Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten, 56 Sekunden

Kommentare 0

Eyjafjallajökull: Ein Vulkan wird zur Sehenswürdigkeit

Island, irgendwo an der Südküste. Es ist früh morgens, Nebel liegt in der Luft, die Sonne will sich nicht so richtig blicken lassen. Noch nicht. Wolkenverhangen thront ein Berg über einer großen, einsam gelegenen Farm inmitten satt grüner Wiesen und Felder. Der malerisch gelegene Bauernhof heißt Thorwaldseyri und ist auf der ganzen Welt bekannt. Dafür, dass er genau am Fuße des Gletschervulkans liegt, der mit seinem Ausbruch im April vor zwei Jahren tagelang den Flugverkehr in ganz Europa lahm legte. Die Bergspitze, die von den frühmorgendlichen Wolken verhängt ist, ist die Spitze des nicht nur dank der komplizierten Aussprache berüchtigten Vulkans Eyjafjallajökull.

Was für Europa damals schien wie eine furchtbare Katastrophe, deren vornehmlich wirtschaftliche Ausmaße nicht abzusehen schienen, war für isländische Verhältnisse eigentlich ein relativ normales Naturschauspiel. Zwar mussten rund um den aktiven Vulkan einige hundert Menschen zunächst evakuiert werden. Am Ende entpuppte sich aber alles als harmloser als angenommen.

Die Thorwaldseyri-Farm am frühen Morgen. Der Nebel hat sich noch nicht verzogen.

Selbst Olafur Eggertson, Besitzer des Thorwaldseyri-Bauernhofs und damit direkter Nachbar der Lavahölle, blieb zunächst ganz cool: Als der Berg begann zu rauchen, packte er trotz Qualm und drohendem Unheil zuallererst seine Nikon aus und fing an, drauflos zu knipsen. Seine Bilder gingen damals um die ganze Welt.

Er habe schon über 25 Ausbrüche mitbekommen, erzählt der 59-Jährige Vater und Großvater, der mit der Großfamilie auf der Farm am Fuße des Vulkans lebt. Er verheimlicht nicht, dass der des Eyjafjallajökull vor zwei Jahren dabei bei weitem der schlimmste war. Dennoch: „Kleine Ausbrüche sind für uns ganz normal“, sagt Olafur.

Doch im April 2010 hatte er nicht nur mit einem unvorstellbaren Ascheregen zu kämpfen…

Olafur Eggertson

Die größten Sorgen machte er sich um die Tiere, mehr als 200 Kühe. „Wir konnten sie nicht evakuieren, also haben wir sie in den Ställen eingeschlossen, die Türen und Fenster mit Heu und Stroh gedämmt und das beste gehofft“, erklärt der Bauer, der die Farm in dritter Generation führt und als einer der reichsten Bauern Islands gilt. Überlebt haben sie es alle.

Verschont blieb die Farm – zum Glück für den Bauern und seine Familie – auch von den Wassermassen durch die geschmolzene Gletscherkappe über dem Eyjafjallajökull. Das Wasser bahnte sich an anderer Stelle den Weg ins Tal und ins Meer, riss Brücken mit sich, verursachte aber ansonsten keine größeren Schäden – auch weil fast drei Viertel der knapp 320.000 Isländer im Großraum Reykjavik leben und die Besiedelung des restlichen Landes karg ist.

Zurück blieb in Thorwaldseyri jede Menge Asche und eine kaum noch vorhandene Privatssphäre. „Ständig kamen Journalisten und Touristen und wollten die Farm sehen. Wir hatten nach den Aufräumarbeiten gar keine Zeit mehr für uns“, berichtet Olafur. Bis seine Tochter die zündende Idee hatte: Ein Eyjafjallajökull Museum.

Das etwa einen Kilometer vom Farm-Haupthaus entfernte, von Olafurs Frau Gudny geleitete Besucherzentrum will Touristen alles Wissenswerte rund um den Vulkan vermitteln. Ein eigens gedrehter Film erzählt im Kinosaal mit 55 Plätzen die Geschichte des Ausbruchs. Original-Eyjafjallajökull-Asche kann in kleinen Einmachgläschen mit nach Hause genommen werden. Ein Poster erklärt, wie man einen Vulkankuchen mit flüssiger Schokolade backt. Kurzum, es gibt alles, was der Vulkantourist sich wünscht.

Und es ist damit auch genau das richtige für alle Islandliebhaber, die von dem rauen Klima des Landes und seiner Unberechenbarkeit fasziniert sind. Obendrein ist es eine Marketingstrategie, die besser nicht hätte aufgehen können. Nicht nur die Wiesen und Berghänge sind seit dem Ausbruch fruchtbarer, auch die Touristen kommen zahlreich. In den ersten fünf Monaten nach der Eröffnung im April vergangenen Jahres kamen bereits 20.000 Besucher.

Das etwa zwei Stunden östlich von Reykjavik gelegene Besucherzentrum an der Ringstraße ist damit auf dem Wege, neben der blauen Lagune und dem Großen Geysir eines der touristischen Highlights Islands zu werden. Und das, obwohl Vulkanausbrüche in Island doch eigentlich an der Tagesordnung stehen.

Das Thumbnail-Foto zu diesem Post stammt von Jon Söring, der auf seinem Flickr-Profil weitere grandiose Bilder des Vulkanausbruchs zeigt.  

Zur Recherchereise nach Island wurde ich von Dertour eingeladen.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

Kommentieren? Gerne!