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Kuhkaff im Nebel: Son Trach, Vietnam. Irgendwo im Nirgendwo

Son Trach ist der Inbegriff des Nirgendwo. Sattgrüne Palmenblätter hängen an diesem Morgen über verschlammten Straßen und biegen sich im Wind als wir in unserem Taxi die Straße entlang fahren und einen ersten Blick auf unser Ziel erhaschen. Wasserbüffel stehen reglos auf überfluteten Reisfeldern. Hin und wieder ist das Knattern eines entgegenkommenden Mopeds auf der schmalen Hauptstraße zu hören. Ein Regenponcho aus dünnem Plastik hängt an einem Ast am Straßenrand und flattert im Wind. Nebel liegt über dem Dorf, als wir es erreichen. Der Wasserdunst hat seine Glocke ausgebreitet, und nur nach und nach werden Häuser sichtbar. Ich öffne das Fenster. Es ist feucht und warm hier, im Nirgendwo.

Der Regen hat uns auf unserem Weg von Dong Hoi nach Son Trach verfolgt. Als wir ankommen, lässt er nach. Nur von den hohen Bäumen, an denen Schlingpflanzen sich in die Höhe recken, tropft es noch herunter.

Son Trach liegt in Zentralvietnam, nicht auf dem schmalsten Streifen, aber doch ganz nah dran. Bis zur Grenze nach Laos sind es 30 Kilometer, auf der anderen Seite ist es etwa genauso weit bis zum Meer. Es ist gebirgig, was das schlechte Wetter erklärt. Die Regenwolken bleiben in den Bergen hängen. Vor ein paar Tagen hat ein Taifun die Gegend heimgesucht. Er hat Spuren hinterlassen, Schlammlawinen auf den Straßen, umgeknickte Bäume und Wasserpfützen und Dreck in den Vorgärten.

Es sind kaum Touristen hier, aber das liegt nicht am Wetter. Die, die kommen, bleiben fast nie länger als ein paar Stunden in Son Trach, wenn sie es überhaupt ins Dorf schaffen. Sie sind auf der Durchreise und machen einen kurzen Abstecher in den Phong Nha-Ke Bang, den Nationalpark dessen Höhlensystem unterirdisch bis nach Laos führen soll – auch wenn es jenseits der Grenze offiziell keinen Ausgang gibt. Hier befindet sich die größte Höhle der Welt, die Hang Son Doong, 6481 Meter lang und bis zu 200 Meter hoch. Sie ist erst vor 20 Jahren entdeckt worden. Noch immer ist nicht klar, ob sie regelmäßig für Touristen geöffnet werden soll.

Der Lonely Planet Vietnam widmet Son Trach immerhin eine Seite. Es gibt hier ein paar Hostels und zwei Farmstays, ein Stück vom Dorf entfernt auf einer Anhöhe, einer davon, das Lake House ist noch ganz neu. Dort kommen wir unter.

Selten ist ein Geheimtipp aus dem Reiseführer noch ein echter Geheimtipp. In Son Trach, Vietnam, trifft das zu.

Tham, die Dame des Hauses, erzählt, dass sie drüben am anderen Farmstay immer noch keinen Strom haben, weil der Sturm die Leitungen zerstört hat. Und dass die Ratten während des Regens auf Bäumen Zuflucht gesucht haben.

Nachmittags leihen wir uns Fahrräder und fahren hinunter ins Dorf, wo uns noch mehr Schlamm erwartet. Der Nebel will sich einfach nicht lichten. Aber immerhin, es bleibt trocken, sofern man diese Luftfeuchtigkeit trocken nennen kann. Mehrmals müssen wir durch Wasser fahren, das auf der Straße steht, weil der Fluss Son viel zu viel Wasser trägt.

Wir ziehen die Aufmerksamkeit auf uns. Nicht nur, weil wir bei diesem Wetter draußen sind, sondern weil wir weiß sind. Kinder laufen uns hinterher, sie winken aus kleinen, überdachten Veranden auf denen bunte Wäsche auf Wäscheleinen hängt und rufen uns ein paar Grußworte auf Englisch zu. Wasserbüffel trotten träge durch den Schlamm entlang des Flusses und grasen an dessen Ufer. Frauen und Männer kehren Schlamm vor ihren Haustüren und schauen uns neugierig hinterher. Wir sind eine Attraktion.

Es ist nicht weit bis zum Eingang des Phong Nha-Ke Bang, nur einige Meter über die Autobahn. Selbst auf der Autobahn kann man ohne Gefahr Fahrrad fahren. Zuhause würde man das hier wohl abschätzig Kuhkaff nennen.

Um uns herum nur Natur, ein Fluss, ein paar Hütten. Das hier ist das Nirgendwo. Das tiefste vietnamesische Nirgendwo. Aber es gefällt uns sehr gut hier.

Übernachtungstipp: Ein Doppelzimmer im Phong Nha Lake House kostet rund 25 Dollar pro Nacht, ein Bett im Mehrbettzimmer 8 Dollar. Das à la carte-Frühstück ist im Preis inbegriffen. Tham und ihr Mann Tony organisieren Ausflüge in die Umgebung und in die Höhlen und verleihen Fahrräder und Motorroller.

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... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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