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Dune Bashing: Die echte Wüste ist irgendwo anders

Man sagt in Dubai, dass Gott den Arabern die Wüste geschenkt hat, um sie zu gelassenen und demütigen Menschen zu erziehen. Doch die Wüste ist nicht mehr der Ort, der sie einmal war. Heute ist sie nicht mehr und nicht weniger als ein gigantischer Spielplatz für Adrenalin-Junkies.

Eine Tankstelle taucht aus dem Nirgendwo auf. Wir steuern darauf zu, halten an. Djadi verschwindet ins Innere des Gebäudes. Etwas ratlos lässt unser Fahrer uns zurück. Ich bin genervt. Es wird bald dunkel und ich will die Wüste in der Abendsonne sehen. Endlich ankommen, das wäre nach dreistündiger Fahrt durch den Stau von Dubai schön. Wir stehen verloren neben dem Auto, eine Gruppe von fünf jungen Touristen. Zwei Russen, ein deutscher Backpacker, S. und ich. Der Geruch von Motorenöl und Gummi hängt in der Luft. Es ist heiß und stickig. Die beiden Russen zünden sich eine Zigarette an. Zwei Araber versuchen, uns in ihren Laden zu locken. Wir winken ab. Wir wollen weiter, ab in die Wüste. Irgendwie sind wir dort schon angekommen – seit geraumer Zeit haben wir neben der Straße außer Sand, Steinen und dürrem Gestrüpp nichts mehr gesehen. Nur sieht es hier noch nicht so aus wie wir dachten. Der Backpacker malt mit dem Fuß Gesichter in den sandigen Boden.

Nach einigen Minuten des Wartens taucht Djadi aus dem Dunkel des Ladens auf. Er lässt Luft aus den Reifen. Das Zeichen, dass wir bald die asphaltierte Straße verlassen werden. Im Sand brauchen wir zum Vorwärtskommen eine breitere Auflagefläche. Wenige Kilometer später biegen wir tatsächlich von der Straße ab. Djadi hält noch einmal kurz an. Er schiebt seinen Sitz nach vorne, stellt die Rückenlehne senkrecht und schaut kurz nach hinten um zu sehen, ob wir alle angeschnallt sind. Ihm selbst, sagt er, ist das zwar noch nicht passiert, aber er hat schon gesehen, wie andere Wagen sich überschlagen haben. Ich schiele nach oben. Über uns sind Überrollbügel angebracht. Zum Schutz vor Kräften, die von außen auf das Autoblech einwirken könnten, wenn Djadi die Kontrolle verliert. Eine Kurve noch, dann ist um uns herum nichts mehr zu sehen außer Sand.

Zumindest in meinem Tagtraum. In Realität hat der Traum von der einsamen Wüste ganz schnell ausgeträumt. Menschengruppen sind um ihre Autos versammelt. Weiße Geländewagen heizen in Kolonnen über den orangefarbenen Sand. Wir sind nicht die einzigen, die sich hierher begeben haben, in die Wüste südlich von Dubai. Einen Teil der Wüste, den sie noch nicht besiedelt haben. Gemessen an der Anzahl der Menschen, die hier draußen sind, sind sie allerdings kurz davor.

Djadi gibt Gas, als er auf die erste Sanddüne zufährt. Wir werden in unsere Sitze gedrückt und im Wagen herumgeschleudert. Wir haben die Oberkante der Düne erreicht. Der Motor heult auf und Djadi reißt das Lenkrad herum. Auf dem Sand reiten wir ein paar Sekunden, dann geht es rasant abwärts, mit der Fahrzeugnase über den Dünenkamm. Einer der Russen quietscht vor Vergnügen. Ich muss unwillkürlich lachen, als mein Magen durch meinen Körper hüpft. Eigentlich finde ich das nicht witzig, sondern höchst fragwürdig. Doch eine Wüstentour ohne Dune Bashing, eines der liebsten Freizeitvergnügen der Emirati, hatte kein Veranstalter im Programm. Und so sitze ich nun in einem weißen Toyota Landcruiser mit Allradantrieb und wundere mich über diesen Sport, während es in waghalsigen Fahrmanövern über die Dünen geht. Mehr als einmal reizt Djadi die Grenzen der Schwerkraft bis zum letzten Grad aus. Mein Körper hat sich irgendwann an die ruckartigen Bewegungen gewöhnt. Geschmeidig schwingen Kopf und Magen im Takt des Lenkrads. Ich sinke in meinen Sitz, langsam schon gelangweilt von dieser Achterbahnfahrt durch den Sand. Ganz nett ist das. Könnte ich es mir aussuchen, wäre ich trotzdem lieber zu Fuß unterwegs – oder auf dem Rücken eines Kamels. Der Motor saugt unterdessen weiter literweise Benzin durch die dünnen Leitungen. Irgendwo muss das ganze Öl wohl hin, das in den Emiraten aus der Erde sprudelt.

Die Russen haben Spaß. Sie feuern Djadi an. Die Musik haben sie lauter gedreht, Elektropop dröhnt aus den Boxen. Schon auf der Fahrt von Dubai in die Wüste hat Djadi seine Qualitäten als Rennfahrer unter Beweis gestellt, erst mit 80 Stundenkilometern in der Stadt und dann mit 150 auf der Autobahn. Wir hatten ihn gebeten, uns nach dem endlosen Stau schnell hinaus zu bringen. Er ließ sich nicht lange bitten. Jetzt ist er in seinem Element. Die Wüste ist für ihn nur ein riesiger Sandkasten, eine Piste aus feinen Körnchen, gemacht, um zu spielen und Spaß zu haben. Die Dünen sind Rampen und Steilkurven, wir spielen Autorennen. Sand wirbelt auf die Frontscheibe um uns herum staubt und spritzt es. Eine Wagenkolonne vor uns lässt ihre Fahrzeuge nach links und rechts hüpfen. Die Russen verlangen von Djadi, dass er das auch macht.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind fast gänzlich von Sandwüste bedeckt. Teile davon sind so lebensfeindlich, dass selbst die Beduinen sie meiden und ihre Lager nur noch am Rand aufschlagen, unweit der besiedelten Gebiete. Man sagt, dass Gott den Arabern die Wüste geschenkt hat, um sie zu friedfertigeren, demütigen Menschen zu machen. Hier ist der Mensch chancenlos gegen die Gewalt der Natur. Er ist den Elementen ausgeliefert und der Gefahr, sich zu verirren, zu verdursten oder gar zu verhungern. Die Wüste gilt seit jeher als Rückzugsort, sie steht für die Einsamkeit. Gegen den Massentourismus aber kann sie nichts ausrichten.

Hier kann man sich nicht verirren. Nicht nur, weil Djadi sich auskennt wie in seinem eigenen Sandkasten, seit er angefangen hat, jeden Tag mindestens einmal Touristen hierher zu bringen. Sondern auch, weil alle Autos ein gemeinsames Ziel haben: Ein Beduinenlager etwa 40 Kilometer südlich von Dubai. Kein echtes Beduinenlager, ein nachempfundenes. Eines, das in der Lage ist, auf einen Schlag 300 Touristen aufzunehmen, zu bewirten und zu bespaßen. Hier kann auf dem Kamel einmal im Kreis reiten, wer bereit ist, sich dafür eine Dreiviertelstunde lang in der Schlange der Wartenden anzustellen. Es gibt Wasserpfeifen, die offenbar ähnlich beliebt sind. Wer will, kann sich Henna auf die Haut pinseln lassen, arabische Kostüme anprobieren oder seinen Namen mit Sand auf ein Schmuckstück schreiben. Wer will, kann sogar Dosenbier kaufen. Das gibt es hier, obwohl Alkohol in den Emiraten nur unter strengen und teuren Lizenzen verkauft werden darf, die sich fast nur Luxushotels leisten. Mittendrin, auf einer Bühne, läuft eine Folklore-Show. Alles nur für die Touristen aus Indien, dem Nahen Osten und Europa.

Das Beduinenlager wirkt in der Wüste fast genauso falsch wie die Geländewagen, die kreuz und quer vor seinem Eingang parken. Beides ist nur hier, weil die Touristen hier sind. Touristen wie die beiden Russen und der deutsche Backpacker. Touristen wie ich. Ich kann mir dieses Spektakel nicht anschauen. Anstatt uns mit allen anderen am Grillbuffet anzustellen, schleichen S. und ich uns aus dem Lager und klettern eine Düne hinauf, von der aus wir das Treiben weiter unten beobachten können. Niemand ist hier draußen. Es ist dunkel geworden, aber nicht kalt. Wir hatten gehofft, Sterne zu sehen, aber auch das wird uns verwehrt. In der Ferne ist Dubai zu sehen, der Horizont glüht orangefarben. Die Lichter verscheuchen selbst hier noch die Dunkelheit. Kurz bevor das Programm im Beduinenlager beendet ist, laufen wir langsam zurück zu den Geländewagen. Dort treffen wir Djadi, der mit seinem Handy spielt. Er ist erstaunt, uns hier zu sehen. Wir erzählen ihm, dass wir uns die Wüste anders vorgestellt haben. Echter.

Die echte Wüste? Das ist etwas anderes, sagt Djadi. Er schüttelt den Kopf und lacht.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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