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Ludwigshafen: Ein Plädoyer für den Abriss

Pünktlich zur Eröffnung der ITB in Berlin hat Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal mehr einen tollen Tipp gegeben: Die Deutschen sollen mehr Urlaub im eigenen Land machen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Griechen, die Spanier oder die Italiener unser Geld vielleicht viel besser brauchen könnten, und auch davon, dass die Chance auf gutes Wetter in diesem Ländern ungleich höher ist, hat Angela Merkel natürlich Recht. Denn wer sein eigenes Land kennt, hat einen großen Vorteil: Er weiß, welche Ziele er auf gar keinen Fall empfehlen sollte. Dazu zählt Ludwigshafen.

Die Stadt im Südwesten Deutschlands ist – nun ja. Ludwigshafen halt. Wer dort lebt, kennt das Problem seit geraumer Zeit. Wer dort lebt, kann keinen größeren Wunsch haben, als wegzuziehen. Für den nicht pharmabegeisterten Touristen gibt es in Ludwigshafen kaum mehr zu sehen als die abstoßende Abscheulichkeit der BASF-Zentrale.

Ludwigshafen ist ein Mekka für alle, die von Industrie und Chemie begeistert sind. Und nur für die.

Das Risiko ist nicht zu unterschätzen, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft doch der eine oder andere Tourist nach Ludwigshafen verirren wird. Mannheim, frühere kurpfälzische Residenzstadt, und nur durch den Rhein von Ludwigshafen getrennt, will spätestens 2025 Europäische Kulturhauptstadt werden. Zudem bewirbt die Stadt sich derzeit um die Ausrichtung der Bundesgartenschau 2023. Das hinter beiden Vorhaben stehende Interesse ist leicht durchschaubar: Mannheim will mehr Touristen locken.

Nun ist es sehr leicht, sich im Straßengewirr zwischen Mannheim und Ludwigshafen zu verfahren. Ein unbedarfter Tourist kann, hat er die richtige Ausfahrt verpasst, schnell in der falschen Stadt landen. Und nicht nur der ausländische Tourist ist in Gefahr.

Wer einmal in Ludwigshafen gelandet ist, kann sich die Stadt ebenso gut einmal anschauen – wer als Elendstourist durch Favelas tourt, wird auch vor Ludwigshafen nicht zurückschrecken. Eine Stunde reicht für die Tour durch die Stadt.

Um einmal mit etwas positivem anzufangen: Parken in Ludwigshafen ist sehr günstig, selbst für den, der sich traut, länger als eine Stunde zu bleiben. Das Rathaus-Parkhaus ist zudem ein idealer Ausgangspunkt für einen kurzen Rundgang. In der Tat ist das ans Parkhaus angegliederte Shoppingcenter auch das Zentrum von Ludwigshafen. Hier kann man sogar echte Ludwigshafener sehen. Es ist einer der wenigen Orte, an die sich Menschen verirren. Außerdem gibt es hier Schnäppchen, so viele das Herz begehrt. Lederimitat-Schuhe, Lederimitat-Handtaschen, Ein-Euro-Souvenirs und weiterer unnötiger Kram wartet in den Auslagen der Billigläden auf stolze Käufer. Wer nicht zum Shoppen hergekommen ist, oder wem die Auswahl nicht gut genug ist, der sollte es in der Fußgängerzone versuchen, die vom Shoppingcenter in Richtung Norden führt.

Etwas an dieser Fußgängerzone ist sehr erstaunlich. Sie ist breit und sie ist lang, geplant und gebaut für eine mittelgroße Stadt wie Ludwigshafen mit seinen 170.000 Einwohnern. Doch unweigerlich muss man sich fragen, wo die sind. In der Fußgängerzone sind sie nicht. Die Party muss wohl an anderer Stelle steigen – wenn es denn eine gibt. Wer es einmal in die Fußgängerzone geschafft hat, sollte sich dort ein wenig umsehen, herumlaufen, die Auslagen der Läden begutachten. Die meisten von ihnen verkaufen Lederimitat-Schuhe, Lederimitat-Handtaschen, Ein-Euro-Souvenirs und weiteren unnötigen Kram – achso, das war ja schon da. Nun ja, etwas Besseres hat Ludwigshafen einfach nicht zu bieten. Geben wir der Sache eine letzte Chance.

Auf dem Rückweg zum Auto sollte ein kurzer Stopp an der Bushaltestelle südöstlich des Shoppingcenters noch drin sein. In einem kleinen, flachen Wasserbassin, in Wasser, das nach brauner Brühe aussieht, aber nicht ganz so schlimm riecht, ziehen direkt neben dem Haltestellenhäuschen ein paar Enten ihre Kreise. Gemeinsam mit den Einwohnern auf der Bank zu sitzen und dabei den spektakulären Blick auf die Hochstraße, dieses Monstrum aus Beton, zu genießen, das ist das wahre Ludwigshafen-Feeling. Die Straße ist der Weg zurück nach Mannheim. Nichts wie weg!

Nachts sieht die Hochstraße gar nicht so hässlich aus wie tagsüber. Moment mal – bist du wirklich über Nacht geblieben?

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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