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Schiffstagebücher, Teil III. Der Sturm

Mit der MS Superstar von Helsinki nach Tallinn

Timo Savostkin arbeitet am Infoschalter der Schnellfähre MS Superstar. Dreimal täglich fährt er von Helsinki nach Tallinn und dreimal täglich wieder von Tallinn zurück nach Helsinki. Die meisten Gäste, sagt er, wollten von ihm und seinen Kollegen nur wissen, wo das Klo ist. Ob die, die das fragen, meistens bleich im Gesicht sind und irgendwie krank aussehen, will ich wissen.

Nein! Timo lacht. Nicht bleich. Wenn ich ihm glauben darf, brauchen die Leute in der Regel tatsächlich nur Hilfe bei der Orientierung. Er sagt: „Die blödeste Frage, die mir je gestellt wurde, war: Sind wir eigentlich auf einem Schiff?

Timo findet diese Geschichte ziemlich witzig, aber ich muss sagen: Die Frage ist gar nicht so weit hergeholt. Auf meinen bisher zwei Überfahrten habe ich tatsächlich kaum gemerkt, dass ich auf einem Schiff bin. Entweder war die Ostsee in den letzten beiden Nächten unnatürlich ruhig oder die Schiffe, mit denen ich unterwegs war, sind so groß, dass ihnen der Seegang auf dem winterlichen Meer nichts anhaben kann.

Ich hatte bis heute zweimal Probleme mit Seekrankheit und daran erinnere ich mich mit größerem Unbehagen, als Timo das Wort Sturm fallen lässt. Wird die Überfahrt mit der MS Superstar das dritte Mal?

Rückblick, das erste Mal: Überfahrt nach Helgoland. Stürmische Nordsee. Ich 15 Jahre alt und überzeugt davon, dass ich einen Kuhmagen habe und dass so ein bisschen Wind mir doch nichts ausmachen würde. So lange ich draußen an der Reling bleiben durfte und den Horizont im Blick behalten konnte, war das auch so. Doch dann wurde es so ungemütlich, dass niemand mehr draußen bleiben durfte.

Kaum hatte ich den Horizont aus den Augen verloren, wurde mir todsterbenselend und ich suchte panisch nach einer Toilette. Mein Frühstück bahnte sich unaufhörlich in meiner Speiseröhre nach oben. Ich schaffte es nicht bis aufs Klo. Mein Frühstück landete auf dem Teppich im Flur. Man, war das peinlich.

Das zweite Mal wurde mir auf einer Ausflugsfähre an der Costa Brava in Spanien schlecht. Und das, obwohl ich an der Reling stehen durfte und obwohl die Wellen nicht außerordentlich hoch waren. Ich hatte allerdings am Tag vorher ein paar Gläser Rotwein und ein paar Gläser Schnaps zu viel getrunken, um ehrlich zu sein. Vielleicht war ich an diesem Tag nicht direkt seekrank.

Meine Reisehistorie weist darüber hinaus eine ganze Reihe seekrankheitstechnisch nicht erwähnenswerter Schifffahrten auf. Ich kann also nicht sagen, ob ich nun leicht seekrank werde oder nicht. Aber da Timo das Wort Sturm in den Mund genommen hat, bohre ich nach. Ja sagt er, das habe ich richtig verstanden. Gerade zieht ein Sturm auf. Mir wird kurz ein bisschen unwohl. Ausgerechnet auf diesem Schiff habe ich nämlich keine Kabine, in der ich still und heimlich ins Klo kotzen könnte. Ich müsste das wieder in aller Öffentlichkeit erledigen. Wie damals mit 15.

Weil ich so viel Zeit mit dem kläglichen Versuch verbracht habe, Timo doch noch zum Lästern über dämliche Gäste zu bringen, sind jetzt außerdem wahrscheinlich alle Sitzplätze in Klonähe längst vergeben.

Vielleicht hat Timo meine Gedanken gelesen. Oder vielleicht bin ich auch ein bisschen blass um die Nase, weil ich mir einbilde, dass es mit einem Mal viel stärker schaukelt. Als wir uns schon verabschiedet haben, höre ich, wie er mich ruft. Ich drehe mich noch einmal um. Er kommt auf mich zu gelaufen und drückt mir eine einzelne, im Blister verpackte, hellbraune Pille in die Hand.

„Der Sturm, weißt du. Nur für den Fall.“

Die Überfahrt von Helsinki nach Tallinn mit der Schnellfähre MS Superstar dauert 2 Stunden und kostet in der Nebensaison pro Person ab 22 Euro. Wer mehr von Skandinavien und dem Baltikum sehen möchte, kann sich bei Tallink Silja mehrere Überfahrten zu einer Minikreuzfahrt zusammenstellen. Die Reederei hat dazu verschiedene Bausteine im Angebot.

Teil I und II der Schiffstagebücher verpasst? Hier entlang!
Kreuzfahrtfeeling. Von Riga nach Stockholm mit der MS Isabelle
Frischer Fisch. Mit der MS Silja Symphony von Stockholm nach Helsinki.

Weiter zu Teil IV: Ich glaube, mir wird schlecht. Mit der MS Romantika von Tallinn nach Stockholm
 
Ich wurde zu meiner Reise von Tallink Silja eingeladen. Dieser Text ist davon wie immer in keiner Weise beeinflusst und die wiedergegebenen Aussagen und Meinungen sind selbstverständlich meine eigenen.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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