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Von Alltag und Langeweile des Reisens

Reisen ist spannend. Reisen ist Erlebnis. Reisen ist die Erweiterung des Horizonts. Wirklich? Blödsinn! Reisen, das war vielleicht einmal Spannung, Erlebnis und Horizonterweiterung. Heute ist Reisen eine durch und durch normale und alltägliche Beschäftigung, die fest definierten Regeln und Routinen folgt.

Fast alle Reisen beginnen, wenn nicht mit dem Gang ins Reisebüro, mit der Flugbuchung. Die Vielfalt der zur Verfügung stehenden Airlines ist groß, die Preise variieren je nach Jahreszeit und Anbieter, aber auch nach Wochentag und Tageszeit. Da lohnt der Vergleich. Bietet die Airline veganes, laktosefreies oder koscheres Essen an? Gibt es kostenlose Getränke an Bord? Wie viele Zentimeter Beinraum bietet Reihe sieben? Wie viele Zwischenfälle, wie viele Abstürze hat es bei der Airline in der Vergangenheit gegeben?

Antworten auf alle diese Fragen und damit größtmögliche Vorhersehbarkeit und Sicherheit liefert das Internet. Dass man bei all der guten Planung am Ende acht Stunden auf dem Rollfeld warten muss, ehe der Flieger abheben darf: Pech. Dass Schnee und Eis im Winter regelmäßig Flughäfen lahmlegen und Reisende am Reisen hindern: Ärgerlich. Festzuhalten bleibt: Heute ist das Reisen vorhersehbar. Das Internet und seine Informationen haben es nicht nur vereinfacht, sie haben ihm auch die Spannung genommen.

Alles wirkt bekannt

Das Hotel in Brüssel, in London, Paris oder Sydney, gebucht über das, ist ziemlich genau wie erwartet, wie von tausenden vorherigen Besuchern fotografiert, bewertet und kommentiert, der Platz vor dem Hotel wirkt auf den ersten Blick schon irgendwie bekannt, weil man die Gegend schon vor der Abreise virtuell bereist hat. Der Eiffelturm entpuppt sich dann als eine kleine Enttäuschung, weil er nicht ganz so glamourös aussieht wie auf den zahlreichen Google-Fotos, und irgendwie auch kleiner. Andere Sehenswürdigkeiten, etwa das Taj Mahal, präsentieren sich ihren Besuchern auf virtuellen Rundgängen, die einen besseren Einblick verschaffen als ein Vor-Ort-Besuch, weil sie auch Bilder von für Touristen gesperrten Bereichen zeigen. Selbst Dorfkirchen kann man im Internet auf 360-Grad-Ansichten bestaunen. Muss man da eigentlich überhaupt noch weg?

Bei dem hier beschriebenen Phänomen handelt es sich um selektiv standardisierte Wahrnehmung. Reisende sind ihr mit stetig steigenden und immer leichter zugänglichen Informationsquellen immer stärker ausgesetzt sind. Sie birgt die Gefahr, das Erlebnis des Fremden verflachen zu lassen. Das Internet und seine unendliche Informationsvielfalt spielen ihr in die Hände. Selektiv standardisierte Wahrnehmung, das heißt, dass die Wahrnehmung des Fremden durch die eigene Erwartungshaltung bestimmt wird. Oder, in anderen Worten: Man sieht nur das, was man sehen will und was man zu sehen glauben muss.

Was bleibt?

Was bleibt von der Reise? Fotos, deren Motive denen der anderen Urlauber gleichen. Hotelbewertungen, die dem immer gleichen Schema folgen. Tipps an den Freundeskreis, wie das Reiseziel zu handhaben ist. Schöne, aber verschwommene Erinnerungen an das Reiseziel, die durch die Fotos am Leben erhalten werden. Und vielleicht die Erkenntnis, sich bei der nächsten Reise einfach mal treiben zu lassen. Ihr die Routine zu nehmen und das Alltägliche. Damit sie tatsächlich etwas besonderes wird.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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