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Ein Traum geht weiter: Durchs Death Valley nach Vegas

Bridgeport, im Oktober. Eine kleine Stadt in der amerikanischen Sierra Nevada. Von hier nach Las Vegas sind es gerade einmal 600 Kilometer. Dazwischen liegen Welten. Und der Death Valley Nationalpark. Wie wir nach Bridgeport gekommen sind liest du in On the Road Again: Ein Amerikanischer Traum.

Wir standen an diesen Morgen sehr früh auf, packten unsere Sachen zusammen und warfen einen letzten Blick auf das Zimmer, in dem wir in etwa die letzten sieben Stunden verbracht hatten. Ein King-Size-Bett stand in der Mitte des Raumes, auf der anderen Seite ein Queen-Size. Es gab eine kleine Kochnische und auch genug Platz um einen zweiwöchigen Urlaub mit einer Familie zu verbringen. Doch der Raum wirkte an diesem Morgen weniger einladend als am Abend zuvor. Auf den Vorhängen mit ihrem verblassten Blumenmuster lag eine dicke Staubschicht, vom Nachttischchen blätterte der Lack ab, in der Dusche fand ich Spinnenweben.

Ein wenig heruntergekommen, alles in allem, und dennoch irgendwie reizvoll. Wir hatten nach einer günstigen Unterkunft gesucht, schließlich wollten wir dort nur die kurze Nacht verbringen und nichts tun als endlich zu schlafen. Der Besitzer des ersten Motels, in dem wir nach einem Zimmer gefragt hatten, hatte uns unsere Unterkunft empfohlen. Mit der Anmerkung, der Besitzer derselben kaufe schließlich regelmäßig seine alten Möbel auf. Auch wenn Bridgeport nicht wirkte wie eine Stadt, in der Händler jeglicher Art angesiedelt waren, so schien doch wenigstens der Second-Hand-Handel zu blühen.

Mit unseren beiden großen Koffern traten wir aus dem Zimmer heraus direkt auf den Motel-Parkplatz und schlossen die pastellfarbene Tür hinter uns. Strahlender Sonnenschein begrüßte uns. Ich machte mich auf den Weg zur Rezeption um die Zimmerschlüssel abzugeben und Frühstück zu holen. Zurück kam ich, wie so oft in diesem Urlaub, mit zwei Bechern des unnachahmlich verwässerten Kaffees aus dem Spender in Styroporbechern. Welch eine Verschwendung von Ressourcen. Dazu gab es, vom „Frühstücksbuffet“ einen anscheinend frisch gebackenen Muffin und einen Cookie für jeden von uns – zum Glück ohne Plastik-Verpackung. Zusammen mit den restlichen Käsecrackern vom Abend zuvor ein geradezu fürstliches Frühstück. Nicht. Ich sehnte mich nach gesundem Essen, einem Apfel, einer Banane, einem Jogurt, was auch immer. Nur so. Sie Supermärkte waren noch nicht geöffnet, und auch die Auto-Raststätte hatte noch geschlossen als S. unser Auto zurück auf den Highway 395 steuerte.

Etwa 360 Meilen oder 580 Kilometer und sechs Stunden später kamen wir in Las Vegas an. Wir waren recht schnell durch den Death Valley Nationalpark gefahren, hatten nur dreimal gestoppt um uns die Umgebung anzuschauen. Ich hatte an diesem Tag Flip Flops an – eine Tatsache, die unseren ersten Wüstenspaziergang einigermaßen verkürzt hatte. Wir hatten das Auto einfach am Straßenrand abgestellt, um drauflos zu laufen – querwüstenein sozusagen – und wollten die nahegelegenen Dünen erkunden. Nichts versperrte uns die Sicht in die Weite der Wüste, nur ein wenig verdorrtes Grün wuchs tief am Boden auf dem Sand. Ich mag die Hitze, und mir ist schneller zu kalt als zu warm, doch der Sand, der stetig in meine Schuhe und über meine Füße rieselte, gab mir den Rest. Auf ebenem Grund konnte ich es aushalten, doch als es daran ging, die Düne zu erklimmen, musste ich nach wenigen Schritten aufgeben, als sich meine Füße immer tiefer in den Sand bohrten.

Badwater Basin: Tiefster Punkt Nordamerikas

Zum zweiten Mal waren wir aus dem Auto gestiegen, um eine meistfotografierten Sehenswürdigkeiten des Nationalparks zu sehen: Den tiefsten Punkt des nordamerikanischen Kontinents. Der wiederum war glücklicherweise durch einen geteerten Fußgängerweg erreichbar und auch mit Flip Flops zu bewältigen gewesen – die allerdings auch keine Gummisohlen hatten – mit denen hätte sich vermutlich ein neues Problem ergeben. Zusammen mit einem Haufen anderer Touristen waren wir zu der Plattform gelaufen und hatten einen Blick auf das eher unspektakuläre Highlight im Badwater Basin geworfen. Zuletzt hatten wir kurz gestoppt, um bei unserer Ausfahrt aus dem Death Valley das Eingangsschild zu betrachten, bevor es uns weiter nach Süden zog.

Im Rückblick habe ich das Gefühl, das wir auf dieser Reise nie andere Musik gehört haben als die Guns N‘ Roses CD, die wir in Monterey im Walmart gekauft hatten. Was nicht ganz stimmen kann, denn wir hatten dort auch zwei weitere CDs gekauft, Phoenix und Michael Jackson. Doch als wir schließlich in Las Vegas ankamen, sang Axl Rose von der Paradise City. Als wir vorbei fuhren an Plakatwänden, die juristische Hilfe zum halben Preis, Immobilien und Land in der Wüste sowie Zirkusvorstellungen und Striptease-Shows bewarben, öffneten wir die Fenster unseres Cobalt und ließen uns die heiße Luft der Stadt um die Ohren wehen.

Mit Las Vegas verhält es sich so: Entweder du liebst es oder du hasst es. Wir entschieden uns sofort für Ersteres als wir die mit Palmen gesäumten Straßen, die blinkenden Werbetafeln, heruntergekommenen Pfandleiher und pompösen Hotels sahen. Las Vegas war all das was wir erwartet hatten. Blendend und unwirklich, aber vereinnahmend und verlockend. Gänzlich künstlich und doch vollkommen einzigartig. Authentisch auf seine ganz eigene Art und Weise.

Wir checkten im Treasure Island ein und suchten uns unseren Weg von der Lobby durch ein wahres Labyrinth von blinkenden Einarmigen Banditen, die ihre fröhlichen Melodien spielten, sich drehenden Roulette-Rädern und kartenspielenden und an Cocktails nippenden Senioren, Juwelieren und sogar einem Tattoo-Studio bis zum Aufzug, der uns in den zwölften Stock bringen sollte. Dort oben hörte man nichts mehr von all den Geräuschen, die die Spielhalle erfüllten. Die Teppiche, Vorhänge und Kissen in Flur und Zimmer schienen alle Geräusche einfach zu schlucken. Es war mucksmäuschenstill, fast unheimlich still. Nichts von dem Leben draußen drang zu uns. Unser Zimmer bot einen seitlichen Ausblick auf den Strip und auf die hoteleigene, künstliche Lagune, die direkt unter uns im Schatten lag – der Platz, an dem abends die Piratenshows stattfinden würden. Jetzt, am Nachmittag, lag das ganz und gar unscheinbare Piratenboot sicher verankert hinter einem künstlichen Felsen. Nach Einbruch der Dunkelheit, während wir uns für den Abend fertig machten, würden wir von dort das Kanonendonnern hören und die bunten Funken des Feuerwerks sehen. Wir sahen uns die Show nicht an.

Kurz nach unserer Ankunft im Hotel war uns nicht danach, im Zimmer zu bleiben – das im Übrigen zwar wesentlich sauberer und moderner war als die Unterkunft, die wir am Morgen verlassen hatten, dafür aber auch weniger gemütlich. Stattdessen suchten wir in Windeseile unsere Schwimmsachen aus den Koffern, warfen unsere Klamotten achtlos in eine Ecke des Raumes und waren fünf Minuten später schon wieder auf dem Weg nach unten. Richtung: Pool. Nach einem langen Tag im Auto und dem Abstecher in die Sandwüste hatten wir das Gefühl, wir hätten uns eine Abkühlung mehr als verdient. Es war ein wenig seltsam, in Bikini und Flip Flops durch die Spielhalle zu laufen, während sich an den Spieltischen einige der Gäste mit Anzug, Krawatte und Lederschuhen, beziehungsweise Cocktailkleid und High-Heels in Schale geworfen haben. Doch schließlich waren wir in Las Vegas.

Popmusik drang aus den Lautsprechern der Pool-Bar als wir in den Außenbereich des Hotels traten und uns Handtücher und ein kaltes Bier holten und in Richtung Schwimmbecken rannten. In Las Vegas ist es nicht nur erlaubt, Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken. Solange er nicht in Glasbehältern serviert wird, darf man ihn sogar mit ins Wasser nehmen. Zwei Tage Entspannung lagen vor uns und wir begannen sie bei sengender Hitze im Wasser liegend mit einem eiskalten Bud Light. Einen Tag später würden wir uns entschließen, noch eine weitere Nacht an unseren Aufenthalt dranzuhängen.

Doch das ist wiederum eine andere Geschichte.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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