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Herr Richtig und der erste Roadtrip

Vor fast genau acht Jahren fragte mich mein Freund, ob ich schon mal in den USA gewesen sei. Ich war damals noch Studentin, Amerikanistikstudentin, und als Amerikanistikstudentin, sagte er, müsse man doch eigentlich mal in den USA gewesen sein. War ich nicht.

Ich hatte auch nicht vor, dort ein Auslandssemester zu machen, wie einige meiner Kommilitonen. Dass wir zu diesem Zeitpunkt ganz frisch zusammen waren, weniger als drei Monate, war sicher ein Grund dafür. Ein anderer war, dass ich während des Studiums immer gute Nebenjobs hatte, die ich nicht aufgeben wollte.

Gereist war ich bis dato zwar oft, aber nicht weit weg und nicht lange. Zum Austausch nach Frankreich konnte ich nicht mit, weil wir in unserer Klasse zwei Kinder zu viel waren und das Los entschied, dass ich eine der zwei Schülerinnen war, die nicht mitfahren durften. Das wochenlang erträumte Stipendium für ein Highschool-Jahr in den USA habe ich nicht bekommen – Motivationsschreiben sind ehrlich gesagt nicht meine beste Disziplin.

Mit meinem Vater war ich auf Elba, auf Mallorca, auf Korsika, in Griechenland, Irland und der Türkei, mit meiner Mutter in Spanien, mit Freunden an der französischen Atlantikküste und in Andalusien. Weiter als an die Grenzen Europas war ich nie gekommen. Ich hatte nie meine Füße auf einen fremden Kontinent gesetzt – die Reise in den asiatischen Teil der Türkei mal ausgenommen, immerhin war die Türkei damals gefühlt noch viel näher an Europa als sie es heute ist.

Die Idee, gemeinsam in den USA Urlaub zu machen, kam plötzlich, wie eine akute, fiebrige Eintagesgrippe, die sich von jetzt auf gleich im ganzen Körper breit macht. Es war ein Abend im Oktober. Ich weiß heute nicht mehr, wie viel Zeit zwischen dem ersten Gedanken an eine gemeinsame Reise und der Buchung lagen. Es kommt mir vor wie wenige Minuten.

Während wir vor dem Computer saßen, um nach Flügen an die Westküste zu schauen, überschlug ich meine finanzielle Lage im Kopf und rechnete aus, dass ich, wenn ich mich nicht komplett in meinem Lebensstil einschränken wollte, etwa neun Monate lang Geld zur Seite legen müsste, um mir die Reise leisten zu können. Und dass wir dementsprechend erst in einem Dreivierteljahr verreisen könnten. Denn ich hatte zwar gute Nebenjobs, beendete aber dank ausgedehnter Langeweile-Shopping-Touren trotzdem jeden Monat mit einer glatten Null auf dem Konto.

Wir hatten uns nicht vorgenommen, einen Flug zu buchen. Aber dann klickten wir uns Schritt für Schritt durch ein Buchungsformular und hinterließen dort unsere Daten. Doch erst als wir im finalen Buchungsschritt angekommen waren und ein JETZT BUCHEN-Button uns unschuldig und vornehm zurückhaltend entgegen blickte, erkannten wir, was wir gerade getan hatten. Wir waren nur noch einen Schritt davon entfernt, einen fiebrigen Traum zur Realität werden zu lassen.

Der Mauszeiger blinkte über der Schaltfläche.

Wir hatten je eine Hand auf der Maus liegen.

Keiner von uns traute sich, zu klicken und die Buchung zu besiegeln.

Wir waren genau einen Klick von unserem ersten gemeinsamen Urlaub und meiner ersten Reise auf einen fremden Kontinent entfernt. Wir waren uns bewusst, dass wir uns kaum kannten und dass wir das trotzdem durchziehen würden und dass es toll werden würde.

Ich weiß nicht mehr, wer von uns zuerst den Finger bewegte. Vielleicht haben wir wirklich gemeinsam unsere Finger bewegt, zeitgleich. Wenige Minuten später hatten wir eine Buchungsbestätigung im Postfach und eine Flasche Sekt geöffnet.

Wir hatten eine Reise gebucht, die fast ein Jahr später stattfinden würde. Wir waren erst drei Monate zusammen. Und wir fragten uns natürlich auch, ob das klappen würde.

Ein Jahr später waren wir immer noch zusammen. Im September flogen wir gemeinsam in die USA.

Es war meine erste Fernreise. Mein erster Roadtrip. Mein erstes Mal USA. Unsere erste gemeinsame Reise. Geschrieben habe ich darüber übrigens hier und hier.

Viele weitere Reisen sollten folgen. Denn ich hatte zwei große Lieben gefunden.

Der Mann, mit dem ich vor fast acht Jahren am Computer saß und mit dem ich heute vor genau sieben Jahren ein Motelzimmer in Los Angeles teilte, ist der Mann, den ich heute heirate. Und dieser Text ist nicht nur ein Liebesbrief ans Reisen. Er ist auch ein Liebesbrief an Herrn Richtig, den Mann, der für Anemina Travels hinter der Kamera steht und mit dem ich seit acht Jahren nicht nur meine Hotelbetten, meine Reisepläne und mein Fernweh teile, sondern auch mein Leben.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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