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Die vielen Gesichter von Panama-Stadt

Auf gut zweieinhalbtausend Quadratkilometern lebt in der Ciudad de Panamá, östlich des Eingangs zum Panama-Kanal, rund die Hälfte aller 3,3 Millionen Einwohner des Landes. Einwanderer aus den Vereinigten Staaten, aus Europa oder Mexiko, Immigranten und Saisonarbeiter aus Nicaragua, Honduras oder Guatemala, genau wie Panamaer und indigene Bevölkerungsgruppen.

Panama ist ein Land der Vielfalt und ein Land der Extreme. Schon architektonisch gesehen spiegeln sich diese Gegensätze wider: Der Westen der Stadt mit seiner an Dubai erinnernden Skyline könnte der historischen, zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Altstadt kaum unähnlicher sein. Auf der einen Seite reihen sich monströse Bauten aus Glas und Stahl, die das Sonnenlicht in allen erdenklichen Schattierungen reflektieren, auf der anderen Seite stehen neben kleinen, windschiefen Häusern auch die ärmlicheren Bauten, Häuser aus Holz und Wellblech. Hier, im Schatten der Hochhäuser des Finanzdistrikts, leben die, die von Panamas Wirtschaftsboom nicht profitieren. Mit Slums, wie man sie aus anderen südamerikanischen Großstädten kennt, haben diese Siedlungen jedoch nichts gemein. Noch hat die Verstädterung Panama nicht mit solcher Wucht getroffen.

In den ländlicheren Gegenden des reichsten Landes in Zentralamerika ändert sich das Bild auf Einwohner und Lebensweise abermals. Hier leben Bauern in ärmlichen Verhältnissen, gemeinsam mit den noch existenten indigenen Bevölkerungsgruppen wie den Kuna, den Bokota oder den Guaymí, die gemeinsam etwa fünf Prozent der Bevölkerung stellen und ein ganz anderes Bild von Panama zeichnen als die Wolkenkratzer in Panama-Stadt: Eines von großartiger kultureller Vielfalt, um die die Stämme bis heute kämpfen.

Der Dreh- und Angelpunkt der panamaischen Wirtschaft: Die ultramodernen Hochhäuser der Neustadt, die Büros, Banken, Hotels und Shoppingmalls beherbergen, erinnern ein wenig an die Silhouette von Dubai.

Panamas Altstadt ist nur wenige Autominuten vom Finanzdistrikt entfernt. In Sichtweite der Skyline ist die Atmosphäre ganz anders: Die Casco Antiguo ist ein Rückzugsort vom Trubel und der Geschäftigkeit der Neustadt.

Paradoxerweise sind es genau diese Gegensätze, symbolisiert durch die verschiedenen ethnischen Gruppen, durch Architektur und durch Reichtum und Armut, von denen die Stadt lebt, und von denen auch das Land lebt. Für den Touristen sind sie wie ein Magnet. Die vielen Gesichter des Landes spiegeln sich in seiner Hauptstadt, und gemeinsam bilden sie ein Mosaik, das kaum noch anziehender sein könnte.

Wenn einer das Geheimnis dieses bunten Zusammenspiels kennt, ist es der bronzene Hahn auf dem Französischen Platz. Von seinem Standort auf einem Obelisken überblickt er das gesamte Panorama: Hier schiefe, mit Blumen überhängte Balkone in schmalen gepflasterten Gassen und farbenfroh gekleidete Kuna-Indianerinnen, die ihre bunten Molas zum Verkauf anbieten, dort Geschäftsleute in Jacketts und Anzughosen und Bürotürme, etwas weiter die Stahlkonstruktion, die bereits den Eingang zum Touristenmagnet Panamakanal andeutet.

Eine Kuna-Indianerin verkauft Molas, traditionell gestickte Stoffquadrate, auf dem Französischen Platz in Panama-Stadt.

Panama-Stadt wächst rasant. Die Urbanisierungsrate beträgt 2,3 Prozent im Jahr. 75 Prozent aller Panamesen leben bereits in städtischem Raum, wo es mehr Arbeit gibt, als anderswo. Die internationale Finanzkrise hat dem Land so gut wie nichts ausgemacht. Die panamaischen Banken verzeichnen eine überschüssige Liquidität, ausländische Investoren kommen gerne. Das Wirtschaftswachstum lag 2011 bei sieben Prozent, in einem Jahr, in dem die meisten anderen Länder mit einer Rezession zu kämpfen hatten. Für 2012 werden 8,5 Prozent erwartet. Für Panama bedeutet das eine Spitzenposition im Ländervergleich: Platz elf in der internationalen Rangliste des CIA World Factbook. Mit nur vier Prozent ist auch die Arbeitslosenquote sehr gering.

Panama lebt auf der Sonnenseite des Lebens – und das nicht erst seit kurzem. Die Geschichte des Landes ist eng mit seiner Lage am Isthmus von Darien verwoben. An der schmalsten Stelle ist Panama gerade einmal 80 Kilometer breit und bot damit auch ohne Kanal schon immer den kürzest möglichen Weg vom Atlantik zum Pazifik. Die Spanier nutzten den Weg ab 1513, um Inka-Gold aus Peru nach Europa zu transportieren, später fanden sie heraus, dass er sich auch als Abkürzung nach Asien eignete. Schon 1534 ließen sie die Möglichkeit eines Kanalbaus untersuchen, verwarfen die Idee jedoch wieder.

Erst viele Jahre später wurde die Idee wieder aufgegriffen: Der Franzose Ferdinand Lesseps, der auch den Suez-Kanal gebaut hatte, versuchte sich ab 1880 an der scheinbar unlösbaren Aufgabe – und scheiterte. Die Franzosen mussten sich aufgrund finanzieller und durch Gelbfieber ausgelöster gesundheitlicher Probleme aus dem Land zurückziehen und ihre Pläne aufgeben. Erst 1903 griffen die Amerikaner die Idee auf und stellten fertig, wovon viele vor ihnen geträumt hatten. Seit diesem Zeitpunkt ist der Panama-Kanal, fertiggestellt und eröffnet 1914, die wichtigste Handelsroute der Welt.

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... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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