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Palm Springs: Wo die Wüste lebt

Die Szene hatten wir eigentlich vor langer Zeit schon vergessen, oder doch tief ins Unterbewusstsein verbannt. Jetzt, langsam aber sicher, kommt die Erinnerung zurück. Wir stehen mitten in der Wüste, einige Kilometer von Palm Springs entfernt am Eingang zum Andreas Canyon, um uns herum ungewöhnlich geformte Felsen. Der ungewöhnlichste von ihnen aber erscheint seltsam bekannt. Und dann bekommt unsere Erinnerung langsam ein Gesicht: Simba, ruft eine Kollegin.

Bilder drängen sich zurück in mein Gedächtnis. Simba, den sein Vater stolz in die Höhe hebt, Simba, der mit Nala durch die Steppe jagt, Simba, der der Tücke seines Onkels Scar entgeht, und der am Ende doch in dessen Falle tappt und den Tod seines Vaters mit ansehen muss. Wir erinnern uns an die Tränen, die wir vor der Leinwand weinten, und während die Geschichte in unseren Köpfen lebendig wird, wird auch der seltsam geformte Fels greifbar. Das ist der Ort, an dem König Mufasa seinen Sohn zum ersten Mal dem Volk der Tiere präsentiert, der Ort, an dem Simba laufen lernt, an dem er Scar zur Rede stellt, und an dem er am Ende über ihn triumphiert. Der Ort, an dem Nala und Simba am Ende ihren eigenen Sohn der Tierwelt zeigen. Das ist der Königsfelsen, Heimat des Königs der Löwen.

Ein Felsen, der irgendwie vertraut wirkt, erhebt sich am Eingang des Andreas Canyon. Er diente Walt Disney als Inspiration für den Königsfelsen.

Als der bekannte Disney-Film 1994 in die Kinos kam, war Firmenbegründer Walt Disney schon lange tot. Seine Nachfolger aber fanden ihre Inspiration noch immer in der Umgebung von Palm Springs. Dass Walt Disney selbst in Palm Springs lebte, ist keine große Überraschung. Sein erstes Haus kauften er und seine Frau 1948. Bereits in den 1930er-Jahren war Disney in der Stadt gewesen und hatte sie in sein Herz geschlossen, zu einer Zeit als Palm Springs noch nicht viel mehr war als eine Handvoll Farmen, das Desert Inn und ein oder zwei Shops mit Waren für den täglichen Bedarf. Klein und überschaubar, ja provinziell. Dennoch ist bereits dieser erste Besuch gleichzusetzen mit dem beginnenden Interesse Hollywoods an Palm Springs.

Wenige Jahre später, nachdem der Filmproduzent mit „Mickey Maus“ seinen ersten großen Erfolg gefeiert hatte, kam er wieder, diesmal mit dem Vorhaben, in der Wüste zu investieren. Schon bald entdeckten auch Disneys Kollegen die nur 100 Meilen von Los Angeles entfernte Wüstenoase Palm Springs als idealen Rückzugsort vom Trubel Hollywoods. Stummfilmschauspieler, deren Verträge es nicht erlaubten, sich weiter als diese Distanz von ihrem Arbeitsplatz zu entfernen, wurden durch den Spaß und die Exklusivität, die Palm Springs versprach, dorthin gelockt. Schon kurze Zeit später hatte Palm Springs seinen Ruf als Rückzugsort für all die Reichen und Schönen Hollywoods. Leben in dieser Stadt hieß von nun an feiern bis zum Abwinken. Schauspieler, Musiker, Politiker, Sportler und Mitglieder der amerikanischen High Society folgten dem Ruf in die Wüste.

Die Tiefebene, die sich vom Königsfelsen aus ausbreitet. Im Hintergrund ist Palm Springs zu sehen.

Heute sind die Straßen nach den prominentesten Gästen der Stadt benannt: Frank Sinatra Drive, Dinah Shore Drive, Gene Autrey Trail. Marlene Dietrich und Marilyn Monroe haben auf dem Walk of Stars, dem Coachella Walk of Fame, in Downtown einen Stern mit ihren Namen. Elvis Presley verbrachte hier einen Teil seiner Flitterwochen mit Priscilla; das von Robert Alexander gebaute Honeymoon-House ist heute eine bekannte Touristenattraktion und kann für Feiern oder – wenn das Portemonnaie es zulässt – auch für ganze Urlaube gemietet werden. Elvis mietete das Haus 1966 von seinem Erbauer Alexander, dessen Name heute mit dem Baustil des Mid Century Modernism gleichgesetzt wird, und plante zunächst, seine Hochzeit am Pool des Anwesens zu feiern.

Am Tag der Hochzeit waren jedoch so viele Medienvertreter anwesend, dass Elvis und sein Berater sich kurzerhand entschlossen, heimlich nach Las Vegas zu reisen. Ein in der Nachbarschaft lebender Journalist hatte den Vertretern von Presse und Rundfunk anscheinend einen wertvollen Tipp gegeben. Direkt nach ihrer Trauungszeremonie in Las Vegas kehrten Elvis und Priscilla nach Palm Springs zurück und verbrachten dort ihre Flitterwochen. Auch wenn es einer der größten Touristenmagneten ist, ist das Elvis-Haus nicht das einzig berühmte Bauwerk in Palm Springs. Mindestens ebenso berühmt ist das Anwesen Frank Sinatras, Twin Palms. Auch dieses Haus wird vermietet. Und auch dieses Haus hat seine ganz besondere Geschichte: Es wird gesagt, dass dort die legendärsten Partys gefeiert wurden, und Sinatra selbst gilt als einer der unterhaltsamsten Gastgeber. Jeden Nachmittag um vier hisste der Sänger eine Flagge über dem Pool, die den anderen Einwohnern symbolisieren sollte, dass die Party begonnen hatte.

Abgesehen vom Feiern wurde auch das Golfen in Palm Springs nach und nach immer beliebter, und Golfplätze, die durch das Wasser der heißen Quellen um Palm Springs herum gespeist wurden und werden, wuchsen wie Pilze aus dem Boden. Der Schauspieler und Entertainer Bob Hope war ebenso gerne für ein gutes Spiel zu haben wie die ehemaligen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und Gerard Ford. Schon bald hatte Palm Springs seine eigenen, lokalen Berühmtheiten. Meist waren das diejenigen, die den Hollywood-Stars am nächsten kamen, diejenigen, die den Klatsch weitertrugen und die Gerüchteküche brodeln ließen.

Einer von ihnen ist Mel Haber, der 1974 von New York nach Kalifornien kam, sich in Palm Springs verliebte, und ein Jahr später das Ingleside Inn kaufte, ein schon zu der Zeit sehr beliebtes Hotel. Ebenso wie mit dem Hotel hatte Mel auch Glück mit seinem angeschlossenen Restaurant, das er Mel’s taufte, und das auch heute noch gehobenes Essen zu fairen Preisen verkauft. Auch heute noch kommen Berühmtheiten zum Essen hierher. Doch auch wenn zufällig niemand Bekanntes am Tisch nebenan sitzt, wissen Mel und sein Team – in dem im Übrigen noch nie jemand ausgetauscht wurde – die Gäste mit kurzweiligen Anekdoten zu unterhalten. Denn obwohl sie alle schwören, die Geheimnisse ihrer Gäste nicht auszuplaudern, haben sie doch immer eine Geschichte parat. „Jeder Star der Welt war schon im Ingleside Inn“, brüstet sich Mel, der als Hüter des Klatsches und der Geheimnisse über die Jahre selbst zum Lokalhelden wurde.

Ein breites Grinsen erscheint denn auch auf seinem Gesicht, wenn er die Namen seiner berühmten Gäste aufzählt: Frank Sinatra, Bob Hope, Marlon Brando, Arnold Schwarzenegger, Silvester Stallone, John Travolta, Donald Trump, Madonna, oder Liza Minelli. „Es mag sein, dass in der letzten zeit auch mal einer der jüngeren Stars hier war“, sagt Mel. „Das Problem ist nur, dass ich eure Stars nicht kenne“, gibt er zu. Einer seiner Kellner springt ein: „Virginia Madison hat letzte Woche hier zu Mittag gegessen“, sagt er.

Und sie ist nicht die einzige, die Palm Springs, den Ort, der schon fast von Rentnern und Golfern übernommen worden war, einen Hauch seines früheren Rufs zurückbringt.Jay-Z und Beyoncé übernachteten im Parker, Lindsay Lohan war ebenfalls Gast des Luxushotels. Drew Barrymore liebt es, am Pool des ACE Hotels zu entspannen, und Cameron Diaz war für ein Fotoshooting im Indianerreservat, unweit der Stelle, an der der Königsfelsen sich über den Eingang des Andreas Canyon erhebt. Die Legende lebt: Auch wenn die Reichen und Berühmten heute die ganze Welt bereisen, ist ein Ende des für Palm Springs typischen Hunger nach Klatsch, Tratsch und Berühmtheiten noch nicht in Sicht.

 

Zur Recherchereise nach Palm Springs wurde ich vom Palm Springs Tourism Board eingeladen.

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... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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