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Was macht eine Sehenswürdigkeit sehenswert?

Sehenswürdigkeiten sind das ordnende Element aller Reisen. Ganz egal, wie weit abseits der ausgetretenen Pfade du reist, vor der Sehenswürdigkeit triffst du alle anderen Touristen und Reisenden wieder. Aber wer oder was entscheidet eigentlich darüber, ob etwas sehenswert ist? Was macht eine Sehenswürdigkeit sehenswert?

Vor ein paar Jahren war ich am tiefsten Punkt Nordamerikas. Der liegt im Death Valley-Nationalpark in den USA. Irgendwo im Badwater Basin, 85,95 Meter unter der Meeresoberfläche. Mitten in der Wüste. Es ist heiß dort. Besonders spektakulär ist es nicht. Bevor jetzt jemand schreit: Das Death Valley an sich ist spektakulär, sehr sogar. Aber im Vergleich zu diesem ganzen Tal des Todes ist der tiefste Punkt Nordamerikas nicht gerade herausragend.

Irgendwo da unten liegt er, der tiefste Punkt Nordamerikas.

Es gibt im Death Valley viel zu sehen, vorausgesetzt, man traut sich aus dem Auto in die staubige Hitze und den heißen Sand. Man muss nur am Straßenrand parken und loslaufen, um ein Gefühl davon zu kriegen, wie spektakulär dieses Death Valley ist mit seinen bizarren Felsformationen und endlosen Salz-, Sand- und Geröllwüsten.

Aber wenige machen das. Die meisten halten nur an den Aussichtsplattformen. An Dante’s View oder am Zabriskie Point zum Beispiel, direkt an der Hauptstraße. Von dort hat man eine recht gute Sicht auf den tiefsten Punkt Nordamerikas. Dort liegt etwas außerordentlich sehenswertes. Das lässt die Beschilderung vermuten.

Und deshalb ist an diesen Orten ein großer Parkplatz. Vom Parkplatz führt ein kurzer, geteerter und mit Infotafeln gepflasterter Weg zu einer Plattform. Oben tummeln sich Touristen mit Kameras. Die Sehenswürdigkeit selbst ist nicht greifbar. Man kann nicht hin wandern wandern und man kann sie nicht fotografieren. Der Punkt selbst wandert in einem festgelegten Radius. Für den Laien ist nicht auszumachen, wo er sich gerade befindet.

John Murray, in der Reiseliteratur auch bekannt als Prophet des Tourismus, gab schon 1836 in London sein erstes „Handbuch für Reisende“ heraus. Darin listete er eine Übersicht von Sehenswürdigkeiten von Holland, Belgien und dem Rheinland auf und empfahl Reisenden, diese zu besuchen. Mit Erfolg: Das Buch verkaufte sich rasant und seine Besitzer akzeptierten Murrays Vorgaben des Sehenswerten. Karl Baedeker tat es Murray ein paar Jahre später nach. Mit den ersten in Serie gedruckten Reiseführern erfand Baedeker das Reisen neu und ebnete die touristischen Trampelpfade.

Falls du dir nicht sicher bist, ob du vor einer Sehenswürdigkeit stehst: Wenn jemand davor ein Selfie schießt, dann trifft das mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit zu. Foto: Kanaka Menehune

Sehenswürdigkeiten sind nicht per se sehenswert. Sie werden durch Kulturinstanzen zu solchen ernannt. Reiseführer arbeiten noch heute nach dem John Murray-Prinzip. Mit einem Unterschied: Es braucht mehr Sehenswertes. Weil wir immer häufiger verreisen und nicht immer nur die selben Sehenswürdigkeiten besuchen wollen. Also werden auch nicht sichtbare Orte zu Sehenswürdigkeiten erhoben: Schauplätze von historischen Verbrechen, Orte mit besonderer Geschichte, Plätze, an denen Rekorde aufgestellt oder gebrochen wurden.

Eine solche Sehenswürdigkeit ist der tiefste Punkt Nordamerikas, der zugleich auch der tiefste Punkt der USA ist. Es ist keine allzu gewagte Vermutung, dass die meisten dort einfach vorbei fahren würden, wenn nicht jeder Reiseführer über den Südwesten der USA diesen Ort als sehenswert deklarieren würde.

Fiktive Sehenswürdigkeiten stellen ihre Besucher vor ein Problem. Vom Eiffelturm oder dem Mailänder Dom können wir Fotos machen, die keiner weiteren Erklärung bedürfen. Im Death Valley geht das nicht so einfach. Der tiefste Punkt Nordamerikas ist nicht selbsterklärend. Wenn wir aber trotzdem beweisen wollen, dass wir dort waren, muss ein Foto ins Nichts dieses Erlebnis greifbar machen. Oder das Bild eines unspektakulären Infoschilds.

Teaser-Bild von Charles Seguy.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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