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Würdest du reisen, wenn du dich an nichts erinnern könntest?

Wie gut kannst du dich an deine letzte Reise erinnern? Welche Bilder kommen dir zuerst in den Kopf? Wie viele der Dinge, an die du dich erinnerst, sind auf deinen Urlaubsfotos zu sehen? Wie oft hast du diese Fotos angeschaut? Passiert es dir auch hin und wieder, dass du ein Foto siehst und dich mit einem Mal wieder an etwas erinnerst, das du fast vergessen hattest?

Wenn du kurz über diese Fragen nachgedacht hast, möchte ich dich zu einem kleinen Experiment herausfordern. Angenommen, jemand lädt dich zur Reise deines Lebens ein. Eine Reise ganz nach deinen Vorstellungen. Du musst nichts dafür bezahlen und kannst alles machen, was du schon immer machen wolltest.

Der einzige Haken: Deine Fotos werden nach der Reise gelöscht. Genau wie deine Erinnerungen.

Würdest du trotzdem verreisen?

Leg alles weg, das dich gerade beschäftigt und denke einfach mal für ein paar Minuten über diese Frage nach, bevor du weiter liest. Ohne Ablenkung.

Das Gedankenexperiment stammt von Daniel Kahnemann. Kahnemann ist Psychologe und Nobelpreisträger und er wirft diese Frage hin und wieder auf, wenn er das Erinnern mit dem Erleben vergleicht. Grob gesagt besteht zwischen dem Erinnern und dem Erleben folgender Unterschied: Wir erleben permanent etwas, unser Gehirn verarbeitet ununterbrochen Informationen. Doch nicht alle dieser Informationen werden von unserem Gehirn auch als Erinnerung gespeichert. Die meisten unserer Erlebnisse sind fast genauso schnell wieder vergessen wie sie entstanden sind.

Reisen aber sind für unser Gedächtnis etwas ganz Besonderes. Sie versorgen das Gehirn innerhalb kurzer Zeit mit einer Fülle neuer Informationen. Jede unbekannte Situation wird bewusster erlebt als eine bekannte Situation und darum graben sich außergewöhnliche Erlebnisse stärker ins Gedächtnis ein. Deshalb können wir uns merken, in welchem Jahr wir wohin gereist sind – während wir ein Erlebnis am Arbeitsplatz nur schwer in einen zeitlichen Rahmen einordnen können.

Mehr noch: Wir arbeiten im Urlaub sogar aktiv daran, unsere Erinnerung zu festigen. Zum Beispiel indem wir Souvenirs kaufen und Fotos machen. Souvenir kommt aus dem Französischen. Es heißt übersetzt: erinnern. Es gab eine Zeit vor dem Smartphone, als der Urlaub die einzige Zeit war, in der man immer eine Kamera dabei hatte. Die Kamera erlaubt es uns, besondere Erlebnisse einzurahmen. Und auf einem Foto verschmilzt ein Erlebnis mit einer Erinnerung, denn das Foto ist nichts anderes als ein konkreter Beweis: Ich war dort.

Wenn du besagte Reise antreten würdest, müsstest du aber nicht nur auf die Erinnerung an deine Erlebnisse verzichten, sondern auch auf Fotos. Anders gesagt: Du hättest keinen Beweis, dass du jemals weg warst, weder für dich selbst noch für andere.

Aber was ist mit den Erlebnissen selbst? Wie bei kaum einer anderen Tätigkeit lernen wir auf Reisen und verändern uns. Ist dieses Wissen von der bewussten Erinnerung abgekoppelt oder hängt es mit ihr zusammen? Die alles entscheidende Frage ist: Bringt das Reisen dir trotzdem was?

Würde ich eine Reise ohne Erinnerung antreten? Es wäre ein Abenteuer und ich mag Abenteuer. Aber meine Antwort lautet nein. Auf Fotos könnte ich verzichten. Etwas in dem Wissen zu erleben, dass ich mich nicht daran erinnern werde, ist mir zu unheimlich.

Wie entscheidest du dich?

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

14 Kommentare

  1. Marvin

    Hallo,

    beantworten kann ich deine Frage nach viel Grübelei momentan mit Nein! Ich habe gerade zwei Jahre meines Lebens im wundervollen Down Under verbracht und unzählige schöne Fotos und noch schönere Erinnerungen mit nach Hause gebracht, sodass ich auf diese zwei elementaren Dinge, auf keinen Fall verzichten würde.
    Ok, vielleicht könnte ich meine Canon ablegen und auf tolle Motive verzichten und somit meinen Kopf für mehr Aufmerksamkeit aktivieren und lernen den Moment zu genießen. Schließlich können wir mit allen Sinnen und einem guten Verstand wunderbare Bilder mit unseren Gedanken einfangen und auf unsere Datenbank oder Cloud-Wolke abspeichern. Bilder im Kopf oder mit der heutigen Technik aufgenomm lassen unsere Erinnerungen am Leben bleiben.
    Auf Grund dessen werde ich mir meine Erinnerungen nicht nehmen lassen! Lieber spare ich auf meine nächste Reise hin und kann dann durch mein erwirtschaftes Geld meine Wünsche und Träume realisieren.

    Danke für deine Frage!

    • Hallo Marvin!

      Gerne 🙂 Und vielen Dank für deine Antwort! Ich finde es super spannend, wie viele unterschiedliche Meinungen es zu diesem Thema gibt und kann deine Einstellung dazu total gut nachvollziehen. Ich wünsche dir auch weiterhin schöne Reisen mit vielen großartigen Erinnerungen!

      Liebe Grüße
      Anna

  2. Klar!
    So läuft doch das ganze Leben ab. Wir unternehmen eine Menge, und am Ende sind alle Erinnerungen futsch. Nur weil wir wissen, dass wir mal sterben (und damit natürlich auch die Erinnerungen verlieren), verzichten wir doch jetzt nicht auf Erlebnisse, Abenteuer und Reisen.

  3. Peter

    Hallo Anna,
    sehr interessante Frage.
    Spontan habe ich “Nein” geantwortet. Dann aber begann das Grübeln. Das Wunschziel, die Antarktis, vor Augen. Da komme ich hin? Das wäre schön.
    Aber dann doch: Ein “Nein”. Die Foros sind nicht das Problem. Obwohl ich bei Reisen jetzt schon merke, dass mich die Suche/Jagd nach dem “besten Foto” schon heute vom Genießen vieler schöner Momente abhält.
    Das Problem ist die Erinnerung. Das ist was sehr Persönliches. Und das möchte ich mir nicht klauen lassen.
    Irgendwo habe ich mal gelesen: Es sind nicht die Orte, an die wir uns zurücksehnen, sondern an die Erlebnisse, die wir mit den Orten verknüpfen.
    Liebe Grüße,
    Peter

  4. Ingeborg

    Diese Frage beschäftigt mich auch, vielleicht aber n bißchen anders als die anderen “Kommentarier”. Erstens mache ich selbst keine Fotos und zweitens auch keine großen Reisen mehr. Aber früher habe ich eine Menge toller Reisen gemacht und ich hole heute – nach 30, 40,50 Jahren – noch des Öfteren aus meiner Schuhschachtel die Fotos hervor, die mir Stunden des vergnüglichsten und ermutigenden Erinnerns bringen. Was kann eine alleinlebende Oma Schöneres “erleben”??? Aber wenn ich jetzt noch diese besagte Reise antreten und auf das Erinnern verzichten müsste….. nein! Wie du sagst, Anna, die Eindrücke auf einer Reise bilden etwas in uns, verändern uns irgendwie, sodass etwas bleibt, was einem Foto, einer Erinnerung ähnelt. Doch die Freude beim Kramen in der Fotokiste ist unersetzbar.

  5. I also think it a great idea, Anna. Like you, I am overriding the automatic functions more and more – never too late to learn, eh! The problem is, even the phone is also a camera now. It is very hard to leave that at home 🙂 Great post.

  6. Hubertus

    I would exactly do that the same way: just leave my camera at home for that journey. It would be hard at the beginning as I always have a camera joining me (can´t be attached to my bra ;-)) while traveling, But I would never ever delete all pictures. It´s a sort of re-arranging my brain memory and keep the pictures alive there, but maybe it´s worth a try – anybody volunteering to finance that 🙂
    All the best across the Schiersteiner Bruecke – it´s currently also quite a journey

    • So you’d rather take no pictures at all than deleting them after the trip? In terms of memory construction, that’s an interesting idea. I will have to think about it and maybe come up with another article at some point in the future… I’m glad I don’t have to cross that bridge everyday by the way 😀

  7. I love this question. The answer is a resounding yes, I would, even though my camera is usually as attached to me as my bra. Hmmm…what a picture that is!

    I have actually traveled and not taken photos before. I regret it now. I definitely can look at a photo and remember everything about an activity, but the problem is that I’ve traveled way too much to remember everything without a stimulus. Maybe that’s because I’m getting old as well.

    Great experiement! Will you be trying this?

    • I think I might try and leave my camera at home at some point in the future. But then again – I do have to take pictures! If they aren’t for me I need them for the blog at least! Or is that just an excuse?

      Anyway – I stopped using my camera’s automatic mode. That way I have to think about the photos I am going to take for a moment or two and don’t just go ahead and take stupid pictures of everything.

      Should I ever leave my camera at home, I’ll certainly write about it (and I think it’s a good idea for a story…)

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