Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten, 42 Sekunden

Kommentare 2

Schiffstagebücher, Teil IV. Ich glaube, mir wird schlecht

Mit der MS Romantika von Tallinn nach Stockholm

Zum ersten Mal höre ich die Stimme von Roland Lemendik über den Lautsprecher. Ich sitze im Buffetrestaurant der MS Romantika und schaufele mir löffelweise Rote-Beete-Lasagne in den Mund. Die beste, die ich je gegessen habe. Es ist laut im Restaurant. Die meisten interessieren sich überhaupt nicht für die Durchsage des Kapitäns. Ich schnappe nur wenige Worte auf: Sturm, Sicherheit, Wind, Außendeck, Verspätung. Verspätung.

Ach du scheiße! So viel Zeit habe ich nun auch wieder nicht in Stockholm, wo ich am nächsten Tag meinen Flug nach Hause erwischen muss. Das Wort Sturm lässt mich zunächst kalt. Hat mir ja gestern auch nichts ausgemacht.

Rummms. Es wackelt. Die Lampen an der Decke haben begonnen, zu schwingen. Wir sind jetzt seit einer Dreiviertelstunde unterwegs. Die Durchsage des Kapitäns liegt vielleicht fünf Minuten zurück. Beängstigend akkurat, die Sturmankündigung. Das hat einen ganz einfachen Grund: Bis jetzt sind wir im Schutz der Insel Naisaar gefahren. Nun haben uns die Wellen der offenen Ostsee erwischt. Das weiß ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Das wird Roland Lemendik mir erst am nächsten Morgen bei meinem Besuch auf der Brücke erklären.

Timo Savostkin sollte Recht behalten. Ich erinnere mich an seine Worte: Das ist kein normaler Sturm. Er wird in den nächsten Tagen stärker. Ich habe seine Tablette auf der Überfahrt nach Tallinn nicht gebraucht. Sie ist noch immer in meiner Hosentasche. Die paar Wellen haben mir am Ende doch nichts ausgemacht.

Da war das Außendeck noch offen: Regen im Hafen von Tallinn.

Ich beeile mich, mit dem Essen fertig zu werden. Als ich aufstehe, merke ich schon einen deutlichen Unterschied zur letzten Überfahrt. In einem Moment fühle ich mich leicht. Im nächsten zieht mich die Schwerkraft mit Wucht auf den Boden. Es ist fast ein bisschen lustig, wenn beim Gehen ein Bein nicht auf dem Boden aufkommt, weil der sich gerade gesenkt hat.

Die Außendecks sind geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis, steht da auf einem laminierten Stück Papier, dass diese Türen aus Sicherheitsgründen nicht geöffnet werden dürfen. Ein rotes Band versperrt den Weg. Unter den Lichtkegeln der Außenbeleuchtung braust die aufgewirbelte Gischt in einem Wahnsinnstempo ins Dunkel der Nacht. Mir schaudert bei dem Gedanken, da draußen stehen zu müssen.

Ich taumele die Treppen zu meiner Kabine hinunter. Deck 5. Drei Decks über der Wasseroberfläche. Außenkabine. Wenn ein Welle auf das Schiff trifft, spritzt die Gischt bis zu meinem Fenster und höher. Ich versuche mich abzulenken, aber ich kann es nicht länger leugnen: Mir ist schlecht.

Schlafen wird wohl das Beste sein, überlege ich. Also lege ich mich hin. Augen zu und durch. Mein Körper fühlt sich komisch an. Abwechselnd leicht und schwer. Ich atme so tief durch wie es geht. Kurze Zeit später ist mir todsterbenselend. Ich versuche mir vorzustellen, ich sei auf einem riesengroßen Surfbrett. Das hilft ein kleines bisschen. Sicherheitshalber stelle ich den Mülleimer neben mein Bett. Die Tablette in meiner Hosentasche habe ich völlig vergessen.

Wenn eine besonders große Welle gegen das Schiff prallt, wird es hell in meiner Kabine. Die Gischt wird von der Außenbeleuchtung angestrahlt. Ich höre ein Geräusch aus dem Bad: Irgendwas ist umgefallen. Dann, irgendwann, schlafe ich tatsächlich ein.

Die Ruhe nach dem Sturm

Als ich wieder wach werde, ist alles ruhig und meine Übelkeit ist vergessen. Wir sind im Stockholmer Schärengarten angekommen. Ich schaue aus dem Fenster. Da sind immer noch Wellen. Doch die sind so klein, dass sie einem so großen Schiff nichts anhaben können. Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg zu Kapitän Roland Lemendik, mit dem ich an diesem Morgen verabredet bin. Er ist mit zwei Kollegen auf der Brücke. Auch hier alles ruhig. Der Sturm ist gemeistert. Aber er war auch für Roland und seine beiden Kollegen nicht ganz ohne.

„Das war eine der anstrengendsten Nächte meiner Karriere“, sagt der Kapitän. Seit 17 Jahren steuert der 47-Jährige die MS Romantika. Einen so heftigen Sturm hat er lange nicht mehr erlebt. Wellenhöhe: 6–9 Meter. Windgeschwindigkeit: Bis zu 28 Meter pro Sekunde. Der Deutsche Wetterdienst stuft das als schweren Sturm ein. Darüber gibt es nur zwei Kategorien: Orkanartiger Sturm und Orkan. Der orkanartige Sturm beginnt bei einer Windgeschwindigkeit von 29 Metern pro Sekunde. Kein Wunder, dass da selbst so ein großes Schiff schwankt. Und kein Wunder, dass mir da übel geworden ist.

Alles im Griff: Roland Lemendik (links) mit seinen Kollegen Alar Koivumägi (rechts) und Peeter Kooser (hinten).

Roland beruhigt mich: Da sei ich bestimmt nicht die einzige gewesen. Viele Vorfälle gab es in der stürmischen Nacht nicht. Lediglich zwei panische Passagiere, erzählt er, hätten ärztliche Hilfe gebraucht. In der Bar hätten die Leute bis 2 Uhr gefeiert – fast so wie immer. Sie mussten sich beim Tanzen nur aneinander festhalten.

„In kritischen Situationen wirken beruhigende Worte aus dem Mund des Kapitäns Wunder“, sagt Roland. Präsent zu sein und mit den Gästen zu reden, gehört deshalb genauso zu seinen Aufgaben wie die Auswertung der Wettervorhersage und die Bedienung der Maschinen. Dass es stürmisch werden würde, wusste er schon 48 Stunden vor Abfahrt. Zwei Tage vor einer Überfahrt schaut er zum ersten Mal auf die Berichte, um einschätzen zu können, was ihn erwartet.

Einziges Wehmutströpfchen: Wir sind eine halbe Stunde zu spät. Das liegt daran, dass wir einen Umweg fahren mussten – zugunsten der Sicherheit. Die MS Romantika, das Schiff, das Roland Lemendik so gut kennt wie sein Zuhause in Tallinn, kommt am besten mit hohen Wellen klar, wenn sie direkt auf den Schiffsbug treffen. Deshalb ging es zunächst nach Norden und nicht wie normalerweise südlich an der Insel Naisaar vorbei.

Als der Hafen in Sicht kommt, muss Roland sich wieder voll auf die Navigation konzentrieren. Ich gehe ein letztes Mal in die Kabine und packe meinen Koffer. Am Nachmittag sitze ich im Flieger in Richtung Heimat.

Die Überfahrt von Tallinn nach Stockholm mit der MS Romantika dauert 17:15 Stunden und kostet in der Außenkabine (1-4 Personen) ab 208 Euro – bis 29 Tage vor Abreise 177 Euro. Wer mehr von Skandinavien und dem Baltikum sehen möchte, kann sich bei Tallink Silja mehrere Überfahrten zu einer Minikreuzfahrt zusammenstellen. Die Reederei hat dazu verschiedene Bausteine im Angebot.

Hier findest du die Teile I, II und III der Schiffstagebücher:
Kreuzfahrtfeeling. Von Riga nach Stockholm mit der MS Isabelle
Frischer Fisch. Mit der MS Silja Symphony von Stockholm nach Helsinki
Der Sturm. Mit der MS Superstar von Helsinki nach Tallinn

Ich wurde zu meiner Reise von Tallink Silja eingeladen. Dieser Text ist davon wie immer in keiner Weise beeinflusst und die wiedergegebenen Aussagen und Meinungen sind selbstverständlich meine eigenen.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

2 Kommentare

  1. Hey Anna!

    Ich habe dein Blog gerade entdeckt und finde ihn wunderschön! Ich hatte die Qual der Wahl, wo ich einen Kommentar hinterlassen sollte – als Trinkgeld, versteht sich! 🙂

    Dieser Artikel hat mich erneut dazu inspiriert, eine Reise nach Schweden zu planen. Von der Schiffspassage nach oder von Tallinn hatte ich schon gehört, aber noch nie dazu recherchiert. Jetzt lege ich deine Geschichte dazu ab und ziehe sie wieder hervor, wenn es an der Zeit ist!

    Danke fürs Teilen der Erlebnisse. Ich mag deinen verbindlichen Schreibstil, der mich alles mitfühlen lässt!

    Liebe Grüße
    Franziska

Kommentieren? Gerne!