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Du bist, was du isst!

Kambodscha. Ein Reisebus mit Einheimischen und drei Touristen an Bord steht auf einer Autofähre. Ein kleiner Junge läuft um den Bus herum. Er schreit etwas und macht so auf sich aufmerksam. Auf einem Arm hält er, weit ausgestreckt, damit wir das, was er anpreist, drinnen besser sehen können, eine Halterung, an der mehrere, einzeln in Plastiktütchen eingepackte Eier hängen.

Es ist Nachmittag, beste Zeit für einen kleinen Snack. Einige Mitreisende springen auf und laufen zur Tür des Busses, um dem Jungen, der dort einen Moment später auftaucht, Eier abzukaufen. Ich hätte selbst eigentlich nichts gegen einen kleinen Snack einzuwenden. Aber ich fürchte, dass die Eier nicht das sind, was ich unter einem leckeren Snack auf einer langen Busreise verstehe.

Ich soll Recht behalten. Das, was der kleine Junge verkauft, ist Balut. So klärt mich eine Frau auf. Sie muss laut lachen, als sie meine Reaktion sieht.

Es ist so: Von Balut habe ich schon gehört. Es ist eine Spezialität in Kambodscha und China. Ein halb ausgebrüteter Hühnerembryo, den man in der Eierschale verfaulen lässt bis er sein volles verdorbenes Aroma entfaltet. Der Verzehr soll die Potenz unheimlich steigern, versichert mir ein älterer Mann kichernd. Na danke!

Zwergwal-Carpaccio, Durian und Reisgrütze

Ich probiere ja prinzipiell gerne Exotisches. Gerne auch Dinge, von denen ich noch nie gehört habe. Dinge, an die ich zu Hause nicht so einfach herankomme. Ich habe schon Känguru gegessen, scharfe Reisgrütze, Wurzeln und Stinkfrucht probiert und in Island habe ich mich sogar an ein Zwergwal-Carpaccio getraut.

Zwergwal gilt dort als Delikatesse, aber der Walfang ist natürlich ein heikles Thema und der Konsum durch Einheimische geht immer weiter zurück. Mein Gewissen aß also gewissermaßen mit und ich konnte das Fleisch nicht aufessen. Obwohl der Wal gar nicht schlecht schmeckte, blieb er mir im Hals stecken. Hákarl, verfaulten Hai, habe ich nicht angerührt.

Ich habe einen Kollegen, der ähnlich viel und gerne reist wie ich. Er probiert unterwegs aus Prinzip alles, was ihm angeboten wird. Nach seinen Reisen erzählt er – bevorzugt beim Mittagessen in der Kantine – von den neuesten Dingen, die er probiert hat. Und ja, dazu gehören auch Maden, Heuschrecken oder geröstete Skorpione. Nicht selten erntet er für seine Ausführungen angewiderte Blicke seiner Zuhörer.

Lass uns die kulinarische Komfortzone verlassen. Denn: Du bist, was du isst!

Aber mein Kollege hat einfach Recht: Wir sollten viel öfter unserer kulinarische Komfortzone verlassen und mehr Mut zu Experimenten zeigen – auch wenn Insekten vielleicht nicht Jedermanns Sache sind.

Wenn wir als Reisende nur das essen, was wir kennen, wirkt das auf die lokale Restaurant-Landschaft zurück. Schon heute haben viele Touristen-Restaurants auch in exotischen Regionen Pommes, Pizza und Pasta auf der Speisekarte. Wie schade wäre es, wenn diese Gerichte die lokale Küche irgendwann verdrängen?

Wer eine Region kennenlernen will, sollte unbedingt ihre traditionellen Gerichte probieren und die kulinarische Vielfalt vor Ort kennenlernen. Exotische Gerichte schmecken in Afrika und Asien immer anders als im Afrika- oder Asia-Restaurant zuhause. Wenn ich an echte (auch echt scharfe) Thai-Currys, traditionell zubereitetes Fleisch, Eintöpfe und Suppen mit grünen Bananen und seltsamen Kräutern oder klebrige Reisbonbons zum Frühstück denke… Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mir läuft bei diesem Gedanken das Wasser im Mund zusammen.

Wenn du gerne experimentierst, passiert es natürlich auch mal, dass du etwas vorgesetzt bekommt, das du nach einigen Bissen schon nicht mehr anrühren möchtest. Knorpelige Entenfüße, das habe ich bei einem solchen Experiment gemerkt, sind so gar nicht meins, und Koriander geht nur in Maßen. Mag sein, dass Balut die Potenz steigert und ganz vorzüglich schmeckt. Aber alles muss ich dann doch nicht probieren.

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... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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  1. Ich musste lachen, als ich den Text las. Selber gehöre ich auch zu denen, die unterwegs fast alles probieren, was nicht auf irgendeiner Artenschutzliste steht. Trotzdem gibt es Sachen, die mich nicht wirklich reizen: Eben Balut oder auch Heuschrecken wie hier in Mexiko. Ich hatte aber schon andere Insekten.

    In den meisten Ländern ist die lokale Küche zum Glück vielfältig genug. Wer sich an exotischen Eiern versuchen will, kann auch einfach in China “Pidan” versuchen. Das ist ähnlich wie Balut, einfach ohne Embryo und suuuuper lecker. Und dann gibt es ja meist auch noch ganz viele tolle Sachen, die man essen kann, ohne sich überwinden zu müssen. Glücklicherweise gibt es ja zwischen den Extremen Burgerking und Giftspinnen ein grosses Mittelfeld. Deswegen wird der Einfluss der Touristen die lokale Küche nicht so schnell verändern.

    Was bei dieser Diskussion oft vergessen geht: Vieles, was uns anekelt, essen auch in den Reiseländer viele Einheimische nicht. In China kenne ich das am besten: Von meinen zahlreichen Freunden in China gibt es höchstens zwei, die regelmässig Hund essen und vielleicht fünf, die es überhaupt je probiert haben. Balut bin ich in China in meinen sechs Jahren beispielsweise überhaupt nicht begegnet. Vermutlich wird das nur in einigen Regionen in Südchina gegessen wie zum Beispiel die legendären Tongzidan (in Knabenurin gekochte Eier. Siehe dazu auch hier: http://www.sinograph.ch/buchtipp-der-chinese-sich-und-im-allgemeinen/ ), von dem ich ebenfalls nur gehört habe.

    Daher mein Tipp an alle: Probiert alles aus und überwindet euch. Denn vieles, was zunächst eklig klingt ist tatsächlich sehr lecker. Aber wenn ihr euch doch nicht zusammenraufen könnt, dann ist das auch nicht so tragisch.

    • In Knabenurin gekochte Eier? Uh! Und Pidan… Ich gebe zu: Ohne Embryo klingt es schon weniger abstoßend. Das könnte auf meiner Speisekarte landen. Wenn ich es denn endlich mal nach China schaffe… Danke auf jeden Fall für den Buchtipp, ich glaube das lese ich mal 🙂

      • Ja, das Buch ist sehr interessant. Oft sind Bücher zu China etwas platt und voller Stereotypen. Hier aber gibt es viele spannende Details, die ich selber noch nicht wusste. Allerdings hatte ich mit dem Schreibstil etwas Mühe. Aber das habe ich ja erwähnt.

  2. Schöner Artikel und ich bin definitiv auch dafür, die einheimische Küche auszuprobieren. Ich teste eigentlich auch immer alles, aber es gibt ein paar Dinge, die gehen einfach nicht. Dazu gehören gebratene Spinnen oder auch Balut. Beides habe ich nicht heruntergebracht und will ich auch nicht. Ansonsten aber kommt alles mögliche auf den Teller. Das einheimische Essen ist definitiv immer was sehr wichtiges beim Reisen, besonders auch, wenn man dafür seine Komfortzone verlassen muss.

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