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Schreiben im Turmzimmer: Burg Sooneck sucht einen Burgenblogger

Suchst du nach einer neuen Bleibe? Ich hätte da vielleicht was… Die Generaldirektion Kulturelles Erbe, die Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz und die Rheinzeitung suchen gerade einen Bewohner für die Burg Sooneck, der im Sommer nächsten Jahres sechs Monate lang in der Burg wohnen und über sein Leben im Mittelrheintal bloggen möchte. Berichte im Burghof schreiben? Tweets aus dem Turmzimmer absetzen? Klingt eigentlich nach einem ziemlich lässigen Job. Oder? Ich habe mich am Wochenende mal vor Ort umgeschaut und ein bisschen rumgesponnen. Wie wäre das eigentlich, so ein Leben als Burgfräulein zwischen Mittelalter und Social Media?

Schmale, bunte Häuser reihen sich wie Perlen an einer Kette. Neben uns der Rhein, auf der anderen Seite steile Felswände. Hinter jeder Kurve ein noch schöneres Fotomotiv.

Hinter Bingen gibt es nur noch eine zweispurige Straße, die B9. Rechts der Rhein, links bewaldete Felshänge, hier und da eine kleine Ortschaft, deren schmale, bunte Häuser sich aufreihen wie an einer Schnur entlang der Hauptstraße. Wenn du schon mal hier warst, weißt du, was ich meine. Es gibt nicht viele solcher Orte in Deutschland. Viele fremde Kennzeichen sind zu sehen. Frankfurter, Ludwigshafener, Kölner Kennzeichen. Ein Wohnmobil, das in Hamburg gemeldet ist, fährt vor uns. Auf den Bahnschienen zwischen Straße und Fluss ist wenig los. Es ist Sonntag. An den Wochentagen sausen hier Güterzüge im Minutentakt durch. Der Lärm hallt von den Felswänden wider. Heute kriechen die Sonntagsfahrer über die Straßen. Das Mittelrheintal beherbergt eine der schönsten Zugstrecken Europas. Für die Straße gilt gleiches, sie verläuft parallel. Hinter jeder Kurve ein noch schöneres Fotomotiv.

Überholen ist bei so viel Wochenendverkehr fast unmöglich. Viel zu eng ist es dafür. Das Leben im Mittelrheintal quetscht sich zwischen Fluss und Berghänge, Lebensrealität in einer märchenhaften Kulisse. Dörfer, Straße, Schienen: Spuren der Zivilisation in scheinbar unberührter Natur.

Die Touristen lieben das Mittelrheintal, Heimat der Loreley und Symbolbild der Romantik schlechthin. Die deutsche Romantik lässt sich gut vermarkten, besonders in Übersee, wo Geschichte jung ist und Sagen selten. Dank Clemens Brentano ist das Mittelrheintal Teil dieser romantischen Welt. Die Probleme, mit denen die Region heute kämpft, gab es noch nicht, als der Dichter 1802 die Ballade über die Lore Lay verfasste, jene Frau, die aufgrund ihrer Anziehungskraft auf Männer für eine Hexe gehalten wird und sich aus Liebeskummer von ihrem Felsen in den Rhein stürzt. Die Geschichte lockte die Menschen schon damals an den Fluss. Der erste Zug fuhr 1862, das Mittelrheintal war ab diesem Zeitpunkt komfortabel zu erreichen. Damit nahm alles seinen Lauf.

Bei Niederheimbach erreiche ich mein Ziel: Die Burg Sooneck ist eine von gefühlt hunderten Burgen, die die Berghänge des Mittelrheintals auf beiden Seiten des Rheins säumen. Majestätisch ragt der Turm der einstigen Raubritterburg über dem Rhein. Eine enge Straße führt den Berg hinauf, die letzten Schritte geht es zu Fuß. Stell dir das Mittelalter vor, male dir eine Ritterburg aus und überlege, wie es dort aussehen könnte. Würdest du diese Burg malen, würde sie wohl aussehen wie Burg Sooneck. Rosen ranken an der Außenmauer und auf sorgfältig gepflegten Beeten innerhalb. Ich flaniere über den Burghof. Ich sehe mich als Burgfräulein, trage ein fließendes Mittelaltergewand und betrachte meinen liebevoll angelegten Vorgarten mit seinen Rosen, dem Lavendel und der Kapuzinerkresse und bedenke Türen und Gemäuer mit dem kritischen Blick meines echten Selbst. Schön ist es hier auf Burg Sooneck – und gemütlich. Wird aber bestimmt ganz schön kalt im Winter, trotz dicker Mauern. Und wie soll überhaupt das W-LAN-Signal durch diese Mauern kommen?

Die letzten Bewohner von Burg Sooneck trugen übrigens keine mittelalterlichen Gewänder. Sie trugen schnittige Uniformen, wie im 19. Jahrhundert üblich für den Adel. Streng genommen ist Burg Sooneck auch keine mittelalterliche Burg, sie ist eine romantische Burg. Ihr letzter Besitzer, Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, besser bekannt als jener Mann, der 1849 auf der Frankfurter Nationalversammlung die Kaiserkrone ablehnte, ließ die damals nur noch als Ruine bestehende Burg ab 1843 wieder auf- und zum Teil umbauen, detailgetreu dem Mittelalter nachempfunden. Auch das keinesfalls unüblich im 19. Jahrhundert. Die große Mauer zum Rhein und die Aussichtsplattform kamen erst in der Romantik dazu – und ein großer Teil der heutigen Burg Sooneck ist damit nur scheinbar mittelalterlichen Ursprungs. In Wirklichkeit ist er kaum älter als 150 Jahre.

In diesen Teil von Burg Sooneck soll der zukünftige Burgenblogger einziehen. Noch ist das Stockwerk über der Burgschenke leer, in dem seine oder ihre Wohnung entstehen soll. Ein Turm mit Aussicht. Die Aussicht alleine muss doch zum Schreiben anregen. Und zum Fotografieren. Ich weiß nicht, ob ich meine Kamera je ausschalten könnte. Im Südosten der Steinbruch. Gut, der stört das Bild vielleicht ein bisschen. Aber Steinbrüche sind auch faszinierend. Und der Rhein im Nordosten macht das ohnehin wieder wett. Wald, Berghänge, Wasser und Weinberge wohin man sieht. Meckern kann man nicht. Vielleicht ist es ein bisschen einsam, hier oben. Ein Hund wäre nicht schlecht.

Wobei – da sind ja auch noch die Touristen, die kommen um Burg Sooneck zu sehen, die Bewohner von Niederheimbach und aus den umliegenden Orten. Da ist die Fähre, die auf die andere Rheinseite übersetzt und den Rheinsteig mit dem Burgenwanderweg verbindet, zwei der beliebtesten Wanderwege Deutschlands. Ein schier unendliches Netz von Routen mit tollen Aussichtspunkten. Da gibt es Weinfeste und die Kerb. Und dann sind da Menschen, die sich einsetzen für ihr Zuhause, die Bürgerinitiativen gegründet haben, um ihre Lebensqualität zu verbessern. Da gibt es Menschen, die Traditionen am Leben erhalten wollen, nicht nur für die Touristen. Und vielleicht auch welche, die einfach gerne mal einen Kaffee mit einem fremden Burgbewohner trinken möchten und spannendes zu erzählen haben.

Ich gebe es zu. Ich habe mich verliebt in dieses Fleckchen Erde, in die Burg Sooneck und in die Menschen, die ich getroffen habe. Ich möchte sie besser kennenlernen.

Hast du Lust, für ein halbes Jahr in die Burg Sooneck zu ziehen? Dann kannst du dich bis zum 14. September bewerben und versuchen, dich gegen meine Bewerbung durchzusetzen… Du musst dich täglich zu Wort melden und mindestens einmal wöchentlich einen längerem Beitrag veröffentlichen. Wie du das machst, und worüber du schreibst, ist dir überlassen. Dafür gibt es eine Aufwandsentschädigung von 2000 Euro im Monat. Nähere Infos zur Ausschreibung findest du hier.

Burg Sooneck ist täglich außer montags von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4 Euro und beinhaltet eine Burgführung.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

7 Kommentare

  1. Inge petrsi...

    Hallöchen, Anna! Ich drücke dir sämtliche vorhandenen Daumen, dass du bald als Burgenbloggerin
    tätig sein wirst, denn du bist höchst geeignet für diesen Posten.
    Nicht nur deine Artikel, deren Lektüre das reinste Vergnügen bereiten, sondern auch deine
    Fotos sind toll gekonnt!!
    Übrigens finde ich deine neue Frisur (bißchen länger…) schön!
    Ich freu mich auf alles, was du hier — und auch sonst — so bringst….

  2. Da wünsche ich dir viel Erfolg mit deiner Bewerbung. Du wärst für die Burg ein Glückstreffer, das zeigt alleine schon dieser Text. Finde allerdings, dass du dich etwas unter deinem Wert verkaufst, aber die Burgenerfahrung ist ja auch was wert… 🙂

  3. Was für ein schöner Beitrag. Natürlich kenne ich die Aktion, aber mal ein bisschen mehr über die Umgebung und die Burg an sich zu erfahren, als in der Ausschreibung drin steht, ist schon sehr spannend. Die Idee und die ganze Aktion finde ich klasse, wobei ich für mich selbst wohl gerade merke, dass ich lieber darüber lese, als selbst zu schreiben. Aber dein Text hat mir so gut gefallen, dass ich hoffe, dass du durchsetzt gegen die ganze Bewerber. Ich würde sehr gerne mehr von dir und der Burg lesen 🙂

    Liebe Grüße
    Juli

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