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Great Barrier Reef: Schwimmen mit Schildkröten

Sheila ist heute nicht zu Hause. Sie hat keine Lust auf Touristenmassen, sie möchte für sich sein. Irgendwo in den Weiten des Meeres zieht sie gemütlich ihre Bahnen. Die kleine schwarze Boje am Rand des Riffs, die Sheilas Zuhause markiert, wackelt im leichten Seegang kaum merklich auf und ab. Wir ankern einige Meter entfernt um die Wasserschildkröte nicht zu stören wenn sie nach Hause kommt. Normalerweise entfernt sie sich nicht sehr weit von der Boje.

Auf dem Schiff wuseln Kinder und Erwachsene durcheinander. Vor zwei Stunden haben wir den Hafen von Cairns verlassen, jetzt sind wir endlich da. Das Great Barrier Reef breitet sich vor uns aus. Noch können wir von der Unterwasserwelt nicht viel erkennen, können es kaum erwarten, ins Wasser zu springen und drauflos zu schnorcheln.

Während ich noch mit meinem Lycra-Anzug kämpfe, drückt mir ein blonder Holländer einen Schnorchel und eine Tauchmaske ins Gesicht. Passt.  Ari arbeitet seit drei Monaten auf dem Boot, fährt so gut wie jeden Tag hinaus ans Riff. Er braucht Geld, um sich seinen Aufenthalt in Australien zu finanzieren. Ins Wasser darf er fast nie. Seine Kollegin Meg, die redselige Britin, drückt mir Schwimmschuhe in meiner Größe in die Hand und schickt mich damit nach unten, wo ich kurz vor dem Sprung ins Wasser meine Flossen umgeschnallt bekomme.

Wir sehen alle gleich aus

In den schwarzen Ganzkörperanzügen sehen im Wasser alle irgendwie gleich aus. Die Anzüge sind Pflicht, denn in den australischen Sommermonaten ist Stinger-Saison. Die kleinen Quallen sind mit bloßem Auge fast nicht zu erkennen. Wer mit ihnen in Kontakt kommt, ist so gut wie tot. Hier draußen am Riff ist die Wahrscheinlichkeit allerdings sehr gering, da kommt es schon eher vor, dass ein harmloser Riffhai an den Schwimmflossen knabbert.

Ich schwimme ein Stück von der Gruppe weg, denn die Haie meiden Menschenansammlungen und ich möchte unbedingt einem begegnen. Die Tiere faszinieren mich noch mehr als das Korallenmeer, das sich unter mir ausbreitet. Es ist ein wenig bewölkt, die Farben sind dennoch intensiv. Ich frage mich, wie das Schauspiel wohl bei Sonnenlicht aussieht. Vor einer Anemone warte ich einige Minuten, vielleicht kommt ja ein kleiner Nemo heraus geschwommen. Doch Fehlanzeige. Die Bewegung eines größeren Tiers lenkt mich ab – ein Hai hat meinen Weg gekreuzt. Durch die Taucherbrille sieht er größer und näher aus, als er tatsächlich ist. Ich tauche ihm hinterher, er verschwindet. S. und ich müssen ziemlich weit von der Gruppe weggeschwommen sein, niemand kommt uns mehr in die Quere.

Und dann sehe ich in einigen Metern Entfernung Sheila. Aufgeregt winke ich zu S., der noch ein Stück entfernt ist. Er sieht mich, folgt mir. Ich schwimme so schnell ich kann, hole Sheila ein. Ganz nah traue ich mich nicht an das mächtige Tier heran. S. schwimmt nun auch neben uns. Zu dritt durchqueren wir Seite an Seite das Riff. Ihre Schwimmbewegungen erinnern an unsere, in regelmäßigen Abständen streckt sie ihren kleinen Kopf aus dem Wasser. Sheila ist gänzlich unbeeindruckt von ihrer Begleitung. Wir sind dafür umso beeindruckter. Und können uns erst vom Anblick der Schildkröte lösen als der Pfiff ertönt, der uns warnt: Wenn wir noch weiter vom Schiff wegschwimmen, kommen Ari und Meg mit dem Motorboot um uns zurück zu holen.

Bitte beachten: Weil ich auf der Tour zum Great Barrier Reef keine Kamera dabei hatte, sind alle in diesem Artikel genutzten Bilder von Wikipedia. Zu sehen ist demnach nicht Sheila, sondern eine Artgenossin. Vor der Tour habe ich eine ganze Weile hin und her überlegt, ob ich eine Kamera mitnehmen soll oder nicht, und habe mich dann entschlossen, sie im Hotel zu lassen um alles, was ich beim Schnorcheln erleben würde auch wirklich zu erleben, und nicht bloß durch eine Linse. Im Nachhinein bin ich zwar ein wenig enttäuscht darüber, dass ich keine eigenen Fotos von diesem Erlebnis machen konnte, glaube aber auch, dass sich der Ausflug dadurch wesentlich stärker in mein Gedächtnis eingebrannt hat. 

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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