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Ich bin Wildes Wasser!

Der Wilde Wasser Weg ist einer der beliebtesten Wanderwege im Stubaital. Er führt vom Tal bis an den Gletscher: Die Stelle, an der das Wilde Wasser zum Leben erweckt wird und eine spannende Reise antritt. Ein Reisebericht – erzählt aus der Perspektive eines kleinen Tropfens auf dem Weg in ein großes Abenteuer.

Ich spüre, wie Sonnenstrahlen mich wärmen. In der Eiskappe eines Gletschers kann Wasser sich mehrere zehntausend Jahre halten, ehe es in den Wasserkreislauf übergeht. Ich war nicht so lange hier, höchstens ein paar Winter lang. In denen habe ich mich ausgeruht. Jetzt bin ich seit einer Weile wach und ich weiß, dass meine Reise bald aufs Neue beginnt. Wenn ich loslasse, stürze ich ab. Loslassen. Das klingt, als hätte ich eine Wahl. Doch ich die habe ich nicht. Über mein Schicksal entscheidet die Sonne. Und um mich herum wird es langsam ungemütlich. Ich verliere den Halt, genau wie die anderen – über mir und unter mir und um mich herum.

Es ist Bewegung in unser Dasein gekommen. Schon fangen wir an, gegeneinander zu treiben und uns aneinander zu reiben. Wir werden uns hier nicht mehr lange halten können. Werden in die Tiefe stürzen, in schnellem freiem Fall, so wie es schon so vielen vor uns ergangen ist. Sind wir einmal in Bewegung, kann uns nichts mehr aufhalten.

Niemand wird uns vor dem Sturz bewahren, wenn die Sonne weiter scheint. Alles ist eine Frage der Zeit. Die Zeit ist nicht aufzuhalten, genau wie das Leben. Es sieht nicht aus, als würde die Sonne heute vor Einbruch der Nacht verschwinden. Keine Wolke zeigt sich am Himmel. Wir sind dem Himmel sehr nah hier oben, auf 3457 Metern. Er ist spätsommerblau.

Wir waren mal Eis. Festes, ewiges Eis. Aber auch ewiges Eis ist immer in Bewegung. Nächstes Jahr werden wieder andere Wassertropfen den Wilden Pfaff bedecken, der einer der höchsten Gipfel der Stubaier Alpen ist. Und wir werden längst an einem anderen Ort sein, wer weiß schon wo. Als Wasser, als Eis, oder als Dunst.

Ich schlingere von rechts nach links, von Südwesten nach Nordosten. Ich schwimme. Ich weiß nicht, wohin ich fallen werde, aber ich weiß, dass ich hier oben genau zwei Möglichkeiten habe. Meine Heimat, der Wilde Pfaff, liegt direkt zwischen Tirol und Südtirol, zwischen Stubaital und Ötztal, zwischen Italien und Österreich.

Ich kann nicht selbst entscheiden, in welche Richtung meine Reise gehen wird. Ich bin nur ein Wassertropfen, der sich ein paar Jahre lang in einem Gletscher ausgeruht hat. Ich habe keine Beine und keine Arme, die mich irgendwo hin bringen könnten wie die Wanderer, die hier so oft vorbei schauen.

Die meisten von ihnen wissen gar nichts von unserer Geschichte.

Aber es scheint mir, als hätten die Grenzzieher gewusst, dass hier oben eine natürliche Trennlinie ist. Wenn ich zur Sonne hin falle, wird meine Reise mich nach Süden führen, durch Südtirol und Italien hindurch, in den Rio Mareta, entlang der Brenner-Autobahn, nach langer Reise ein Stück südlich von Venedig ins Mittelmeer. Dort würde ich lange schwimmen. Bis das Meer sich einmal erneuert hat, vergehen im Durchschnitt 2600 Jahre.

Falle ich nach Norden, wird mein Weg mich durch den Gletschersee am Fuß des Sulzenauferners führen. Ich werde zu Wildem Wasser – und dann, wenn mir unterwegs nichts Unvorhergesehenes zustößt, werde ich irgendwann Teil der Donau und als solcher noch ein wenig später ins Schwarze Meer münden.

Zwischendurch kann mir auf beiden Strecken viel passieren. Ich könnte den Weg verlieren und liegen bleiben. Und wenn die Sonne es nicht gut mit mir meint, dann schaffe ich es vielleicht nicht einmal bis ins Tal und verdampfe in einer Pfütze.

Huch! Es geht los!

Wir haben uns plötzlich ein ganzes Stück bewegt. Und dann rutschen wir los, befreit, langsam zuerst, dann geht alles plötzlich ganz schnell. Ich tanze, tanze, tanze, während ich den Gletscherwasserfall herunter sause.

Da unten steht eine Frau und schaut nach oben. Ich glaube, sie hat mich gesehen, denn sie schaut in meine Richtung. Aber so ganz genau kann ich das nicht sagen. Sie ist zu weit weg. Und bevor ich mich versehe, bin ich auch schon an ihren Fingern vorbei gerauscht, die vorsichtig die Wassertemperatur testen.

Ist eiskalt hier, das hätte ich ihr auch vorher sagen können. Wir sind ja gerade erst von Eis zu Wasser geworden. Und Mensch, hier wimmelt es von Tropfenkollegen, die so wie ich gerade erst gestürzt sind! Richtung Stubaital!

Wegen so Tropfen wie mir kommen die Menschen scharenweise hierher, das weiß ich. Sie kommen hierher, um zu beobachten, wie das Gletschereis schmilzt und dann ins Tal stürzt. Sie nennen unseren Weg Wilde Wasser Weg und uns das Wilde Wasser. Manche von uns dürfen sich im Gletschersee eine Weile ausruhen.

Ich auch. Langsam treibe ich in einer Strömung zum anderen Ufer des Gletschersees. Dort stehen ein paar Wanderer. Huch, hier müffelt es vielleicht nach Wandererschweiß! Die Frau läuft mit zwei weiteren Menschen an den Wanderern vorbei. Sie hat den Geruch auch bemerkt. Einer ihrer Begleiter sagt: Am Geruch kann man erkennen, seit wie vielen Tagen ein Wanderer unterwegs ist. Sie kichern. Die anderen sind wohl schon länger da. Vielleicht sollten sie mal in den See springen.

Aber bitte erst, wenn ich weg bin! Hihi.

Meine Reise talabwärts geht jetzt ziemlich schnell. So schnell schafft es garantiert kein Mensch hier runter. Es geht vorbei an der Blauen Lacke und an zwei Hütten, in deren Biergärten die Menschen die Sonne genießen. Ich freue mich über zwei weitere Wasserfälle und jauchze, während ich in der Gischt tanze.

Fast im Tal angelangt, steckt ein Schaf seine Zunge ins Wasser, um zu trinken. Puh! Das war knapp! Fast hätte es mich erwischt. Aber jetzt wird der Fluss immer breiter. Ich schwimme in der Mitte, unaufhaltsam dem Meer entgegen. Mich überkommt ein unglaubliches Fernweh. Was mich wohl auf meinem weiteren Weg erwartet? Die Wanderer bekommen das nicht mehr mit. Sie begleiten uns nur auf den ersten Metern unseres Lebenswegs.

Der Wilde Wasser Weg: Infos und Tipps

Der Wilde Wasser Weg ist einer der jüngsten Wanderwege im Stubaital. Er entstand vor rund zehn Jahren auf Initiative einer Naturschutzorganisation und wurde binnen kürzester Zeit zur Touristenattraktion. Insbesondere die erste, sehr leichte Etappe ist meist gut besucht, aber je höher man kommt, desto weniger Menschen trifft man auf dem Weg. Es ist möglich, mehrere Etappen an einem Tag zu laufen. Ich bin von der Dresdner Hütte bis zur Grawa Alm gewandert und den Wilde Wasser Weg somit rückwärts gegangen, auf der Spur des Wassers.

Etappe 1, Ruetz Katarakt Ranalt bis Grawa Alm

Dauer: eineinhalb Stunden
Länge: 3,5 km
Höhenmeter: 120
Schwierigkeitsgrad: leicht und barrierefrei

Kurzbeschreibung: Die erste Etappe führt vom Steinbruch in Ranalt entlang der Ruetz und vorbei am Ruetz Katarakt. Sie endet am imposanten Grawa Wasserfall und ist auch mit Kinderwagen problemlos zu meistern.

Etappe 2, Grawa Alm bis Sulzenauhütte

Dauer: zweieinhalb Stunden
Länge: 4 km
Höhenmeter: 660
Schwierigkeitsgrad: mittel

Kurzbeschreibung: Die zweite Etappe des Wilde Wasser Wegs führt vom Grawa Wasserfall, bzw. der Grawa Alm bis zur Sulzenauhütte. Auf dem Weg liegt der imposante Sulzenaufall, dessen Gischt in der Nachmittagssonne ein beeindruckendes Naturschauspiel liefert.

Etappe 3, Sulzenauhütte bis Sulzenauferner

Dauer: eineinhalb Stunden
Länge: 3 km
Höhenmeter: 400
Schwierigkeitsgrad: mittel

Kurzbeschreibung: Teil 3 der Wilde Wasser-Wanderung führt von der Sulzenauhütte bis zur Gletscherzunge des Sulzenauferner. Die Blaue Lacke lädt als türkisblauer See zum Verweilen ein – allerdings eher weniger zum Baden. Das Wasser ist eiskalt, selbst im Sommer. Hier oben ist die Vegetation karger, dafür eröffnet sich ein imposanter Blick auf den Gletscher.

Tipp: Wenn du den Wilde Wasser Weg nicht wieder herunter wandern möchtest, kannst du vom Sulzenauferner über das Peiljoch die Dresdner Hütte erreichen. Genau daneben befindet sich die Gletschergondel (Mittelstation), die dich ebenfalls wieder ins Tal bringt. Dieses Verbindungsstück ist ein Teil des Stubaier Höhenwegs.

Extratipp: Unbedingt eine Mittagspause oder eine Übernachtung in der Sulzenau Hütte einplanen und dort die Spagetti Aglio Olio essen. Achtung! Sehr knoblauchlastig. Aber himmlisch lecker.

Sulzenauferner bis Dresdner Hütte

Dauer: 1,5 Stunden
Länge: 1 km
Höhenmeter: 500
Schwierigkeitsgrad: schwer (schwarz)

Kurzbeschreibung: Hier ist Trittfestigkeit gefragt. Größtenteils über Geröll und Felsbrocken führt der Weg vom Sulzenauferner über das Peiljoch zur Dresdner Hütte. Der Weg ist farbig und mit Steinmännchen markiert. Manchmal muss man allerdings genau hinschauen, wo es lang geht.

 

Angeberwissen: Gletscher

Gletscher sind nach den Ozeanen die zweitgrößten Wasserspeicher der Welt. Anders als die Meere speichern sie Süßwasser, und zwar 70 Prozent des gesamten Süßwasservorkommens auf der Erde. Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist weltweit ein starker Rückgang der Gletscher zu beobachten. Am Stubaier Gletscher zeigen die Moränen, wie groß der Gletscher einst war. Übrigens: Nur auf fünf Prozent der österreichischen Gletscher wird im Winter Ski gefahren.

 

Mehr über den Wilde Wasser Weg gibt es bei Elisa von Take an AdVANture, die mit mir zusammen im Stubaital war: Der WildeWasserWeg von hinten nach vorne.

Wissenswertes über den Wasserkreislauf gib es bei n-tv: Wie alt ist unser Wasser?

*Vielen Dank an den Tourismusverband Stubai Tirol für die Einladung ins Stubaital! Dieser Text sowie meine Meinung sind durch die Einladung nicht beeinflusst. Vielen Dank auch ans Bergführerbüro Stubai Alpin und an Robert Span, der uns auf der Wanderung begleitet hat.

Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

3 Kommentare

  1. Ingeborg

    Eine wunderschöne Geschichte von dem kleinen Wassertropfen, Anna! “Steter Tropfen höhlt den Stein” ist ein Sprichwort. Wie viele Steine hat dein Tropfen auf seinem weiten Weg schon bearbeitet… Und so tolle Fotos! Die Wanderschuhe, die da auf den Felsen stehen — sicher mit deinen Füßen drin – möchte man anziehen und wie mit Zauberschuhen (Siebenmeilenstiefeln!) den Weg fortsetzen…

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