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On The Road Again: Ein amerikanischer Traum

Ich sitze neben S. auf dem Beifahrersitz. Wir fahren schon seit einer ganzen Weile, das heißt, er fährt, ich schaue nur voller Staunen aus dem Fenster. Dort, vor der Windschutzscheibe, fliegt die Landschaft des US-amerikanischen Westens an uns vorbei. Nur ab und zu kommt uns ein anderes Fahrzeug entgegen, um dann, eine Minute später, am Horizont und aus dem Seitenspiegel zu verschwinden. Irgendwie fühlt sich unser Chevrolet Cobalt sehr klein an. Zuhause in Deutschland fahren wir Autos, die noch kleiner sind. Aber auch unsere Straßen sind kleiner.

Durch die Autospiegel können wir beobachten, wie die Sonne langsam immer weiter herabsteigt und unsere Umgebung in leuchtendem Dunkelgelb erstrahlen lässt. Noch haben wir Tageslicht, doch wir nähern uns mit großen Schritten dem Abend. Wir haben eine Guns N‘ Roses CD in den Wechsler eingelegt und auf repeat gestellt. Unsere Mägen machen sich knurrend bemerkbar. Seit unserem kärglichen Hot-Dog-Picknick, bestehend aus Hot Dogs aus der Packung, Senf und labberigen Brötchen im Yosemite Park haben wir nichts mehr gegessen. Und das liegt schon Stunden zurück. Wir mussten unsere Pläne ändern: Statt über den Tioga-Pass zu fahren, nehmen wir nun einen großen Umweg in Kauf. Müssen ihn in Kauf nehmen. Denn der Tioga-Pass ist geschlossen. Wir wussten, dass die Straße häufig geschlossen ist, hauptsächlich allerdings im Winter – der dort streng genommen mit dem ersten Schneefall im Oktober beginnt und erst Mitte April wieder endet. Im Spätsommer aber sollte er eigentlich geöffnet sein. Vor der Abfahrt in den Sequoia-Nationalpark zwei Tage zuvor haben wir uns im Internet informiert – der Pass sei offen, hieß es. Eine Sperrung nicht in Sicht. Die Information darüber erhielten wir erst auf einer Anzeigetafel im Yosemite Park. Gut, dass wir den Hinweis auch sahen. Sonst hätte uns unsere Fahrt in die Sackgasse wohl um weitere Stunden zurückgeworfen.

Ich greife nach hinten, suche auf der Rückbank nach den Crackern, die wir gestern gekauft haben. Jetzt anzuhalten um etwas Richtiges zu essen, ist keine Option, die Zeit rennt uns ohnehin davon. Auch habe ich kein Restaurant, geschweige denn eine Fast-Food-Kette mehr gesehen seit wir die Stadtgrenze von Sonora verlassen haben. Fürs Erste müssen wir mit unserem Keks- und Cracker-Vorrat Vorlieb nehmen. Der Sonora-Pass liegt vor uns, und die Besiedelung wird mit jedem Kilometer, den wir fahren, dünner. Wir werden die Sierra Nevada 80 Kilometer nördlich des Tioga-Passes überqueren und dabei einen Umweg von fast 250 Kilometern in Kauf nehmen. Vereinzelt erspähen wir Häuser, aber von einem Motel oder einer anderen Unterkunft keine Spur. Während es langsam dunkel wird, lese ich die Straßenkarte und schließe, dass wir bis nach Bridgeport fahren müssen um einen Platz zum Schlafen zu finden. Eigentlich wollten wir die Nacht in Bishop verbringen, 150 Kilometer südlich von Bridgeport.

Unsere Situation könnte schlechter sein, aber sie könnte auch besser sein. Morgen Nachmittag schon müssen wir in Las Vegas in unser Hotel einchecken. Normalerweise buche ich keine Hotels im Voraus, doch das Angebot war einfach zu gut. Wir müssen uns also beeilen. Und wir wollen nicht nur durchs Death Valley hetzen, sondern auch mal raus aus dem Auto. Heute noch über die Sierra Nevada zu kommen wäre ein großer Schritt.

Als es dunkel wird und wir unseren Hunger mit Käsecrackern und Cranberry-Keksen gestillt haben, starre ich in den Rückspiegel und beobachte das, was ich von der Umgebung im Dämmerlicht noch erkennen kann. Autos haben wir seit einer Weile keine mehr gesehen. Objects in the mirror are closer than they appear – Dinge im Spiegel sind näher als sie wirken. Zum ersten Mal seit zehn Tagen, die wir nun schon mit unserem Mietwagen durch die USA fahren, fällt mir der Aufkleber am Spiegel auf, und das, was darauf steht. Wie, frage ich S., soll man sich in diesem riesigen Land jemals eine Vorstellung von Nähe machen? Wir lachen, und plötzlich hat sich die Stimmung im Auto wieder geändert. Noch immer läuft die Guns N‘ Roses CD leise im Hintergrund. Wir drehen sie wieder lauter. Auch wenn wir beide müde sind und uns das Ende dieser Autofahrt herbeisehnen, ist die Monotonie des Fahrens doch unendlich beruhigend. Kilometer für Kilometer fahren wir den Sonora-Pass hinauf und um uns herum wird es stockdunkel. Jetzt würde ich das Auto nicht einmal zum Pinkeln verlassen wollen. Ich kann so gut wie nichts sehen.

Die Tankanzeige ist seit einer Weile im roten Bereich.

Die Kurven werden immer enger, während wir uns der Pass-Spitze nähern. Niemand außer uns ist hier. Es ist weit nach zehn Uhr abends als wir die höchste Stelle des Sonora-Passes passieren und wieder nach unten fahren. Bridgeport ist nun nicht mehr so weit entfernt. Unsere Tankanzeige allerdings nähert sich langsam dem roten Bereich. Wir freuen uns, am Ortseingang von Bridgeport eine Tankstelle zu sehen. Daneben ist ein Motel, in dem wir den letzten noch freien Raum, eine Familiensuite, beziehen. Ohne noch irgendetwas zu essen fallen wir ins Bett. Morgen werden wir eine weite Strecke zurücklegen müssen.

Wir stehen früh auf. 580 Kilometer trennen uns von unserem Zielort, dem Strip von Las Vegas. Bis zum Nachmittag wollen wir dort sein – und auf dem Weg wenigstens noch ein oder zwei Sehenswürdigkeiten anschauen. Auf unserer Fahrt erfreuen wir uns an dem wunderbaren Blick auf die Bergkette der Sierra Nevada und einige Zeit später, auf die Wüste. Nur eine Handvoll Autos kreuzt unseren Weg. Abgesehen davon ist auch auf dieser Seite der Berge kaum ein Zeichen von Leben auszumachen. Kilometer für Kilometer folgen wir dem schnurgerade nach Süden verlaufenden Highway 395. Nichts lenkt uns ab. Keine Wolke ist am Himmel. Die Unendlichkeit breitet sich vor uns am Horizont aus. Wir sind On the Road Again. Wir leben den Amerikanischen Traum.

Unsere Reise nach Las Vegas hat begonnen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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