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Fidschi: Allein in der Südsee

„Erste Eindrücke wiederholen sich nie. Die erste Liebe, der erste Sonnenaufgang, die erste Südseeinsel sind einzigartige Erinnerungen, mit jungfräulichem Empfinden aufgenommen.“

Robert Louis Stevenson, In der Südsee

Allein in der Südsee
Ein Gastbeitrag von Emily

Ich stecke mitten in den Planungen für einen Trip nach Südostasien, und die Dinge sind ein bisschen außer Kontrolle geraten, seit ich im Reisebüro gesagt habe, dass ich nicht aus Deutschland, sondern aus den USA abreisen will. Die Mitarbeiterin erkennt sofort, dass sie da auf etwas gestoßen ist, und überzeugt mich schnell davon, ein Around-the-World-Ticket zu kaufen. „Weil es nicht wirklich viel teurer ist”, und weil ich möglicherweise gesagt habe, dass ich Freunde in Australien habe, die ich theoretisch auf meinem Weg nach Asien besuchen könnte. Das ist der Punkt, an dem sie mich fragt, warum ich nicht auch noch einen Zwischenstopp im Südpazifik einlegen will. „Fidschi, zum Beispiel.”

Gibt es das denn wirklich?”, will ich antworten.

So lange ich mich erinnern kann, hatte die Südsee in meiner Vorstellung immer etwas traumhaftes inne, eine fiebrige Halluzination von einsamen Inseln, kristallklarem Wasser und Palmen. Ein Ort, an dem Schiffbrüchige stranden, eine Kulisse für knallbunt kitschige Musicals. Im Musical mit dem passenden Titel „South Pacific” singt einer der Charaktere den Song „Bali Ha’i”, in dem eine mystische Pazifikinsel beschworen wird, die nur als Silhouette in der Ferne sichtbar wird, eingehüllt in Wolken und einem Nebel aus Pink und purpurnem Himmel. Hyperkitschig, natürlich, aber dennoch eindringlich und magisch.

Bali Ha’i will whisper / In the wind of the sea / “Here am I, your special island! / Come to me, come to me!”

Der Südpazifik scheint in meiner Vorstellung der These Baudrillards zu folgen, dass Disneyland nur geschaffen wurde, um Amerika davon zu überzeugen, dass alles außerhalb seiner Grenzen real ist. Die Südsee, demnach, als eine Art Disneyland für die gesamte Welt. Meine Neugier war geweckt – das musste ich einfach mit meinen eigenen Augen sehen.

Nach ungefähr 11 Stunden im Flugzeug, voll von frisch Vermählten und Heiratswilligen (voll ausgestattet mit Hochzeitskleidern und Anzügen als Handgepäck) und mit der vagen Sorge, dass dies möglicherweise kein Hotspot für alleinreisende Backpacker sein könnte, komme ich in Nadi an, auf der Hauptinsel der Fidschis, Viti Levu. Der Flughafen sieht aus wie alle anderen, an denen ich war; der einzige Anhaltspunkt, dass ich tatsächlich in der Südsee gelandet bin, erwartet mich, als ich in der Einreiseschlange stehe. Obwohl es erst 5 Uhr morgens ist, singt eine Gruppe von Fidschianern für die Ankömmlinge einen fröhlichen Willkommensgruß. Sie rufen “Bula!”, das fidschianische Wort für fast alles: Hallo, Tschüs, Willkommen, Liebe, Leben. Allesamt sind sie mit Sulus bekleidet, der traditionellen Fidschi-Kleidung, die an einen Sarong erinnert und von Männern und Frauen gleichermaßen getragen wird

Ich bin erschöpft und nicht überzeugt

Ist das nicht genau diese klischeebehaftete, Disneyland-Art von Touristen-Nepp? Soll nicht genau das ablenken von der realen Welt? Vom „echten“ Fidschi? Während die meisten Mitreisenden in Taxis oder Tour-Busse steigen und davonfahren, finde ich heraus, dass der beste Ankunftsort für einen Backpacker, ein Hostel namens Smuggler’s Cove ist (wie … clever). Dort stelle ich schnell fest, dass doch eine ganze Menge Backpacker hier ist und dass sie alle nur ein Ziel kennen: die Yasawa-Inseln, eine Inselgruppe im Westen von Fidschi, wo an unberührten Stränden und in kristallklarem Wasser all die fantastischen Südsee-Träume wahr werden sollen. Der „Yasawa Flyer“, ein knallgelber Hochgeschwindigkeits-Katamaran, der täglich zwischen den Inseln umher fährt, ermöglich bequemes Insel-Hopping. Mein erster Stopp ist Nacula ganz im Norden.

Jede Yasawa-Insel hat ein Resort mit Bungalows – rustikal, aber bezaubernd. Ein Generator sorgt von 19 bis 22 Uhr für Strom, warmes Wasser gibt es nicht. Obwohl der Strand schmal ist und das Wasser flach, ist es abgelegen, ruhig und wunderschön. Einer der Angestellten des Resorts nimmt mich und ein paar andere Reisende auf einem Boot (auf dessen Außenseite die Worte “water taxi” gepinselt sind) mit zur echten Blauen Lagune, dem Ort, wo der bekannte Film gedreht wurde. Hier schnorchele ich zum ersten Mal mit tropischen Fischen und bin begeistert von dieser bunten und magischen Welt inmitten unserer Welt. Wenn das hier alles nur eine Ablenkung von der echten Welt ist, dann ist es mir mittlerweile egal. Ein vom Reisen müdes dänisches Mädchen, das gerade sechs Monate in Südostasien verbracht hat, ist allerdings nicht beeindruckt: „Ich habe viel besseres in ____ (beliebiges exotisches Land einsetzen) gesehen.“ Na dann. (Zwei Monate später bin ich in Vietnam und sehe unter Wasser phosphoreszierendes Plankton – und ich muss sagen, es erstaunt mich tatsächlich noch ein wenig mehr.)

Mein nächster Stop ist Barefoot Island, ein passender Name, denn hier liegt überall Sand. Das Beste an dieser Insel ist, dass man von einem zum anderen Ende laufen kann und sowohl Sonnenaufgang als auch Sonnenuntergang beobachten kann. Schon in der ersten Nacht erlebe ich den bildschönsten Sonnenuntergang meines Lebens – von Gold zu Pink, Violett, Dunkelrot. Vielleicht war das Musical „South Pacific“ doch nicht farbig gerendert?

Es geht immer so weiter, und langsam werde ich ein wenig unruhig. Die Hängematten, Kokosnüsse, Sonnenuntergänge und Strände, das Schnorcheln, die Palmen – es ist genau das, was ich mir vorgestellt hatte. Doch wo sind die Fidschianer? Wo ist das echte Leben? Mit Sicherheit nicht hier. Diese Inseln sind alleine auf Touristen ausgerichtet. Einige Fidschianer leben in Dörfern, weit entfernt von den Resorts, doch die meisten leben auf der Hauptinsel. Die Yasawa-Inseln sind Touristenland.

Ein irrwitzig schönes, aber natürliches Disneyland

Ich mache mich auf den Weg zurück nach Viti Levu. Ich möchte etwas sehen, das mir realer vorkommt, obwohl ich mir zu diesem Zeitpunkt unsicher bin, was genau das eigentlich heißt. Ein Ausflug in ein Dorf bietet mir tieferen Einblick: Nachdem wir mit einer traditionellen Kava-Zeremonie willkommen geheißen worden sind, werden wir herumgeführt. Die Schule ist ein simpler Betonbau, in dem es zu wenige Unterrichtsmaterialien gibt. Die Kinder laufen hierher, meilenweit. Sie überqueren dabei Flüsse auf Bambusflößen und kommen durchnässt an ihrem Ziel an. Die Hütten im Dorf sind einfach, die Frauen kochen im Freien an offenen Feuerstellen. Das politische System ist hochgradig instabil, und das Militär bestimmt, beziehungsweise beeinflusst, die Politik seit den 1980er Jahren.

Das ist das echte Leben, sicher. Aber ist es das echte Fidschi? Gibt es ein echtes Fidschi? Die natürliche Schönheit dieser Inseln im Gegensatz zur harschen Lebensrealität zeichnet ein komplexes Bild des Landes. Wie fühlen sich wohl die Frischvermählten, eingesperrt in ihren Luxusresorts, die sich nur vom Buffet zum Strand, zum Bett und wieder zurück bewegen? Was fühlen die Backpacker, die von Insel zu Insel hüpfen, faul in Hängematten liegen und ihren nächsten Aufenthalt planen (Australien oder Südostasien für die meisten)? Und was fühle ich am Ende? Um auf Robert Louis Stevenson zurückzukommen: Ich werde meine erste Südseeinsel mit Sicherheit nie vergessen. Es war eine einzigartige Erfahrung, eine, die nie widerholt werden kann, eine fast jungfräuliche Erfahrung – und etwas sehr reales.

 

Die Autorin: Emily hat in verschiedenen Ländern gelebt, ist nach dem Literaturwissenschafts-Studium einmal um die Welt geflogen und findet dass die Südstaaten der USA eine völlig unterschätzte Reiseregion sind. New Orleans! Das Mississippi Delta! Charleston! Der Blues! Dabei hat sie sich als Alleinreisende auch auf die Fidschis gewagt. Die gebürtige Norddeutsche wohnt seit einigen Jahren in Mainz und ist gespannt wo der nächste Job sie hintreiben wird.


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Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

2 Kommentare

  1. Die Fotos sind auf jeden Fall paradiesisch! Ohne bisher auf die Fischi-Inseln gereist zu sein, finde ich es schwierig, einen Ort zu genießen (Und ich meine nicht, Luxus oder dergleichen zu genießen, sondern den Ort mit all seinen Facetten zu erkunden.), an dem Reisende und Einheimische nicht wirklich miteinander in Kontakt treten können. Kein einfaches Thema. Aber ein ganz toller Bericht. Und die eingestreuten Zitate gefallen mir auch sehr! Sonnige Grüße, Jutta

    • Ja, das stimmt. Es ist ja leider auf vielen dieser “Trauminseln” so, dass der Kontakt mit Einheimischen sich auf Kontakt mit dem Hotelpersonal beschränkt. Ob das ein Fluch ist für ein Land oder vielleicht sogar ein Segen, weil die Touristen den Einheimischen nicht ihre Kultur aufdrücken können – ich weiß es nicht. Freut mich, dass der Bericht dir gefällt!

      Liebe Grüße! Anna

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