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Postkarte aus Sofia: Ein Leben vom Müll

Dimitar hat vor ein paar Jahren seinen Job verloren. Seitdem ist er arbeitslos, wie viel zu viele hier in Sofia. Er führt ein Leben vom Müll. Die jungen Leute flüchten aus Bulgarien, um im Ausland zu studieren und zu arbeiten. Viele hochqualifizierte Menschen verlassen das Land. In den letzten 25 Jahren ist die Einwohnerzahl von Bulgarien von 9 auf 7,5 Millionen gesunken, weil die, die können, weggehen. Die Arbeitslosenquote liegt im ärmsten aller EU-Länder bei 12 Prozent. In Sofia dürfte sie deutlich darüber liegen. Viele, die geblieben sind, leben vom Müll.

„Es gibt ja genug junge Arbeitslose, warum also sollte mir jemand Arbeit geben?“

Dimitar ist zu alt, um ebenfalls zu gehen. Er ist 55, hat sechs Kinder und eine Frau. Weil er seit Jahren keinen Job mehr findet, ihn keiner mehr nehmen will, sammelt er Müll. Er ist einer von vielen, die die großen, silbernen Tonnen der Hauptstadt nach Verwertbarem durchsuchen. „Es gibt ja genug junge Arbeitslose, warum also sollte mir jemand Arbeit geben“, erklärt er uns und zuckt mit den Schultern. Mit einem riesigen Plastiksack und einem hölzernen Sackkarren zieht er durch Sofias Straßen und sucht nach Plastik, sieben Tage die Woche. Hauptsächlich Flaschen. Dafür bekommt er ein paar Cent, sechs Cent pro Kilo Plastikmüll, um genau zu sein. Ob er davon leben kann, fragen wir ihn. „Geht schon irgendwie“, sagt er und lächelt freundlich. Leben vom Müll – er hat sich damit abgefunden.

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... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

6 Kommentare

  1. Ein spannendes Thema. Ich habe vor einiger Zeit einmal in China eine Reportage zum gleichen Thema geschrieben und einen Müllsammler einen halben Tag begleitet. War unglaublich spannend. Leider kann ich den Text online nicht mehr finden, sonst hätte ich ihn verlinkt.

  2. Hallo Anna, schön, dass du dem Thema ein Plattform gibst. Erst in der vergangenen Woche habe ich über die “Länderflucht” gelesen, über die Kinder, die allein bei Großeltern oder Verwandten bleiben, weil die Eltern gehen. Und nie mehr zurückkommen. Wie sie verwahrlosen – ungewollt – , weil die Alten überfordert sind mit der Aufgabe. Wie sie häufig Verbrennungen erleiden an alten Öfen, Herden und weil sie zündeln, weil ja niemand richtig auf sie aufpassen kann.
    Grüße, Jutta

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