Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten, 36 Sekunden

Kommentare 3

Postkarten von Jasmina. Eine Kurzgeschichte

Ihr Kopf war tief eingesunken, sie hatte die Schultern hochgezogen bis zum Kinn. Maria saß fast reglos auf ihrem Schemel in der Küche, die Augen blickten müde aus den verrunzelten Lidern. Sie wartete, wie sie es jeden Tag tat, und erwartete nichts.

Ihr Blick wanderte in dem dunklen Raum herum, sie musste blinzeln, als er den Sonnenstrahl traf, der sich zwischen den Vorhängen des Küchenfensters einen Weg nach innen gebahnt hatte. Er endete am Fuß der großen, schweren Holzuhr im Flur, Staub wirbelte darin herum. Sie blickte ihm nach. Die Uhr, die einmal geduldig und beständig das Tempo des Lebens in diesem Haus vorgegeben hatte, gab keine Laute mehr von sich. Maria hatte das Pendel angehalten, als Jasmina weggegangen war.

Vor ein paar Tagen hatte sie eine neue Postkarte bekommen. Sie hatte die Karte zu den anderen gestellt, zwischen das große Milchglas und die Brotschale, wo sie sie immer sah, wenn sie sich in der Küche aufhielt. Und das tat sie meistens. Da standen sie, fein säuberlich hintereinander aufgereiht. Jede einzelne hatte sie verschlungen, wieder und wieder gelesen. Jedes Wort, das da stand in der kleinen, krakeligen Handschrift, ließ Jasminas Stimme in der Küche widerhallen. Sie erzählte Geschichten von fremden Menschen, Städten und Ländern, von denen Maria nicht einmal gehört hatte. Sie bewunderte ihre Enkelin und sie hasste sie dafür, dass sie einfach gegangen war. Doch sie hatte nicht versucht, sie aufzuhalten.

Sie hatte ihr ganzes Leben in diesem Haus gewohnt und sie hatte es selten länger als ein paar Stunden verlassen. Stundenlang hatte, vor vielen Jahren, ein junges Mädchen namens Maria Ana von innen an der tiefschwarzen Haustür gestanden und ausgeharrt, die Nase an die Glasscheibe gepresst. Es hatte auf die Straße gestarrt und gewartet, dass etwas passierte. Sein Vater hatte ihm nicht erlaubt, dort draußen zu spielen, weil sich das für Mädchen nicht zieme. Die Schwelle zur Freiheit, Maria Ana hatte sie argwöhnisch beäugt durch einen kleinen Schlitz zwischen den Lamellen der Holzjalousie. Viele Jahre später hatte Jasmina den Türrahmen weiß und die Wand türkis angemalt, das war, bevor sie gegangen war. „Es ist zu grau und dunkel hier bei dir Mia“, hatte sie gesagt.

Jasmina war ganz anders als sie. Sie hatte sich nie mit dem Sehschlitz in der Tür abgegeben, sie hatte die Tür aufgerissen, war hinaus gerannt auf die Straße, immer weiter. Das einzige was sie liebte, war draußen zu sein und ungebunden, auch im Winter. Drinnen war sie immer unglücklich gewesen. Sie hatte viel Energie, schon immer gehabt, und sie war ein überaus neugieriges Mäd-chen. Deshalb war sie gegangen. Vielleicht, dachte Maria, war sie für immer weg.

Neben dem Milchglas lag ein dicker, weißer Umschlag mit Fotos. Jasmina in der Wüste, Jasmina in den Armen eines ungepflegten Mannes, Jasmina an einem Strand, der so weiß war wie der auf den Postkarten, die sie in regelmäßigen Abständen schickte. So weiß, wie Maria noch nie einen gesehen hatte. Wie sie niemals einen sehen würde. Jasmina hatte ihr gesagt, dass sie sie mitnehmen würde, aber Maria wusste, dass sie dazu nicht mehr viel Zeit haben würde.

Ein schwaches Leuchten erhellte ihr Gesicht, als sie Jasminas Fotos durchsah. Ihre kleine Jasmina, ihr Wildfang, war irgendwo dort draußen, ganz alleine. Sie sah glücklich aus. Maria schloss die Augen und träumte, wie sie es immer tat, jeden Tag, seitdem Jasmina in der Welt herum reiste. Was wäre, wenn sie noch einmal so jung wäre wie ihre Enkelin? Würde sie Jasmina besser verstehen können?

Die Handlung und alle Charaktere dieser Kurzgeschichte sind frei erfunden. Hat dir die Geschichte gefallen? Teile sie doch mit jemandem, der dir genauso wichtig ist wie Jasmina für Maria!

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

3 Kommentare

    • Hallo Robert! Vielen Dank 🙂 Hier kannst du meinen Newsletter abonnieren: anemina.com/de/newsletter. Du kannst mir aber auch gerne auf Facebook, Twitter oder Instagram folgen! Wenn du mit dem Handy auf der Seite unterwegs bist, findest du die Social Icons auf der Startseite unter der Slideshow, auf dem Tablet stehen sie auf jeder Seite ganz oben und sonst findest du sie unten links unterhalb des Menüs! Einfach drauf klicken, dann wirst du entsprechend weitergeleitet. Liebe Grüße! Anna

  1. Inge petrsi...

    Eine schöne Geschichte, eine Geschichte, die wahr sein könnte und nicht “nur erfunden”!
    Ich kann die Handlung nachempfinden, auch wenn meine Augen noch nicht müde aus verrunzelten Lidern blicken. Aber ich denke, dass viele alte Menschen noch Träume haben und – auch wenn sie selber nicht mehr reisen können, – glücklich sind, wenn junge Menschen, Kinder und Enkel, sie teilhaben lassen an ihren “Abenteuern”. Danke, Anemina!!!

Kommentieren? Gerne!