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Der letzte weiße Fleck: Darf man eigentlich nach Nordkorea reisen?

Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, den man als Tourist nicht sehen kann. Mit dem richtigen Pass und dem passenden Geldbeutel stehen uns alle Grenzen offen. Selbst das sonst so abgeschottete Nordkorea lässt Reisende ins Land. Der ein oder andere fragt sich an dieser Stelle bestimmt, wer zur Hölle nach Nordkorea fahren würde. Ich zum Beispiel. Ich denk darüber nach. Und: Immer mehr Menschen nutzen die Möglichkeit. Aber darf man eigentlich bedenkenlos überall hin fahren?

Wer sich nach Nordkorea wagt, betritt vielleicht so etwas wie den letzten weißen Fleck, den es auf der Weltkarte noch gibt. Viele wissen gar nicht, dass das geht. Doch laut Reiseagenturen steigen die Besucherzahlen, auch wenn es keine offiziellen Statistiken gibt. Die Regierung in Pjöngjang wirbt aktiv um Touristen aus China oder Europa. Auch US-Amerikanern wird die Einreise nicht verwehrt, trotz aller politischen Anfeindungen. Das Land braucht Devisen, Dollars sind herzlich willkommen. Wozu das Geld am Ende gebraucht wird, darüber will man lieber nicht nachdenken.

Für die, die kommen, ist Nordkorea nicht nur eine undurchsichtige, gefährliche und korrupte Diktatur, sondern auch – und vielleicht in erster Linie – eine abenteuerliche Verlockung. Es ist ein Land, von dem wir so gut wie nichts wissen. Die Fotos und Informationen, die wir bekommen, sind stark gefiltert. Wir wissen nicht, was Realität ist, was geschönt, was reine Propaganda. Es gibt kein McDonalds, kein Coca Cola, kein Facebook. Die Reise ist eine Reise in eine Vergangenheit, die vom Westen unberührt geblieben ist. Die chinesischen Touristen sagen über Nordkorea, es sei wie China in den Achtzigerjahren.

Wer nach Nordkorea fährt, tut das aus Neugier und Abenteuerlust. Um das Land kennenzulernen, das keiner kennt. Und seine Menschen. Doch Reisen nach Nordkorea sind durchgeplant und regierungskonform. Kontakt zur Bevölkerung? Ja, aber nicht einfach so. Die Dialogpartner werden sorgfältig ausgewählt. Der spontane Kontakt zu einem Einheimischen kann für diesen zum Verhängnis werden, warnt das Auswärtige Amt.

Was aber bedeutet der Tourismus dann für die Menschen? Einerseits bietet er die Möglichkeit, der Bevölkerung ein anderes, klareres Bild vom Westen zu zeigen – einer Welt, die sie sonst nur aus Propagandamaterial kennt. Von dem Geld, das der Tourismus ins Land spült allerdings dürfte der normale Einheimische kaum etwas haben – das nämlich geht an die Regierung. Legitimiert der Tourismus damit deren Gebaren?

Ob eine Reise nach Nordkorea ethisch und moralisch in Ordnung ist, ist letztendlich eine andere Frage: Ist eine Reise ein politisches Statement? Wenn sie das wäre, stünde längst nicht mehr nur Nordkorea auf der Liste der Staaten, deren Besuch verwerflich wäre.

Würde ich nach Nordkorea reisen? Irgendwann vielleicht. Als Journalistin, die sich auch im Internet als solche outet, hätte ich vermutlich allerdings kaum eine Chance, ein Touristenvisum zu bekommen. Denn das wird nicht an jeden ausgegeben. Nicht, dass jemand herausfindet, wie das alles wirklich ist, in Nordkorea.

Mehr zu Nordkorea und zum Tourismus im Land des Flüsterns:

Is tourism in North Korea a good or bad idea? Elf Abtrünnige erzählen ihre Geschichte auf nknews.org

Dominik Schwarz ist nach Nordkorea gereist und erklärt seine Motive in Why I traveled to North Korea

Mandy hat nach langem Überlegen eine Reise nach Nordkorea gebucht. Sie erklärt sehr detailliert und nachvollziehbar, was sie letztendlich davon überzeugt hat, das zu tun. Nicht zuletzt hatte dieses skurrile Video eines Nordkorea-Touristen mit der Entscheidung zu tun:

Kim Jong-Un, der verrückte Herrscher Nordkoreas mit dem Topf-Undercut steht im Fokus des Tumblrs Kim Jong-Un Looking at Things, den ich euch ans Herz legen möchte. Und wer wissen will, warum ein junger deutscher Mann glaubt, Nordkorea sei kein böses Land, die USA hingegen schon, lese bitte im Vice Magazine seine Geschichte nach.

Würdest du nach Nordkorea reisen? Oder hältst du das alles für kompletten Blödsinn?

Alle in diesem Artikel verwendeten Bilder sind von Stephan, der eine ganze Reihe weiterer, toller Fotos aus Nordkorea auf seinem Flickr-Profil eingestellt hat.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

6 Kommentare

  1. Ohne das Thema jetzt verharmlosen zu wollen: Da fallen einem sicher noch mehr Länder ein, in die man, an ethischen Kriterien gemessen, nicht reisen sollte. Aber ich kann dem Reisen nach Nordkorea nur Positives abgewinnen. Denn ich sehe es so: Jedes Stückchen Tourismus öffnet auch das Fensterchen des sich einander Verstehens einen Spalt breit. Die Frage ist: Schadet Tourismus den Menschen in Nordkorea? Mir ist hierzu kein Fall bekannt. Und dann überwiegen für mich die positiven Aspekte, auch wenn sie zum jetzigen Zeitpunkt nur ganz schwer abschätzbar sind.

  2. Hallo Anna,

    ich persönlich würde mich nicht unbedingt für Korea interessieren, aus meiner Sicht gibt es noch genug weiße Flecken. Von der politischen Seite her würde ich es zwiespältig sehen. Ich würde z.B. wahnsinnig gerne nach China oder Kuba reisen, wo die Situation ja auch nicht unbedingt hasenrein ist. Wenn ich die Möglichkeit bekommen würde, wäre ich vermutlich im Interessenskonflikt.

    • Hallo Rabin,

      danke für den Kommentar! Ich habe immer das Gefühl, dass jeder zweite, mit dem ich mich übers Reisen unterhalte, schon in China oder Kuba war – daher entsprechen diese beiden Länder nicht unbedingt meiner Definition von weißen Flecken. Da hat Nordkorea schon irgendwie noch eine Ausnahmeposition. Aber was Menschenrechtsverletzungen angeht ist China natürlich vorne dabei.

      LG, Anna

  3. Hallo Anna, ich kann Deine Überlegungen, nach Nordkorea zu fahren, sehr gut nachvollziehen. Ich selber spiele schon seit längerem mit dem Gedanken, irgendwann mal nach Nordkorea zu fahren und habe vor einiger Zeit angefangen, gezielt nach Blogs von Leuten zu recherchieren, die bereits in Nordkorea waren. Dabei bin ich auf die englischsprachigen Blogs “Backpacker Becki”, “Time Travel Turtle” und “Wandering Earl” gestoßen. Von Peking aus gibt es direkte Touren dorthin. Natürlich kann man die Auffassung vertreten, dass es politisch und moralisch verwerflich ist, nach Nordkorea zu fahren, aber ich stimme Dir vollkommen zu, dass es dann sehr viele Länder gäbe, in die man aus politischen Gründen nicht reisen dürfte, die jedoch jedes Jahr von Millionen, auch deutscher Touristen, bedenkenlos bereist werden. Mit Ausnahme meiner Mutter hält mich jeder, dem ich von meinen Überlegungen erzählt habe, für verrückt, aber ich versuche ja auch nicht, irgendjemanden davon zu überzeugen, mich zu begleiten oder selbst dorthin zu reisen. Mal schauen, sollte ich tatsächlich mal längere Zeit in China sein, reise ich vielleicht wirklich nach Nordkorea. Ich werde auf meinem Blog darüber berichten.

  4. Hallo Anna, danke fürs Verlinken! Ja, Nordkorea ist ein spannendes Thema bei dem die Meinungen auseinander gehen. Ich denke das muss jeder mit sich selbst ausmachen, ob er dort hin reisen möchte. Und wie du schon schreibst, so eine Reise ist keineswegs ein politisches Statement. Dass die Devisen dem Regime zugute kommen, damit muss man rechnen. Ob es sich letztendlich “lohnt”, Nordkorea zu bereisen, kann ich frühestens nach meiner Rückkehr Mitte September beurteilen. 😉

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