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Auf Mural Arts Tour in Philadelphia: Wo Graffiti Kunst ist

Illegale Graffiti sind ein Indikator für soziale Probleme. Aber wenn du einem Sprayer einen Pinsel in die Hand drückst und ihm die Aufgabe gibst, seine Umgebung ganz legal zu verschönern, wird er zum Künstler. Das Mural Arts Programm der Stadt Philadelphia tut genau das. Seit mehr als 30 Jahren. Mit großem Erfolg. Andere Städte werden immer wieder auf das Projekt aufmerksam und versuchen, es zu kopieren.

Phyl Francis sieht überhaupt nicht so aus, wie ich mir einen Menschen vorgestellt habe, der hauptberuflich mit Street Art zu tun hat. Sie trägt Hut statt Dreadlocks, dezenten roten Lippenstift statt Tattoo und feine Riemensandalen statt ausgelatschter Chucks. Sie ist eine zierliche, dunkelhaarige Dame und damit alles andere als der Typ Sprayer, den ich vor Augen hatte, bevor ich sie zum ersten Mal traf.

Foto: bklphoto für PHLCVB

Eine wie sie hätte ich eher in einem Museum erwartet als auf der Straße. Aber es soll bei unserer Tour ja schließlich um Kunst gehen – Straßenkunst halt. Und so nehme ich das alles einfach mal kommentarlos hin und schließe die Frau sofort ins Herz.

Das Mural Arts Programm von Philadelphia ist weltweit einzigartig

Phyl arbeitet für das Mural Arts Programm – ein Projekt, das weltweit einzigartig ist, wie sie mir stolz erklärt. “Wir waren ursprünglich mal ein Anti-Graffiti-Programm”, fügt sie in einem Nebensatz hinzu. Ich nicke, dann stutze ich. Wände bemalen ist doch Graffiti, oder nicht? Wie passt das denn zusammen?

Für Phyl gibt es da einen riesigen Unterschied: “Wildes Graffiti wird immer dann an Häuserwände und Straßenecken geschmiert, wenn es irgendwo kriselt. In Gegenden, wo junge Menschen arbeitslos sind und keine Perspektive sehen, werden die Wände häufiger verschmutzt als anderswo.”

Kann Graffiti Kunst sein?

Illegales Sprayen als Indikator für soziale Probleme? Das leuchtet mir ein. Ich denke an verschmierte Schriftzüge und willkürlich irgendwo aufgesprayte Symbole, verlaufene Farben und Beschimpfungen auf Mülleimern und Zügen oder in Hauseingängen. Klar, so etwas will niemand haben. Aber sind Murals – so heißen die Wandgemälde in Philadelphia – nicht auch in einem gewissen Sinne Graffiti? Klares Nein von Phyl: “Das was wir machen ist Kunst.”

David Guinn: Garden of Delight (Ausschnitt).

Rückblende: Philadelphia, 1984. Unter Präsident Reagan sind die USA in die Rezession gestürzt. 1982 sind zwölf Millionen Amerikaner arbeitslos. Besonders hart trifft es Afroamerikaner und Hispanics in den Städten – auch weil an Sozialhilfeprogrammen zuvorderst gespart wird. Reiche Weiße profitieren von den Steuersenkungen Reagans.

In Philadelphia herrschen Armut und Wohnungsnot, und die Stadt hat ein schwerwiegendes Graffiti-Problem. Bürgermeister W. Wilson Goode gründet das Anti-Graffiti Network, aus dem später das Mural Arts Programm hervorgehen wird. Junge Sprayer sollen hier auf die richtige Bahn gelenkt werden. Das Programm ist eine Präventionsinitiative für Problembezirke.

Michael Webb: Beasley Building Mural

Kunsttherapie ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts bekannt und wird in vielen Bereichen eingesetzt – zur Prävention ebenso wie zur Behandlung von psychischen und physischen Krankheiten. In der Arbeit mit Krebspatienten kommt sie zum Einsatz, ebenso wie in der Psychotherapie. Aber kann Kunsttherapie auch soziale Probleme bekämpfen?

“Sprayer sind künstlerisch hoch talentiert. Gib ihnen einen Pinsel statt einer Spraydose und sie wissen genau, wie sie ihn einsetzen müssen” – Phyl Francis

Das Mural Arts Programm kann es offenbar. “Wir haben hier unglaubliche Dinge erlebt. Die Leute ticken anders, wenn sie einmal bei uns gearbeitet haben und künstlerisch tätig geworden sind. Sie selbst und auch ihr Umkreis sind stolz darauf, etwas schönes und dauerhaftes geschaffen zu haben. Sprayer sind künstlerisch hoch talentiert. Gib ihnen einen Pinsel statt einer Spraydose und sie wissen genau, wie sie ihn einsetzen müssen. Wir bündeln hier nur ihre Talente und geben ihnen eine Aufgabe”, erklärt Phyl.

Rund 100 wegen Vandalismus verurteilte Sprayer werden jährlich von der Stadt engagiert und bezahlt, um bei der Planung und Durchführung von Mural-Projekten zu helfen. Weitere 36 sind festangestellt. Die Rückfallquote bei Jugendlichen Straftätern, die in das Mural Arts Programm gesteckt werden, liegt bei 20 Prozent.

Die Jugendlichen entwickeln ein besonderes Verhältnis zu ihrer Stadt

In anderen Programmen liegt sie bei 70 Prozent. “Sie setzen sich mit der Kunst auseinander und entwickeln ein ganz besonderes Verhältnis zu ‚ihrem‘ Gemälde – und zu ihrem Zuhause, ihrer direkten Umgebung, ihrer Stadt”, sagt Phyl. Das wirkt sich positiv auf die Gesellschaft aus.

Love Letter. Photo: carnagenyc, cc2.0

Die Murals in Philadelphia sind schön anzusehen – und sie erzählen Geschichten. Jedes einzelne von ihnen. Eines der schönsten dieser Kunstwerke ist der Love Letter in Westphiladelphia – ein Liebesbrief, der sich entlang der U-Bahnlinie vor den Augen der Bahnfahrer auftut.

Ein anderes, symbolisch aufgeladenes Mural ist “A People’s Progression Toward Equality” von Jared Bader. Es prangt auf einer riesigen Hauswand mitten im Stadtzentrum, davor befindet sich ein Parkplatz.

In Philadelphia ist Kunst allgegenwärtig

Das ist typisch für die Murals: Kunst ist überall. Oft versteckt in Innenhöfen oder auf Parkplätzen. Das Motiv ist ein überlebensgroßes Porträt von Abraham Lincoln und es erzählt die Geschichte des Strebens nach Gleichberechtigung. Viele Murals thematisieren das Zusammenleben von Weißen und Schwarzen.

Jared Bader: A People’s Progression Toward Equality.

Phyl bleibt stehen. Sie will mir die Bedeutung erklären. Ein Haus im Querschnitt ist zu sehen, in dem sich auf mehreren Etagen Menschen befinden. Treppen verbinden die Stockwerke. Alle arbeiten gemeinsam an einer Statue von Abraham Lincoln. Im Keller steht das Gerüst, Sklaven hantieren mit Werkzeug: Szenen aus den Anfängen Amerikas. Weiter oben Szenen aus dem Bürgerkrieg: Afroamerikaner und Weiße arbeiten gemeinsam an der halbfertigen Statue – allerdings von verschiedenen Seiten.

Im obersten Geschoss widmen sie sich gemeinsam der Feinarbeit an der fertige Statue des 16. amerikanischen Präsidenten, der sich Zeit seines Lebens gegen die Sklaverei aussprach. Und doch suggeriert eine weitere Leiter durch ein geöffnetes Dachfenster, dass da noch etwas kommen könnte. “Wir sind auf einem guten Weg, aber wir sind noch nicht am Ziel”, erklärt Phyl.

Die meisten Murals entstehen im Atelier

Die meisten Murals entstehen übrigens nicht an der Wand, sondern im Atelier. Jedes dieser Kunstwerke ist ein überdimensioniertes Malen nach Zahlen auf Leinwand. Beauftragt wird es bei Künstlern, aber gestaltet wird gemeinsam. Stück für Stück wird der spezielle, fertig bemalte Untergrund dann am Ende auf der Mauer aufgebracht.

Das hat Vorteile: Niemand muss sich in Schwindel erregende Höhen begeben um mitzumalen. Es spart Material – denn die Ritzen und Unebenheiten nackter Betonwände oder verputzter Mauern saugen die Acrylfarbe wesentlich stärker auf als ein Stück Stoff.

Meg Saligman: Philadelphia Muses.

Acht bis zwölf Monate dauert es, bis so ein Kunstwerk fertig ist. Mit der Idee bewerben die Künstler sich bei der Stadt, dann wird entschieden, dann wird umgesetzt. Mal mit Schulkindern, mal mit jugendlichen Straftätern, aber auch mal mit Gefängnisinsassen.

Geld kommt durch Privatspenden oder private Auftraggeber. Noch ist es nie ausgegangen, aber sie sind auf Hilfe von außen angewiesen. Seit Gründung des Mural Arts Programms sind in Philadelphia rund 3700 Wandkunstwerke entstanden.

Family Interrupted. Ein Gemälde von Eric Okdeh mit der Mural Arts Class des SCI Graterford-Gefängnisses. Foto: Michael Reali

Staircases and Mountaintops. Ascending Beyond the Dream. Ein Gemälde von Willis Humphrey aka NOMO und Jonny Buss mit der Restorative Justice Guild. Foto: Steve Weinik

 

Meine Reise nach sowie die Mural Arts Tour in Philadelphia wurde unterstützt durch das Philadelphia Convention and Tourism Bureau. Der vorliegende Text spiegelt meine eigene Meinung und meine eigenen Erfahrungen wieder. Teaserfoto: Bryan Lathrop für PHLCVB.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

3 Kommentare

  1. Ingeborg

    Großes Kompliment, Anna, für deine wörtlichen und bildlichen Erklärungen des Mural Arts Programms.
    Sowas hat Philadelphia!!?! Kaum zu glauben, aber ich glaube dir.

    Das sollte auf der ganzen Welt Schule machen. So wie Musik verirrte Kinderseelen (und auch ältere) einfangen und gesund machen kann, ist es anscheinend möglich, dass Menschen geholfen werden kann, die mit wildem Wändebeschmieren ihren Frust loswerden wollen, und die dann schließlich ihr Talent entdecken und anwenden dürfen. Hut ab vor dieser Phyl Francis! (…und vor dir!)

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