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Attacke der Blutsauger. Sinharaja, Sri Lanka

Sri Lanka hat mehr zu bieten als Sandstrände, Buddhastatuen und Teeplantagen. Wer unberührte Natur sucht, wird im Sinharaja-Regenwald fündig. Der Wald ist eines der letzten und schönsten Naturparadiese des Landes. Doch während der Regenzeit gestaltet sich der Besuch tückisch.

Als ich auf dem kleinen Parkplatz am Rande des Sinharaja Forest aus dem Kleinbus steige, quietscht es unter meinen Sohlen. Matsch. Die Warnung unseres Guides Janaka kommt eine Sekunde zu spät. Ich bin direkt in eine riesengroße Pfütze getreten. Meine Schuhe stecken im Schlamm fest.

Feuchtigkeit liegt in der Luft, als wir uns auf den Weg ins Innere des Sinharaja-Regenwaldes machen. Es gibt eine Reihe von Wanderwegen im Wald. Wir laufen den kürzesten, Waturawa. Er ist 2,5 Kilometer lang. Der längste ist mit 14 Kilometern der Sinhagala Trail.

Hinter einem Drahtzaun entdecken wir Kinder in hellblauen Schuluniformen. Sie schreien und spielen. Drei Jungen laufen an den Zaun, um uns zu sehen und uns zu winken. Als ich meine Kamera auspacke, grinsen sie. Dann rufen sie laut nach Dollars.

Die Kinder lernen hier früh, dass weiße Touristen Geld haben und Geld geben. Doch ich schüttele den Kopf. Von mir gibt es nichts. Eine Lehrerin kommt dazu und schimpft mit den Jungen. Ich darf sie fotografieren.

Als wir weiter laufen, rufen die drei uns etwas hinterher. Ich drehe mich um und sehe, wie sie schnell die Köpfe zusammenstecken und lachen. Was sie wohl aushecken? Vielleicht wissen sie schon, was uns im Wald erwartet. Sie müssen es wissen, der Waldrand ist ihr Zuhause.

Ein Dorfbewohner gesellt sich zu uns. Er heißt Narim und trägt eine lange Hose und grüne Flip Flops, die bei jedem seiner Schritte quietschen. Heute führt er uns durch den Regenwald. In der Hand hält er eine durchsichtige Plastikflasche, die mit einer hellen, leicht milchigen Flüssigkeit gefüllt ist.

Wir anderen tragen kurze Hosen und geschlossene Schuhe – auf Anraten von Janaka – und haben jede Menge klares Wasser dabei. Es ist schwül und heiß, viel Trinken ist angesagt. Narim und Janaka unterhalten sich, dann wendet sich Janaka uns zu, um zu übersetzen.

Es ist Regenzeit in Sri Lankas Südwesten. „Regenzeit“, sagt Janaka leichthin, „ist Hauptsaison für Blutegel.“ Die leben im Sinharaja und tummeln sich bei dem Wetter zu Hunderttausenden auf dem Waldboden, wo sie auf arglose Beute warten. Die Würmer sind nur eine von zahlreichen Spezies, die sich in dem knapp 6000 Hektar großen Wald heimisch fühlen.

Der größte zusammenhängende Wald Sri Lankas zählt zum Unesco-Weltnaturerbe und ist für seine immense Biodiversität berühmt. Wer hierher kommt, sucht Natur pur und bekommt sie auf dem Silbertablett geliefert. Mit allen schönen Aspekten – und je nach Jahreszeit und der persönlichen Einstellung zu Würmern und Insekten auch mit den weniger schönen.

Weil die kleinen Blutsauger am Boden leben und dort auf Lebewesen lauern, denen sie Lebenssaft abzapfen können, werden wir angewiesen, unsere Schuhe fest zuzuschnüren und die Socken ganz hochzuziehen. Bei jeder Erschütterung im Untergrund richten die Blutegel sich auf, um ihre Opfer anschließend anzuspringen, um sich mit ihren winzigen Rüsselchen festzusaugen. Je höher die Schuhe, desto besser. Ich trage halbhohe, braune Sneaker und wadenlange Socken. Immerhin besser als Schlappen. Am liebsten hätte ich gelbe Gummistiefel. Denn auf denen würde man die Mistviecher wenigstens sehen, während sie nach oben kriechen.

Blutegel sind vollkommen harmlos und ihre Bisse tun nicht weh, aber die Vorstellung, dass einer sich unter der Hose unbemerkt nach oben schleicht und im Oberschenkel festbeißt, lässt mich schaudern.

Hat sich ein Blutegel erst einmal in der Haut festgebissen, kann man entweder warten, bis er sich von selbst wieder löst oder die Flüssigkeit darüber kippen, die Narim bei sich trägt. Blutegel verdicken das Blut, von dem sie sich ernähren, schon bei der Aufnahme. Einen großen Wasseranteil scheiden sie direkt wieder aus. Hat ein ausgewachsener Blutegel sich erst einmal ganz vollgesaugt, kann er von der Blutmenge bis zu ein Jahr lang leben.

Vorsichtig tasten wir uns in den Wald vor. Mein Blick sucht immer wieder argwöhnisch Boden und Schuhe ab. Bald schon sind weit und breit keine anderen Menschen mehr zu sehen. Vorbei geht es an Urwaldriesen und Wasserfällen, immer tiefer in das Herz des wunderschönen, immergrünen Waldes.

Im Sinharaja leben neben den Blutegeln zahlreiche Wildtiere, deren Dasein bei mir und den meisten Menschen auf mehr Gegenliebe stößt. Etwa drei Elefanten und 15 Leoparden sollen hier zuhause sein. Sie zeigen sich selten und sind schwer zu erkennen. Denn der Wald ist dicht.

Dafür begleiten uns die zwitschernden und zirpenden Laute von Vögeln und Insekten, die über unseren Köpfen schweben. 141 verschiedene Vogelarten leben hier – und 65 Arten von Schmetterlingen. Seltene Pflanzen und Früchte wachsen am Wegrand.

Langurenaffen spielen kreischend in den Baumwipfeln. Der Haliwandura – so heißt der Weißbartlangur auf singhalesisch – ist hier zuhause. Man findet ihn nur in Sri Lanka. An der typischen weißen Behaarung rund um das unbehaarte schwarze Gesicht ist er leicht zu erkennen.

Nebelschwaden ziehen sich durch die Vegetation. Schwere Wolken hängen am Himmel. Der Jahresniederschlag beträgt hier zwischen 3000 und 6000 Millimeter. Aber wir haben Glück. Es regnet nicht.

Irgendwann greift Narim, der seine Flip Flops während der gesamten Zeit im Wald trägt, plötzlich mit Daumen und Zeigefinger zwischen seine Zehen, und zieht einen Blutegel hervor. Es ist ein kleines Würmchen, vielleicht zwei Zentimeter lang. Unser Guide hat kein Problem damit, gebissen zu werden. Warum auch? Die Blutegeltherapie wird seit Jahrhunderten von Medizinern praktiziert.

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Kleiner Tipp am Rande: Den Sinharaja-Regenwald solltest du wenn möglich nicht im Mai besuchen. Denn dann ist Hauptregenzeit in der Region und die Zeit, in der die Blutegel am aktivsten sind.

Touristen benötigen eine Genehmigung und einen Guide, um den Sinharaja-Regenwald zu besuchen. Beides gibt es am Eingang zum Park.

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Natürlich gibt es in Sri Lanka noch viel mehr zu entdecken als den Sinharaja Forest. Wie wäre es zum Beispiel mit einem ruhigen Tag in dem bezaubernden Strandort Arugam Bay, wo es die schönsten Wellen des Landes gibt?

Oder mit einem abenteuerlichen Roadtrip über die monsungeschädigten Straßen Sri Lankas, vorbei an Kühen, Elefanten und Göttern, die bestechlich sind?

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Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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