und Camping. Glamouröses, luxuriöses Camping. Ein Luxus, den sich offenbar immer mehr Camper wünschen und leisten.

Und das nicht erst seit Kurzem. Bis zu 50 Prozent der ausgewiesenen Stellflächen auf einem Campingplatz dürfen heute durch Bungalows und Wohnmobile genutzt werden. 4500 dürften es in der Region Girona demnach sein. 3500 Luxuscampingplätze gibt es schon.

„Wir wollen diese Entwicklung aktiv vorantreiben“, erklärt Ferran Sellabona, Marketingdirektor bei Campings In Girona, dem Zusammenschluss der großen Campingplätze der Costa Brava. Das sei der Wunsch der Campingplatzbetreiber.

Bei denen hört sich das ähnlich an. „Wir müssen uns anpassen. Wer sich nicht verändert, Trends verschläft, seinen Kunden nichts Neues bietet und nicht für sich wirbt, ist schnell weg vom Fenster“, sagt Alex Trias, Besitzer des Campingplatzes La Ballena Allegre in Sant Pere Pescador.

Natürlich gibt es sie auch bei ihm noch, die Parzellen für Camper des alten Schlags, die zufrieden sind, wenn sie einfach nur ihr Zelt irgendwo aufstellen dürfen.

Doch auch sie bekommen heute viel mehr geboten als noch vor wenigen Jahren: Glamping an der Costa Brava heißt nicht nur komfortabel und naturnah schlafen. Es heißt auch: Die Möglichkeit zur Nutzung eines Freizeitangebots, das dem eines Clubhotels in nichts mehr nachsteht.

Weil Camping für alteingesessene Camper aber oft mehr ist als das, bemühen sich die Betreiber zudem um ein persönliches Verhältnis zu ihren Kunden – sofern das angesichts der Größe der Plätze noch möglich ist.

Alicia Cruz, die mit ihrem Mann Enric gemeinsam den Campingplatz La Siesta in Palafrugell betreibt, hat Prioritäten: „Man muss den Urlaubern etwas bieten, das ist das allerwichtigste.“ Sie lebt diese Idee: Jeden Morgen um neun Uhr schwingt sie sich mit ihren Gästen aufs Spinning-Rad und heizt ihnen beim Frühsport ordentlich ein. Es ist der erste Teil im Rundum-sorglos-Animationsprogramm – und der Renner bei Gästen aller Altersklassen.

Das Freizeit-Angebot auf den Campingplätzen an der Costa Brava kennt kaum Grenzen: Ein Fußballfeld hier, eine unterirdische Spa-Landschaft dort – die Plätze konkurrieren um die Besucher.

Für die Großen geht es morgens zum Spinning, die Kleinen dürfen sich diese Räder schnappen.

Wie genau die Gäste auf Dauer zu halten sind, da hat allerdings jeder Campingplatzbetreiber eine ganz eigene Idee. Joan Masoliver Jorda ist Besitzer von Eco Lava, einem der wenigen Campingplätze im Landesinneren. Er lebt für Bohnen, die in der Gegend im großen Stil angebaut werden – und seine Gäste sind verrückt nach Fexu, seiner eigenen Bohnen-Vermarktungslinie. Zunächst waren es Lollies und Früchte mit Zuckerüberzug, mittlerweile hängt im Laden neben dem Restaurant auch die eigene Klamottenlinie, von deren Pullovern und T-Shirts glückliche Bohnen in bunten Farben strahlen. Die Gäste stehen drauf. Sie schicken Joan Fotos von sich in seinen Shirts.

Daneben gibt es bei Joan regionale Spezialitäten, typisch katalanische Salami etwa, die zum Beispiel auf katalanischem Tomatenbrot nach Urlaub pur schmeckt. Und es gibt den süchtig machenden Ratafia, einen Likör aus der Walnussschale, den man in Longdrinkgläsern mit viel Eis serviert. Wer da zu tief ins Glas schaut, ist freilich am nächsten Morgen froh, statt auf der harten Isomatte auf der bequemen Bungalowmatratze aufzuwachen und in der angenehmen Kühle der Klimaanlage noch ein halbes Stündchen weiter schlafen zu können.

Entdeckt: Ein echtes Zelt!

Dieser Artikel ist in der Allgemeinen Zeitung erschienen. Zur Recherchereise an die Costa Brava wurde ich von Campings in Girona eingeladen.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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