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Paragliding in Ölüdeniz: Mit dem Gleitschirm über die Ägäis

Der Babadağ liegt in der Provinz Mugla im Südwesten der Türkei, gut 25 Kilometer südlich der Hafenstadt Fethiye und 15 Kilometer vom beliebten Urlaubsort Ölüdeniz entfernt. In 1969 Metern Höhe thront sein Gipfel über der Ägais. Von dort bieten sich atemberaubende Blicke über den Küstenabschnitt. Noch schöner als oben wird die Aussicht nur aus der Luft. Paragliding in Ölüdeniz, der Stadt am Fuße des Babadag, ist garantiert ein unvergessliches Erlebnis.

Es gibt kaum einen Tag, an dem hier keine bunten Gleitschirme durch die Luft schweben. Knapp 2000 Meter vom Gipfel ins Tal. Manche landen im Meer. Aber das, hat man mir versichert, passiert eigentlich nur, wenn unerfahrene Paraglider am Werk sind. Trotzdem dauert es eine Weile und einen ausgiebigen innerlichen Streit zwischen Vernunft und Abenteuerlust, bis ich mich entscheiden kann, ob ich den Tandemsprung wagen soll.

Es ist nämlich so: Erstens hab ich so ne latente Höhenangst. Und zweitens besteht diese Höhenangst im Prinzip nicht, wenn ich angegurtet bin und mich nicht so schnell von den Gurten oder Sicherheitsriegeln befreien kann. Ich kann zum Beispiel relativ problemlos Freefall-Tower fahren oder in einem kleinen Flugzeug mit Rundumaussicht sitzen, mir aber weniger gut vorstellen auf einem Gitterboden in fünf Metern Höhe zu laufen oder zu nah am Geländer einer Dachbar auf einem wackligen Stuhl zu sitzen (was, wenn da ein Windstoß kommt).

Paraglider kann man in Ölüdeniz jeden Tag beobachten. Immer schwirren bunte Schirme durch die Luft.

Paragliding ist irgendwie eine Zwischenlösung. Wind muss natürlich schon ein bisschen da sein. Der könnte mich von der Klippe wehen. Andererseits sitze ich ziemlich fest in einem Sitz. Genau genommen halten mein eigenes Körpergewicht und die Schwerkraft den Schirm offen und ich hänge einfach unten dran. Ziemlich fest angeschnallt auf jeden Fall und auch nicht alleine. Könnte also klappen. Und wenn nicht hier, wo dann? Die Ägais live von oben sehen (wie auf den ganzen tollen Postkarten abgebildet), das stelle ich mir schon ziemlich atemberaubend vor. Und vielleicht lenkt der Blick mich ja auch ein bisschen ab davon, dass meine Beine bei der Aktion völlig frei in der Luft baumeln werden.

Hier am Babadağ ist das Paragliden in etwa das, was in Venedig die Fahrt mit der Gondel ist. Jeder Tourist, der was auf sich hält, macht es. Ich gebe zu, der Vergleich hinkt ein bisschen. Solange man in Venedig nicht in eine James Bond-Verfolgungsjagd einbezogen wird, ist ein Ausflug auf die dortigen Wasserstraßen vermutlich mit ungleich weniger Adrenalinausschüttung verbunden wenngleich Daniel Craig als James Bond in Skyfall von genau diesem Berg gesprungen ist.

Aber der Gedanke beruhigt mich, als ich schließlich im Hotel meinen Namen in die Liste des Tourveranstalters eintrage, der mich schon in drei Stunden auf die Spitze dieses Bergs bringen wird.

In einem Anfall von Heiterkeit bin ich sogar zu Scherzen aufgelegt und frage, ob ich Rabatt bekomme, wenn ich vor Angst wieder runter laufe. Der Mann am Tourenschalter versteht meinen großartigen Witz nicht, aber weil in der Türkei halt jeder Preis Verhandlungssache ist, bekomme ich den Sprung für 100 statt 120 Euro.

Die folgenden zwei Stunden verbringe ich mit einem todesmutigen Testsprung in den Pool (Anlauf nehmen, auf den Hintern fallen lassen – das werde ich später am Berg auch machen müssen) und damit, am Boden meines Koffers nach warmen Kleidungsstücken zu suchen. Die werde ich für meinen Ausflug in 1969 Meter Höhe brauchen. Der Startplatz ist fast ganz oben. Man kann von dort aus in wenigen Minuten zum Gipfel laufen.

Blick vom Babadag auf Fethiye (hinten am Meer).

Außerdem ist der Babadağ einer der wenigen Berge, die mit ihrem Fuß quasi direkt im Meer stehen. Nur fünf Kilometer beträgt der offizielle Abstand zum Wasser (und ich frage mich, wer sowas eigentlich berechnet). Weil man somit die gesamte Berghöhe ausnutzen und nicht irgendwo über dem Meeresspiegel auf einer Wiese wieder landen muss, ist er so beliebt bei Paraglidern. Hier wurden schon internationale Wettbewerbe ausgerichtet, haben sie mir stolz erzählt.

Ein kleiner Bus bringt uns in einer etwa einstündigen, ziemlich holprigen Fahrt auf den Gipfel. Besonders gut ausgebaut sind die Straßen nicht und bei unserem Fahrer sind die Rennfahrer-Gene relativ stark ausgeprägt. Er hält nicht viel davon, in den Kurven abzubremsen. Wahrscheinlich will er keine Zeit verlieren. Wir sind zu sechst im Kleinbus, plus unsere sechs Tandempartner. Die Gleitschirme sind auf das Dach geschnallt. Je höher wir kommen, desto kälter wird es. Und es zieht durch die Fenster.

Am Startplatz herrscht dichtes Gedränge. Aber Karan hat spitze Ellenbogen.

Mein Tandempartner ist Karan. Das bedeutet heldenhafter Mann, sagt er. Wikipedia bestätigt mir das – aber natürlich erst nach der Rückkehr. Ist ja schon mal gut, denke ich. Besser als Angsthase oder Ichschmeißdichraususdemschirm. Karan bereitet mich schon mal drauf vor, dass oben ziemliches Gewusel herrschen wird. Und tatsächlich. Als wir am oberen Startplatz ankommen und aus dem Bus steigen, sehen wir überall Menschen, die ihre Gleitschirme auspacken.

Karan bedeutet mir, mitzukommen. Er schnallt mir einen Gurt an und sagt, dass ich dicht bei ihm bleiben soll. Die Plattform ist leicht abschüssig. Da laufen wir also gleich runter – um anschließend, wie durch ein Wunder, hoch in die Luft zu fliegen. In Physik war ich eher ne Niete.

An der Kante geht es steil bergab.

Ehe ich Zeit hatte, mich auf diesen Zeitpunkt vorzubereiten, hat mein Tandempartner sich schon nach vorne durchgekämpft. Ein paar letzte Griffe, dann laufen wir los. Hinter uns beginnt der ausgebreitete Schirm, sich langsam vom Boden zu heben, während unsere Bewegung immer mehr Druck auf die Schnüre ausübt. Die anderen von unserer Tour sind weit hinter uns. Karans Eltern hätten ihn vielleicht lieber Drängler oder Draufgänger nennen sollen.

Wir rennen auf den Abgrund zu bis ich merke, dass meine Füße den Boden nicht mehr erreichen, sondern in der Luft herum zappeln. Dann darf ich mich hinsetzen. Ab sofort muss ich eine gute halbe Stunde lang gar nichts mehr machen. Wir steigen nach oben. Die Thermik erwischt uns und treibt uns über den Gipfel des Babadağ. Vor uns liegt die Ägais. Das Wasser ist tiefblau, hier und da sind ein paar Boote. Am Horizont ist die griechische Insel Rhodos zu sehen. Karan zeigt hinüber. Ob ich schon in Griechenland war, will er wissen.

Von oben sieht das Wasser noch blauer aus als von unten.

Ich nicke, völlig begeistert von der Aussicht. Mein Adrenalinpegel hat sich nach wenigen Minuten Flug wieder auf Normallevel zurück geschaltet. Ich fühle mich sicher, obwohl meine Beine im Nichts baumeln. Nach ein paar Minuten bin ich fast gelangweilt und fange an, mich mit Karan zu unterhalten. Smalltalk, eigentlich nicht mein Ding. Seins wohl auch nicht: Er ist nicht sonderlich gesprächig, fragt aber, ob ich mehr Action will. Ich sage ja, er sagt okay. Und dann hänge ich plötzlich seitlich schräg im Seil. Wir fliegen Formationen, trudeln in der Luft und drehen uns um uns selbst. Und mein Magen dreht sich mit, nur schneller und in die andere Richtung. Ich glaube, mein Gesicht ist ziemlich weiß, aber ich kann mich gerade noch so davon abhalten, zu kotzen.

Vielleicht hat Karan das gemerkt, denn er hört abrupt mit den Späßchen auf. Wir sind schon ziemlich nah am Landeplatz, ich kann von oben wieder Dinge erkennen: Menschen, die im Meer baden und sich am Strand sonnen, eine Gruppe Menschen, die vor einer Hotelanlage Aerobic tanzt. Und dann ist es auch fast so weit.

„Einfach loslaufen“, erinnert mich Karan nochmal daran, dass ich nach der Landung nicht stehen bleiben und schon gar nicht hinfallen darf. Während wir dem festen Boden von Ölüdeniz entgegenkommen, bremst er langsam ab, bis wir so nah sind, dass unsere Zehen schon den Asphalt spüren würden, wenn wir die Beine austreckten. Ich merke, wie Karan sich aufrichtet und mich dabei leicht mit nach oben zieht. „Jetzt“, ruft er und ich setze beide Füße auf und laufe los. Die Ankunftsgeschwindigkeit war immer noch recht schnell und ich taumele ein bisschen, aber dann fange ich mich.

Wir müssen den Schirm ein Stück hinter uns her tragen, damit er nicht über uns zusammenfällt und wir uns darin verheddern und so den Platz blockieren.

Karan ist unten genauso schnell weg wie oben. Diesmal allerdings ohne mich. Er will jetzt noch einmal auf den Berg hoch und heute noch einmal alleine springen. Den riesigen Schirm hat er in Nullkommanichts wieder fein säuberlich zusammengelegt. Ich beschließe, dass ich nach so viel Aufregung ein bisschen Ruhe verdient habe und miete mir ein Stand Up Paddleboard. Wasser ist irgendwie doch eher mein Element.

Interessierst du dich für die Region rund um Fethiye, Ölüdeniz und den Babadağ? Oder möchtest du allgemeine Tipps zum Reisen in der Türkei haben? Dann schau mal bei Thomas Cook vorbei, dort habe ich gemeinsam mit ein paar weiteren Reisebloggern meine Geheimtipps verraten: Die Vielfalt der Türkei erleben – 5 Reiseexperten verraten ihre Tipps.*

Möchtest du noch mehr zum Paragliden in Ölüdeniz wissen? Steffi von A World Kaleidoscope hatte auch Respekt vorm Gleitschirmfliegen – den Traum hat sie sich trotzdem erfüllt und geschrieben hat sie darüber auch. Hier entlang: Paragliding in Ölüdeniz – Eine Anleitung für Angsthasen (wie mich).

*Dieser Beitrag ist in Kooperation mit Thomas Cook entstanden. Der vorliegende Text spiegelt meine eigene Meinung und meine eigenen Erfahrungen wider.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

2 Kommentare

  1. Hallo Anna,
    ein schöner Beitrag!
    Ich bin noch nie geflogen, aber da bekomme ich direkt Lust, es irgendwann auch einmal zu probieren 🙂
    Wenn ich mal irgendwo Urlaub mache, wo sich die Gelegenheit bietet, werde ich zuschlagen.

    Lieben Gruß
    Linda

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