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Riecht komisch hier… Ökotourismus in Costa Rica

Nur ein kleines Stück von den letzten Gästehäusern entfernt, riecht es penetrant. Ich kann meine Gesichtszüge kaum unter Kontrolle halten. Moscow, der mich begleitet, lacht laut, als er sieht, wie ich meine Nase rümpfe. Ihn stört der Geruch nicht, er hat sich längst daran gewöhnt. Je näher wir unserem Ziel kommen, desto intensiver wird er. In der Wärme der Sonne stimmen tausende Fliegen ihr Lied an. Unser Ziel ist das Herzstück eines Vorzeige-Umweltprojekts – der Buenavista-Lodge am Rand des Rincón de la Vieja-Nationalparks in der Provinz Guanacaste. Dort will ich mir ein Bild vom Ökotourismus in Costa Rica machen.

Moscow Vidal ist 28 und sieht älter aus als er ist. Sonnengebräuntes Gesicht, ungepflegter, von weißen Strähnen durchzogener Bart, lange, strähnige Haare. Auf sein Gesicht fällt der Schatten seiner Hutkrempe, seine Augen blinzeln gegen die grelle Sonne an. Als er schließlich stehen bleibt, dringt der Geruch nach verrottendem organischem Müll mit einer Spur von Exkrementen deutlich in meine Nase. Ich blicke nach unten. Wir stehen vor einer kleinen Kläranlage. Drei Becken sind vor mir in den Boden eingelassen, getrennt durch niedrige Betonmauern, in jedem steht dunkelbraune Brühe.

Nach wie vor scheint Moscow weder den Geruch noch die Fliegen wahrzunehmen. Stattdessen beginnt er Fakten über die Anlage herunter zu beten. Wir befänden uns an der „wertvollsten Anlage der Lodge“, sagt er. Und springt auf eines der Mäuerchen, balanciert darauf bis er in der Mitte steht. Meiner Nase ist es egal, wie wertvoll diese Anlage ist – ginge es nach ihr, würde ich mein Gesicht jetzt abwenden.

Moscow hat einen Masterabschluss in Agrartechnik und arbeitet als Umweltmanager für die Buenavista-Lodge, ein Hotel mitten in einer der schönsten Gegenden Costa Ricas. Es ist umgeben von Nebelwald. Abgesehen von den Schreien tropischer Vögel oder den Lauten von Affen, die in den Baumwipfeln der Urwaldriesen tollen, ist wenig zu hören.

Der Blick über das weite Tal gibt den Blick frei auf Zuckerrohrplantagen. Zwei Geier ziehen ihre Bahnen über den Feldern. Auf dem Großteil der Anlage riecht es nach Blumen, nach frischem Mittagessen aus der Hotelküche, reifen Früchten und, wenn die Zimmer frisch geputzt sind, nach Seife aus der hoteleigenen Produktion.

Moscows Arbeitsplatz könnte paradiesisch sein. Doch unten an der Kläranlage, abseits der Gästebungalows durchmischt der Geruch des Ökotourismus die klare Luft und das Summen der Fliegen verdrängt die Geräusche des Waldes. Die Bewohner der Gästehäuser kriegen davon nichts mit – es sei denn, sie wollen. Die Anlage ist weit genug entfernt. Aber nicht so weit weg, als dass sie nicht doch Neugier auf sich ziehen würde.

Ökotourismus in Costa Rica: Auf dem Weg zu mehr Verantwortung für die Umwelt

Costa Rica ist für seine Bemühungen in puncto Ökotourismus bekannt, doch so weit wie die Buenavista-Lodge treibt ihn kaum ein Hotel voran. Die Seife auf den Hotelzimmern und für die Putzmittel wird aus Küchenabfällen hergestellt, Abwasser wird geklärt, Abfälle werden so weit wie möglich recyclet. Selbst Plastikmüll wird wiederverwendet – und sei es, um daraus Zäune zu bauen. Obst und Gemüse für das Hotelrestaurant stammen aus eigener Produktion. Die Klärschlämme aus Moscows Anlage eignen sich hervorragend als Dünger.

„Wir wollen der Natur zurückgeben, was wir uns von ihr nehmen“, sagt Moscow. Er glaubt, dass die Hauptverantwortung bei den Anbietern liegt. Aber er freut sich, wenn auch Touristen Interesse an seinen Bemühungen zeigen: “Denn nur wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen, können wir den Tourismus umweltfreundlich gestalten.”

Teil des Reinigungsprozesses: Diese Pflanzen ziehen ihre Nährstoffe aus dem bereits weitgehend geklärten und aufbereiteten Wasser und entfernen somit gleichzeitig eventuell übrig gebliebene Bakterien.

Die drei Klärbecken, zwischen denen Moscow steht, sind mit Abwasser gefüllt. Das wiederum befindet sich in verschiedenen Stufen der Reinigung. Es ist gemischt mit Küchenabfällen, Pferdemist und – natürlich – den Ausscheidungen der Hotelgäste. Ein falscher Schritt und Moscow würde bis zu den Knien in der Brühe stehen. Ich trete sicherheitshalber einen Schritt zurück.

Wenn die größeren Partikel herausgefiltert sind, fließt das Wasser in einen langen Plastikschlauch, wo es sedimentiert wird. „Komm rein und sieh es dir an“, ruft Moscow, springt von der Mauer und führt mich in den langgezogenen Schuppen, der den Schlauch beherbergt. Die Luft ist schwer, es riecht nicht besser als draußen, es ist schwül. Ein kurzer Blick muss genügen.

Ich bin froh, als wir den Schuppen auf der anderen Seite verlassen und dem Weg des Wassers folgen. Das wird, nach einem mehrtägigen Aufenthalt im Schuppen fast schon sauber, in ein Kanalsystem geleitet. Auf den Kanälen wachsen Pflanzen. Sie ziehen die letzten Bakterien aus dem Wasser, sie profitieren von den Nährstoffen.

Die Kläranlage macht das Hotel von einem öffentlichen Klärsystem unabhängig. Alles Wasser, das in der Buenavista-Lodge verwendet wird, wird auch vor Ort gereinigt. Anschließend kann es in den Boden absickern, für die Toilettenspülungen oder zum Wässern der Gärten genutzt werden.

Ein schöner Nebeneffekt: Das Methangas, das während der Sedimentierung entsteht, genügt, um das gesamte Hotel mit Gas zu versorgen – genutzt zum Kochen und zum Heizen.

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Zur Recherchereise nach Costa Rica wurde ich von TUI und Riu Hotels eingeladen.

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... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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