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Waltershausen: Das Geheimnis von Oberhof

Auf einer Lichtung im Wald steht ein verlassenes Haus. Es ist groß, es war einmal prunkvoll. Plattenbauschick. Heute ist es nicht mehr ganz frisch. Die Farbe blättert, die Mauern bröckeln. Lange wussten nur sehr wenige Menschen von diesem Haus. Es ist das ehemalige Gästehaus des DDR-Ministerrates, das hinter hohen Tannen versteckt in der Nähe des Skiortes Oberhof in Thüringen langsam verfällt. Es ist Waltershausen.

Heute ist die Existenz des Hauses freilich kein Geheimnis mehr. Man weiß, dass der einstige stellvertretende Ministerpräsident der DDR und spätere Vorsitzende des Staatsrats Walter Ulbricht sich eine Nobelherberge mitten in den Thüringer Wald setzen ließ, von der tunlichst niemand erfahren sollte. Ihren Spitznamen hat sie von ihrem Bauherren. Mal nennt man sie Waltershausen, mal Ulbrichtshausen.

In dem alten Betonklotz sind Materialien aus dem Westen verbaut. Der Aufzug zum Beispiel ist von Thyssen. Er funktioniert schon lange nicht mehr. Klar, dass die Parteispitze nicht allzu viel Aufhebens um das Gebäude wollte. Denn mit dem Klassenfeind trieb man keinen Handel.

Waltershausen: Das Gästehaus des DDR-Ministerrats

Das Gästehaus des DDR-Ministerrats wird auch Waltershausen genannt, in Anlehnung an den Vornamen Ulbrichts. Manchmal taucht es auch als Ulbrichtshausen in Berichten auf. Es wurde 1963 erbaut und sollte der SED-Führungsriege als Herberge dienen. Oberhof war von der DDR-Führung ab 1950 systematisch zu einem Urlaubs- und Sportort ausgebaut worden und ein beliebtes Ziel für die Parteikader. 1990 wurde das Gästehaus geschlossen. 1994 wurde es an einen Privatinvestor versteigert. Das Haus wechselte seitdem mehrfach den Besitzer, zuletzt 2013.

Ein schmaler, asphaltierter Weg führt von der Hauptstraße zum Haus. Er ist an der Einmündung mit Betonklötzen versperrt, man kommt von dort nur zu Fuß weiter. Wenige Meter später versperren die Reste einer Schranke den Weg erneut. Daneben ein ehemaliges Pförtnerhaus. Ein Blick ins Innere: Der Putz bröckelt. Auf dem Boden liegen Staub, Putz und etwas, das wie Wolle aussieht. Vor der Tür steht ein Nierentisch aus Holz. Wer auch immer hier gewütet hat, hat ihn verschont.

Wir hinterlassen Spuren auf der Straße. Es hat in der Nacht geschneit. Weit und breit ist kein Leben zu sehen. Kein Vogel, kein Mensch. Es ist unheimlich. Unheimlich still.

Nach wenigen Minuten kommt das Haupthaus auf einer Anhöhe in Sicht. Eine verlassene Ruine, die still im Wald steht. Daneben ein weiteres, kleineres Haus. Das Haus der Bediensteten. Ein weißer Schleier in der Luft erregt unsere Aufmerksamkeit. Wir glauben, Rauch aus dem Schornstein aufsteigen zu sehen, bis uns klar wird, dass nur Schnee vom Dach gewirbelt wird. Immer noch kein Leben. Es ist mein erster Lost Place.

Lost Places (verlorene Orte) sind Bauwerke, die dem Zerfall ausgesetzt sind. Meist sind die Besitzer nicht bekannt oder nicht existent, oder die Besitzrechte sind ungeklärt. Sanierung, Umbau oder Abriss sind damit nicht möglich. In anderen Fällen lohnen sie nicht. Die Zukunft der Gebäude ist unsicher, aber sie erzählen viel über die Vergangenheit.

Je nachdem wie gut ein Lost Place erhalten ist und wie überstürzt ein Gebäude verlassen wurde, finden sich in den Mauern noch Möbel oder gar persönliche Gegenstände.

Ich habe ein mulmiges Gefühl, als ich über die Türschwelle trete. Es ist gruselig, alleine in einem so großen, verlassenen Haus herumzustöbern. Es muss schön gewesen sein. Hier und da ist noch der Holzboden zu erkennen. Ein paar Fliesen zieren das, was einmal ein Bad war. Die Überreste einer Veranda geben den Blick auf den umliegenden Wald frei. Ein herrlicher Blick.

Wir klettern hoch bis aufs Dach, fünf Stockwerke. Je höher wir kommen, desto feuchter wird es und desto schlechter ist auch der Zustand der Treppen. Am Ende sind keine Stufen mehr zu erkennen, nur noch Geröll. Regen und Schnee dringen nach innen. Ein Dach gibt es nicht mehr. Auf dem Dachboden liegt Schnee. Es wachsen Sträucher. Die Natur erobert sich ihren Raum zurück.

Wir sehen während des gesamten Besuchs keine Menschenseele. Aber es waren schon viele vor uns da. Sie haben Spuren hinterlassen. Leider sieht hier vieles nicht mehr aus wie früher. Nicht nur Zerfall, auch Vandalismus ist dafür verantwortlich. Alles, was wertvoll war, wurde entwendet – von der Kloschüssel zum Metalldraht.

Richtiges Verhalten in einem Lost Place

Take Only Memories, Leave Only Footprints

Risiko Lost Place: Da Lost Places dem Zerfall ausgesetzt sind, solltest du dem Boden, auf dem du dich bewegst, niemals blind vertrauen. Decken können einstürzen, Holztreppen können morsch werden, wenn sie Feuchtigkeit ausgesetzt sind. Auch Geländer und Wände können wegbrechen. Taste dich vorsichtig vor, wenn du nicht sicher bist, wie stabil etwas ist.

Nichts kaputt machen, nichts mitnehmen: Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ich erwähne es an dieser Stelle trotzdem, weil Vandalismus eine Kettenreaktion auslöst. Wenn schon etwas kaputt ist, ist die Hemmung geringer, weiter zu zerstören. Lass dich nicht dazu hinreißen.

Buchtipp: Shooting Lost Places – Fotografie an verlassenen und mystischen Orten. Verborgene Welten, verlassene Gemäuer, vergessene Ruinen, verwunschene Orte: Wie und wo in Deutschland man verlassene Orte findet und wie man den Verfall am schönsten in Szene setzt.
 

Willst du mehr über Lost Places lesen? Dann schau mal hier vorbei:

Caroline von Shave the Whales hat einen Bericht Von der Schönheit des Verfalls geschrieben und Tanja von Reiseaufnahmen eine Lost Place Liebeserklärung.

Lost Places gibt es (natürlich) nicht nur in Deutschland. Yvonne von Somewhere Else hat auf den Philippinen einen besucht: Matinloc Island auf Palawan.

Vielen Dank an Thüringen Tourismus für die Einladung nach Oberhof! Meine Meinung ist selbstverständlich meine eigene.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

9 Kommentare

  1. Du hast sehr schön die Faszination für Lost Places in Worte gefasst!

    Es ist halt schon sehr schade, dass man die meisten solcher Orte in immer schlechterem Zustand vorfindet, seit das Erkunden & Fotografieren von Ruinen “Urban Exploring“ heisst und zum Trend geworden ist.
    Auch dieses Objekt scheint mittlerweile in noch viel schlechterem Zustand zu sein als 2013: http://www.saiten-blicke.de/gaestehaus/

    Den kleinen See aus Deinem Oberhof-Artikel werde ich im Frühjahr mal aufsuchen, der ist mir vollkommen unbekannt.

  2. Hallo,
    Wow, tolle Fotos und schöner Bericht. Ich bin auch schon in den Genuss gekommen ein verstecktes und verfallenes DDR -Gelände zu besuchen. Es war fantastisch und es handelte sich um ein komplettes Gelände mit mehreren Häusern- was jedoch nicht so ganz frei zugänglich war. Damals war ich 16 und die Abenteuerlust des Entdeckens stand im Vordergrund. Leider habe ich keine Fotos gemacht. Der Besuch war zufällig, da unser Stadt-Guide, den wir eigentlich gar nicht kannten und einfach gefragt haben, ob er uns die Stadt zeigt, auf diese Idee gekommen ist, uns weit in den Wald zu führen. (Hach welch schöne jugendliche Naivität, die in diesem Fall ein wahnsinnig schönes Erlebnis hervorgebracht hat)

    Liebe Grüße, Anja

  3. Hallo Anna,

    dieser Vandalismus macht mich echt wütend. Diese Orte sind so fantastisch, weil sie das schönste Geschichtsbuch der Welt sind. Sie machen Lust zu entdecken, zuzuhören und zu begreifen und berühren mich mehr, als es jede staubgewischte Museum könnte.

    Danke für den tollen Beitrag und die spannende Geschichte und die wunderbaren Fotos und natürlich auch für die Verlinkung!

    Alles Liebe
    Tanja

    • Hallo Tanja!

      Ja, das ist echt traurig. Natürlich tun auch die äußeren Umstände einiges, dass ein Haus langsam zerfällt, aber es ist schon krass, wie viel da rausgeholt und kaputt gemacht wird 🙁 Ich freue mich trotzdem jetzt schon auf meinen nächsten Lost Place 🙂

      Liebe Grüße!
      Anna

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