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Wind, Geröll und Wellen: Surfen auf Fuerteventura

Auf der Straße liegt Glas. Feine Scherben auf dem dunklen Asphalt. Ich frage Sam, der draußen auf der Straße steht, ob etwas passiert ist. Ein Unfall? Ein kleiner Unfall, sagt er, der Surfbus ist jetzt auf der Fahrerseite ohne Fenster unterwegs. Gaia ist schon auf dem Weg in die Werkstatt.

Sam hat alles beobachtet. Das Fenster klemmte. Jemand hatte versucht, es mit Gewalt herunter zu drücken. Sam nennt keinen Namen. Mich wundert es nicht. Die beiden Surfbusse haben ihre beste Zeit hinter sich, obwohl sie noch gar nicht so alt sind. Doch sie sind jeden Tag unterwegs, hüpfen, stottern und holpern über Steine und Sandpisten. Irgendwann war die Tür des grauen Busses kaputt. Sie wird zurzeit mit einem Seil befestigt. Jedes Mal muss es vor der Abfahrt am rechten Vordersitz festgeknotet werden. Im gelben Bus klemmt der Gurt des Fahrersitzes. Nur Gaia weiß, wie man ihn lockert. Pau und Marco fahren auch mal, ohne sich anzuschnallen. Einer der Busse springt manchmal erst nach dem dritten Versuch an. Niemanden stört das.

Gaia, Pau und Marco sind nicht nur Surflehrer, sie entscheiden auch jeden Tag aufs Neue, wo es hin geht. Jeden Tag fahren sie ihre Schüler vom Planet Surfcamps-Surfhouse zu den besten Surfspots der Insel. Die Anfänger zu den Sandstränden, die Fortgeschrittenen ans Riff. Zwei bis dreimal täglich steuern die zwei vollbesetzten Mercedes Sprinter, einer grau, einer gelb, außen das weiße Logo mit den Würfeln, die Spots mit den schönsten Wellen an. Der Weg führt fast immer über die steinigen Buckelpisten an der Nordküste Fuerteventuras.

Heute Nachmittag geht es nach Punta Blanca. Es ist mein letzter Tag im Surfcamp. Es sind hohe Wellen gemeldet. Höher als die ganze Woche.

Wir warten, bis Gaia wieder da ist. Die Zeit vertreiben wir uns auf der Terrasse des Surfhauses in Corralejo. Die Sonne brennt vom Himmel. Die kalkweißen Wände um uns herum strahlen das Licht zurück. Unter den Dachbalken der Außenbetten ist es einigermaßen schattig.

Der Werkstattbesuch dauert nicht lange. Mit etwa einer halben Stunde Verspätung geht es los. Wir können einsteigen. Sam kommt auch mit. Er klettert nach hinten auf den freien Sitz neben mir. Seine Hand greift automatisch zum Gurt. Er ist der einzige, der sich auf der Fahrt immer anschnallt.

Von Corralejo bis Majanicho ist die Straße gut. Dann geht es auf Schotter weiter. Ein Jeep wäre hier sicher die bessere Wahl. Pau hat mir am Anfang der Woche erzählt, dass sein Chef auf Mercedes besteht.

Gaia hat die Musik voll aufgedreht. Jack Johnson dröhnt aus den Boxen. Die Surfbretter sind fest aufs Dach geschnallt. Wenn wir über einen besonders großen Stein brettern, setzt die Anlage kurz aus. Sam hält sich am Türrahmen fest.

Fuerteventura besteht hauptsächlich aus Sand und Geröll. An Land ist die Insel eintönig und hässlich. Auf dem Wasser aber lässt es sich aushalten.

Sam ist blass. Mir macht die Fahrt nichts aus. Ich freue mich auf die Wellen. Ich möchte an diesem Tag in keinem anderen Auto der Welt sitzen. Denn der Bus mit den bunten Surfbrettern auf dem Dach bringt mich mit Gaia am Steuer zur Bucht von Punta Blanca.

Gaia hat ein Auge auf mich geworfen. Sie hat mich eine Woche lang getriezt. Ich war in dieser Woche oft sehr wütend auf sie – oder auf mich – und wenn ich etwas umsetzen konnte von dem, was sie mir erklärte, war ich stolz. Doch diese Momente waren rar. Heute kann ich ihr zum letzten Mal beweisen, dass ich etwas gelernt habe. Als ob ich das müsste.

Ich habe versucht, ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen und für mich alleine zu üben, doch keine Chance. Immer wieder hörte ich sie rufen: Anna, du musst das so machen, Anna, komm her, mach dies, mach das.

Warum sie ausgerechnet mich auf dem Kieker hat? Vermutlich, weil ich in der Gruppe der Fortgeschrittenen eine von nur zwei Frauen bin und weil die andere eigentlich schon zu faul zum Paddeln ist. Oder weil sie weiß, wie man sich unsichtbar macht.

Eigentlich bin ich fix und fertig. Meine Arme freuen sich auf eine Pause. Aber mein Herz weint schon jetzt bei dem Gedanken, morgen wieder im Flieger in Richtung Deutschland zu sitzen.

Eine Geschichte vom Scheitern, vom Weitermachen und von jemandem, der mich an die Hand nahm, ohne dass ich es merkte

Als wir in Punta Blanca ankommen, stehen dort bereits ein paar Busse anderer Surfcamps. Dreck und Sand auf den Scheiben, bunte Logos auf Heckklappen und Türen, leicht mitgenommen. Die Marke Mercedes steht nicht nur bei Planet Surfcamps hoch im Kurs.

Ich habe mir am Nachmittag zuvor einen eigenen Mini-Neopren-Anzug gekauft, ohne Beine. Die Anzüge aus dem Surfcamp passen mir nicht richtig und es ist ohnehin nicht kalt genug für einen Ganzkörperanzug. Ich ziehe mich um und bekomme prompt schon wieder Gaias Aufmerksamkeit: Darin, sagt sie, werde ich wie ein Profi surfen. Haha.

Wir machen uns daran, die Bretter vom Dach zu holen. Es ist Ebbe, aber die Wellen sind riesig. Mein Herz klopft – nicht (nur) vor Freude. Gaia hat sich in den Kopf gesetzt, dass ich diese Wellen heute surfen soll – ha! Und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, passiert es auch. Sie wirft ihre blonden Locken in den Nacken und klatscht in die Hände: Macht hin, ihr Lahmärsche, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!

Ein paar Aufwärmübungen später finde ich mich im Channel wieder, der heute viel unruhiger ist als in den Tagen zuvor. Ich hasse mich dafür, dass ich mich mal wieder nicht gescheit auf diesen Trip vorbereitet habe. Ich schwöre mir, beim nächsten Mal schon Monate vorher mit dem Training anzufangen. Ach was, am besten ich höre nie wieder damit auf.

Als ich auf ihrer Höhe bin, winkt Gaia, die gefühlt fünfmal so schnell paddelt wie ich, mich zu sich ins Line-Up. Ich quäle mich zu ihr und sie schickt mich direkt wieder los. Paddeln, Welle, paddeln, take-off, wackeln, fallen, das gleiche Spiel, einmal, zweimal, dreimal. Zurück im Channel überlege ich, ob ich es für diesen Urlaub einfach auf sich beruhen lassen soll. Da waren immerhin ein paar Erfolgserlebnisse. Darauf könnte ich mich ausruhen.

Doch plötzlich packt mich mein Ehrgeiz von hinten im Nacken.

Ich stürze mich in die nächste Welle bekomme sie. Die danach auch. Gaia surft hinter mir her, nur um mit mir abzuklatschen. Yes my girl, that’s it, ruft sie begeistert, bevor ich mich vor lauter Schreck rückwärts ins Wasser fallen lasse. Oooh yeah! Ein Schalter hat sich in meinem Kopf umgelegt. Vergessen alle Wut und alle Schmerzen. Im Channel ausruhen? Kommt heute nicht in Frage! Schließlich ist das mein letzter Tag im Surfcamp.

Ich paddele und surfe Welle für Welle. Ich weiß nicht, wie viele es am Ende sind.

Als ich später völlig am Ende am Strand ankomme, treffe ich dort auf Sam, der früher aus dem Wasser gegangen ist, und auf Sarah von Rapunzel will raus, die sich am Tag zuvor verletzt hat und heute nur zum Fotografieren mitgefahren ist. “War ein guter Tag, was”, sagt Sarah. Zur Antwort grinse ich nur. Ja, war ein verdammt guter Tag.

Das findet auch Gaia. Zum ersten Mal höre ich aus ihrem Mund ein Lob. Als sie aus dem Wasser kommt, legt sie ihr Surfbrett ab, kommt strahlend auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Dann reißt sie meinen Arm nach oben und ruft: “Here’s my surfer of the day!”

Dann werde ich rot. Mir fällt auf, dass sie mich eigentlich die ganze Zeit über an der Hand gehalten hat.

Mehr zum Surfen (auf Fuerteventura) lesen:

Julian von Surfnomade liefert dir eine super Übersicht zum Surfurlaub auf Fuerteventura – samt einer Übersicht über die Lebenshaltungskosten vor Ort.

Auf Sea You Soon lernst du unter anderem, wie man sich richtig auf einen Surfurlaub vorbereitet. Danke Sabine, ich werde es beim nächsten Mal hoffentlich endlich beherzigen. Wenn nicht, tritt mir bitte in den Arsch!

Noch ein bisschen geiler als auf Fuerteventura surft es sich übrigens auf Hawaii… Ich hab das getestet. Hier entlang zu den besten Spots für Anfänger und Fortgeschrittene auf Oahu, Maui und Big Island.

Hinweis: Ich wurde von Planet Surfcamps ins Camp nach Fuerteventura eingeladen. Diese Geschichte ist davon selbstverständlich nicht beeinflusst.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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