Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten, 4 Sekunden

Kommentare 19

Pattaya. Oder meine Flucht mit dem Taxi

Pattaya ist eine Stadt, die für ihre Vergangenheit berüchtigt ist. Ab etwa 1960 war sie so eine Art Sex- und Vergnügungsparadies für amerikanische Soldaten, die dort vergessen konnten, dass sie in Vietnam Menschen töten mussten und dass sie zu Hause Frau und Kinder sitzen hatten. Die Stadt boomte, Bordelle und Bars säumten das Strandufer, mehr und mehr zog es junge, arme Mädchen auf der Suche nach schnellem Geld ins Sündenbabel Thailands.

Ich wusste das, bevor ich nach Pattaya fuhr. Was ich nicht wusste, war, dass trotz anders lautender Versprechungen die Stadt sich nicht geändert hatte in den fast 40 Jahren seit dem Ende des Vietnam-Kriegs und dem Abzug der amerikanischen Truppen aus ihrem thailändischen Stützpunkt. Ich hatte gehört, Pattaya hätte sich gewandelt, hin zu einem Strand- und Badeort, einem Vergnügungszentrum für die ganze Familie. Ich hätte es besser wissen können. Doch ich wusste es nicht besser und so saß ich 18 Stunden nach meiner Ankunft in der Stadt des Grauens in einem Taxi, das mich so schnell wie möglich wieder weg bringen sollte.

Doch von vorne. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass es nicht meine Idee gewesen war, nach Pattaya zu fahren. Die Stadt lag auf unserem Weg zwischen Koh Chang und Bangkok, die Wettervorhersage versprach viel Sonnenschein und S. freute sich auf Action – Jetski, Parasailing und ähnliches. Pattaya ist auch für diese Dinge bekannt, Dinge, die wir beide schon immer mal ausprobieren wollten, die uns aber außerhalb von Südostasien immer zu teuer waren. Wir wussten, dass wir mit einer hohen Rotlichtquote zu rechnen hatten, aber am Strand, dachten wir, mit frischen Kokosnüssen in den Händen, würde uns das nicht allzu sehr stören.

Wir kamen nachmittags in Pattaya an, hatten genug Zeit, uns alles in Ruhe anzuschauen und Pläne für den nächsten Tag zu schmieden. Auf den ersten Blick wirkte die Stadt nicht anders als andere südostasiatische Großstädte. Es war heiß und stickig.

In unserem kleinen Hotel saß ein schlecht gelaunter Russe im Unterhemd auf einem Ledersofa und aß eine Nudelsuppe. Im Aschenbecher neben ihm qualmte eine Zigarette, über ihm summte der Ventilator. Dimitri musterte uns mürrisch. Dann rief er einen Mitarbeiter, der uns zu unserem Zimmer führte. Nennen wir ihn Ivan. Ivan war groß gewachsen, hatte dunkle Haare und eine große Nase – er könnte ein Thai gewesen sein oder auch ein Russe. Auch Ivan musterte uns. Wir hatten sein Angebot abgelehnt, für zehn Dollar Aufpreis pro Nacht die Fernbedienung für die Klimaanlage zu leihen. Damit hatten wir uns anscheinend keine Freunde gemacht.

Immerhin erklärten Ivan und Dimitri uns später noch den Weg zum Strand. Sie fragten uns, was wir vorhätten, wir sagten, die Stadt anschauen. Sie schauten sich an und erwiderten nichts darauf. Die einzigen anderen Touristen, die wir auf dem Fußmarsch Richtung Meer sahen, sprachen russisch. Bierbäuchige Männer, gut angetrunken, schlanke Blondinen an ihrer Seite, stark überschminkt, Kinder, auf deren Kleidungsstücken in Großbuchstaben die Namen von Luxusmarken prangten.

Ein paar weiße Männer mittleren Alters, ebenfalls bierbäuchig und gerne oberkörperfrei, bevölkerten die Strandpromenade – wohl in der Tradition der GIs auf der Suche nach willigen Thaifrauen. Von denen gab es dort genau so viele wie Sonnenliegen am nahegelegenen Strand. Frauen und Männer, daneben Mädchen und vielleicht auch Jungen, kaum älter als 15, himmelhohe Schuhe, gürtelkurze Röcke. So, dachte ich mir, muss es in der berüchtigten Herbertstraße im Hamburger Rotlichtmilieu St. Pauli aussehen, dachte ich mir. Mit dem Unterschied, dass die Nutten in Pattaya früher Männer waren – zumindest ein Teil von ihnen.

An eine Pause am Strand war nicht zu denken. Liege an Liege stand dort dicht gedrängt, vom Sand war fast nichts mehr zu sehen. Sonnenschirme verdrängten das Licht und die freie Sicht auf das Meer, überall Gestank, Dreck, Stripper und Prostituierte. Wir setzten uns auf eine Mauer um den Thai-Döner zu essen, den wir uns an einem kleinen Stand gekauft hatten. Ich hatte meinen zur Hälfte fertig, als sich ein Mann unterhalb von mir neben der Mauer aufstellte und ungeniert anfing, in meine Richtung zu pinkeln. Der Appetit verging mir in einem Wimpernschlag. Ich warf mein Essen auf den Müllhaufen auf dem Strand. Es war 16 Uhr. Ich kaufte mir an einem kleinen Stand ein Bier und stürzte es mit einem Schluck herunter. Danach ging es mir ein bisschen besser. In einer Bar überlegten wir, was wir nun tun sollten.

Wir fassten einen Entschluss: Weg aus Pattaya, und zwar so schnell wie möglich.

Weil wir unser Hotel schon für zwei Nächte bezahlt hatten, wollten wir wenigstens für eine Nacht bleiben. Unser Zimmer machte immerhin keinen üblen Eindruck. Zurück im Hotel ließen wir uns von Ivan beraten, wie wir am nächsten Morgen nach Bangkok kommen könnten. Er bestellte uns ein Taxi für 40 Dollar. Der Bus hätte uns einen Bruchteil gekostet. Uns war das egal. Es war uns auch egal, dass unser Taxifahrer wahrscheinlich kein Taxifahrer, sondern ein Freund, Bruder oder Onkel von Ivan war. Wir wollten weg hier, und zwar so schnell wie möglich.

Später am Abend hörten wir, wie Ivan an die Tür des gegenüberliegenden Zimmers hämmerte und jemanden aufforderte, zu gehen. Ich hatte ihn schon am Nachmittag beobachtet, wie er auf einem der unteren Flure vor einem Zimmer herumgelungert und an eine Tür geklopft hatte. Nur hatte ich mir nichts dabei gedacht.

Ich wollte es mir gerade im Bett gemütlich machen, da hörte ich erneut das Pochen, eine Stimme, die etwas erwiderte und kurz darauf zwei Frauenstimmen, die kichernd aus dem Zimmer kamen und sich in gebrochenem Englisch mit Küsschen von jemandem verabschiedeten. Prostituierte.

Es war offensichtlich: Der Russe fuhr, was die Zimmervermietung anging, zweigleisig. Unser Nachbar hatte sein Zimmer vermutlich nur für ein paar Stunden gemietet. Ich wünschte mir, ich hätte meinen Aufenthalt in Pattaya auch auf ein, zwei Stunden beschränkt. Statt mich unter die Decke zu legen, holte ich meinen Tropenschlafsack aus meinem Rucksack und wickelte mich stattdessen in den ein. Es war 23:06 als ich das letzte Mal auf mein Handy schaute. In etwas weniger als neun Stunden würden wir auf der Rückbank eines Autos sitzen, das uns endlich aus dieser Stadt brachte.

Buchtipp für Thailand

Dass du Pattaya meiden solltest, weißt du jetzt. Was du sonst noch wissen musst, wenn du eine Reise nach Thailand planst, erfährst du im eBook Faszination Thailand. Nützliche Tipps für Backpacker und Individualtouristen. Geschrieben von Südostasien-Experte Stefan Diener. Da bleiben garantiert keine Fragen offen!

Warst du schon in Pattaya?

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht – oder ganz andere? Ich freue mich über deinen Kommentar! Ich freue mich auch über Kommentare von Pattayaliebhabern, bierbäuchigen alten Männern und Menschen, die einfach generell eine andere Meinung haben.

Ich möchte dich aber bitten, dabei sachlich zu bleiben. Kommentare, die unsachlich sind oder Beleidigungen oder Unterstellungen enthalten, werden nicht freigeschaltet. Wenn du nach dem Lesen dieses Artikels also vor Wut schäumst, weil du mit deiner Googlesuche nach “Nutten Pattaya” nicht auf einer Pornoseite gelandet bist, sondern auf dieser, dann verschwende deine Zeit lieber nicht damit, zu kommentieren. Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit.
 

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

19 Kommentare

  1. Roy

    Befinde mich berufsbedingt in Pattaya und hatte davor auch ein mulmiges Gefühl bevor ich gekommen bin. Jedoch wohne ich jetzt 4-5 km vom Stadtzentrum entfernt im Norden von Pattaya (Na Klua) und solange ich mich hier befinde, bekomme ich fast nichts vom Bekannten Pattaya Image mit. Paar wenige Massage Bars gibt es auch hier aber kann man leicht umgehen, ansonsten sind hier kaum Touristen vorzufinden und man wird wie ein Mensch behandelt – das wirkliche Thailand. Mal zum Einkaufen kaum in der Nähe der Stadt werde ich von Taxifahrern, Frauen etc dumm angemacht deshalb bin ich sehr zufrieden mit meiner Gegend 🙂

  2. Tongkun

    [Beleidigung gelöscht] … wenn einer das Rotlicht sucht findet er es auch. Ich komme seit 20 Jahren nach Pattaya und es gibt auch schöne Flecken dort an denen man mit der Familie Urlaub machen kann. Wenn man natürlich nur in den billigen Hotel reingeht um zu sparen ist doch klar dass sich da nur Nutten und Freier aufhalten oder glaubts du im Hard Rock Cafe Hotel, Royal Cliff o.ä. kommen Männer mit Begleitung ohne weiteres rein ? Wenn ich natürlich Hotels wähle für 400 Bath die Nacht ist doch klar. Überall auf der Welt gibt es Prostitution und wenn ich gezielt suche finde ich dies auch. Man sollte nicht heiliger sein als der Papst!!!!

    • Lieber Tongkun, vielen Dank für diese Meinung. Die Beleidigung am Anfang habe ich gelöscht – bitte einfach sachlich bleiben. Ja, es gibt wahrscheinlich überall auf der Welt Prostitution – Als Frau kann ich das nicht so gut beurteilen wie ein Mann -, aber an wenigen Orten so offensichtlich wie in Pattaya. Dazu sei noch zu sagen, dass ich schon an sehr vielen Orten der Welt für wenig Geld übernachtet habe und dieses Problem nie irgendwo hatte. Beste Grüße

  3. tina

    Deinen Bericht kann ich nur unterstützen. Pattaya ist die wiederlichste Stadt die ich jemals besucht habe. Jeder Mann der dorthin fährt macht es nicht wegen dem schönen Wetter…..und über jedem undallem hängt dort der Schleier der Verzweiflung

  4. Rene

    Pattaya ist oft die Hölle da gebe ich dir recht.

    Mein erster Urlaub nach Thailand führte mich auch 2 Tage nach Pattaya.
    Es war stressig manchmal ecklig erschreckend aber auch lustig und interessant.

    Die Bars und das Rotlichtmilieu sind unübersehbar aber man muss einfach die Augen dafür verschließen ,sonst steigert man sich in den Hass so hinein und man übersieht die kleinen lustigen interessanten Dinge an diesem Fleck.

    Nicht jeder Russe sitzt in Unterwäsche schwitzend an der Bar und lechzt nach schnellem Sex.
    Ich habe dort viele Menschen kennengelernt ,vom Backpacker bis zum ausgewanderten Rentnerpärchen das die letzten Jahre noch im warmen genießen möchte.

    Du musst mit offenen Augen reisen und die schönen Sachen sehen.
    Die Welt ist nicht nur Sonnen und wir haben uns alle ganz furchtbar dolle lieb ,sondern manchmal auch schmutzig und grausam.

    • Danke für deinen Kommentar Rene! Was bringt es mir, die Augen zu verschließen, um die schönen Seiten zu sehen, wenn ich einfach woanders hin kann, wo es mir besser gefällt? Natürlich sitzen nicht alle Männer in Pattaya im Unterhemd nach schnellem Sex lechzend an der Bar, aber mir persönlich genügt es schon, drei davon zu sehen. Wenn denen das gefällt, sei’s drum. Die Welt ist schmutzig und grausam, ja. Aber Augen verschließen ist nicht besser als weiterreisen.

  5. Hey Anna,
    Ich danke dir für deine Ehrlichkeit! Boah ey, endlich sagts mal jemand. In Pattaya war ich noch nicht, aber Koh Samui fand ich teilweise echt auch schon grenzwertig … und ich habe das Gefühl, dass ich mir damit keine Freunde gemacht habe

    • Hallo Claudia,

      wenn du noch nicht in Pattaya warst: Fahr bloß nie hin! 😉 Thailand hat in der Hinsicht ja echt ein kleines Image-Problem und an manchen Orten zeigt sich halt, wo das her kommt… Klar, dass das niemand gerne hört. Die Stadtverwaltung von Pattaya zum Beispiel tut ihr bestes, das Image aufzupolieren – ohne aber irgendwas gegen die Ursachen zu unternehmen. So kann sich ja nichts ändern…

      Liebe Grüße!
      Anna

  6. Marcel

    Hey
    Also ich bin auch oft in Thailand unterwegs. Koh Samui , BKK….. und muss sagen, dass Pattaya schon richtig heftig ist! Es ist keine schöne Perle. Jedoch was man dort machen kann ist: Party! Wann immer wir auch nach Thailand kommen, 3-4 Tage Pattaya nehmen wir immer mit, weil wir finden das man dort am besten Party machen kann. Und das was euch an Männern die Ihr da seht anekelt, können die so gut wie ÜBERALL in Thailand machen, das geht nicht nur in Pattaya 🙂

    Alles gute, Marcel

  7. Sabine

    Oh mein Gott, ich find ja schon einige Strände um Phuket grausam. Aber Pattaya habe ich mir noch nie gegeben, obwohl ich schon mind. 5x in Thailand war. Das gruselige ist ja, dass dort nicht nur alte, häßliche Männer unterwegs sind, sondern auch ganz normale Typen, die wir auf den ersten Blick wahrscheinlich auch nett finden würden (wenn wir nicht wüssten, dass sie in Pattaya Urlaub machen…)

    • Hallo Sabine!

      Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, aber das stimmt! Ein Mann, der alleine oder alleine unter Männern in Pattaya Urlaub macht, ist mir auf jeden Fall suspekt, da kann er ansonsten noch so normal sein 🙂

      Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße!
      Anna

  8. Hi Anna! Ich sehe Pattaya förmlich vor mir, auch wenn ich nie dort war. In Thailand allerdings schon. Ich bin in Bangkok mal fast von einer Prostituierten verprügelt worden, weil sie dachte, ich würde ihr den Freier und das Geld klauen. Die Situation war so merkwürdig, dass ich kaum wusste, ob ich lachen oder weinen sollte.

Kommentieren? Gerne!