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Tanz durch den Tiefschnee

Wer sich mit Ski und Snowboard abseits der Pisten bewegt, muss auf die richtige Haltung achten – und trotzdem möglichst entspannt bleiben. Freeriden will gelernt sein. Üben lässt es sich am besten mit Freundinnen. Beim Freeriden für Frauen in Ischgl lernen Snowboarderinnen und Skifahrerinnen das Tiefschneefahren unter Gleichgesinnten.

In der Nacht hat es geschneit. Das ist die beste Nachricht des Morgens. Neuschnee bedeutet Powder. Und Powder, diese pulvrige, lockere, oberste Schneeschicht macht die Berghänge weich und das Freeriding, Tiefschneefahren abseits der Pisten, zu einem wahren Vergnügen.

Weil wir diese schneereiche Nacht in unseren Betten verbracht haben, statt in Kuhstall und Co. zu feiern, sind wir schon früh am Morgen an der Talstation der Silvrettabahn und erwischen eine der ersten Gondeln, die uns auf den Berg bringt. Als wir die Bergbahn an der Idalp wieder verlassen, herrscht dort trotz der frühen Stunde schon einigermaßen reger Andrang.

Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Reste der Schneewolken. Die Pisten sind frisch präpariert und daneben ist der Neuschnee noch unberührt. Beste Powderbedingungen.

Gemein ist nur: Wir dürfen noch nicht los. Erst einmal geht es in die Skischule, wo unsere Lehrer Hannes und Michael uns mit dem “Pieps” vertraut machen und jeder von uns einen aushändigen.

Der Pieps heißt eigentlich Lawinenverschüttetensuchgerät oder kurz LVS, aber weil das zu lang ist und vielleicht bei der einen oder anderen ein mulmiges Gefühl in der Bauchgegend verursachen könnte, hat man ihm einen wohlklingenderen Namen verpasst. Wenn er korrekt eingestellt und eingeschaltet ist, sendet der Pieps kontinuierlich Funkwellen, die ein anderes Gerät empfangen kann. Dann piepst er eben, und hilft so, Verschüttete im Ernstfall schneller zu finden.

Sollte eine von uns beim Freeriden unter eine Lawine geraten, wäre sie also auffindbar. Wir sind fürs Schlimmste gewappnet. Doch: Das Risiko ist heute gering, auf der Piste sowieso, aber auch daneben. Das sagt der Lawinenwarndienst Ischgl. Leuchten an der Idalp, am Höllboden, an den Talstationen der Pardatschgrat-, Fimba-, Palinkopf- und Gampenbahn und am Pardatschgrat selbst warnen die Wintersportler, falls sich daran etwas ändert.

Auf den Pisten rund um die Idalp wird es jetzt voller. Das kann uns heute aber recht herzlich egal sein. Denn wir werden die Piste gleich verlassen, um auf den immer noch unverspurten Hängen durchs freie Gelände zu fahren.

Viele Freerider unterschätzen die Gefahr durch Lawinen

Wer ohne Sicherheitsausrüstung oder alleine die Piste verlässt, begibt sich in Lebensgefahr. Dennoch unterschätzen Freerider die Natur immer wieder – auch in Ischgl. Hannes und Michael und die anderen Skilehrer nehmen ohne Pieps zwar keinen Schüler mit in den Tiefschnee. Doch sie haben keine Kontrolle darüber, was diejenigen machen, die alleine Off-Piste unterwegs sind.

Hannes und Michael haben jetzt eine zwölfköpfige Frauentruppe unter ihren Fittichen. Sie haben gute Erfahrungen damit gemacht, den Unterricht nach Geschlecht getrennt durchzuführen. “Die Männer wollen beweisen, wie stark sie sind. Sie fahren meist einfach drauflos. Frauen legen mehr Wert darauf, erst die richtige Technik zu lernen. Sie sind vorsichtiger und wollen Kraft sparen”, fasst Michael zusammen.

Es darf sich jeder im freien Gelände umbringen, wenn er möchte.
Hannes, Skilehrer

Weil wir alle mehr oder weniger Freeride-Anfänger sind, üben wir unsere ersten Tiefschnee-Schwünge auf kurzen Hängen. Schnell wird klar, dass das Fahren abseits der Piste sehr viel schwieriger ist als darauf.

Es erfordert mehr Körperspannung und ein besseres Gleichgewicht. Immer wieder versinken die Spitzen von Skiern und Snowboards im Schnee – wir bleiben stecken und fallen. Macht aber nichts: Denn immerhin sind die Stürze weich. “Stellt dir vor, du stehst auf Stöckelschuhen”, ruft Hannes mir hinterher.

Da ich nie Stöckelschuhe trage, bringt mir diese Hilfestellung nicht viel, aber ich hebe die Fersen an, strecke die Zehen in den Boots aus und stelle mir vor, zu tanzen. Hallo, Klischee!

Wer den Dreh mit den imaginären Stöckelschuhen oder dem Tanzen einmal raus hat, fährt elegant über den weichen Pulverschnee. Das Erlebnis ist mit einer normalen Pistenabfahrt kaum zu vergleichen, eher schon mit dem Gefühl, eine grüne Welle abzusurfen.

Schon nach wenigen Stunden sind wir alle sicherer – und damit es nicht langweilig wird, nehmen wir auch gleich die erste größere Tour in Angriff. Mit der Pendelbahn geht es hinauf auf den 2811 Meter hohen Piz Val Gronda. Der Gipfel ist seit 2014 durch einen neuen, 150 Personen fassenden neuen Lift erschlossen. Rings herum befindet sich ein riesiges Freeridegelände, gesichert durch Lawinensprengmasten.

Dort wollen wir hin. Und weiter: Über den Grat hinter der Bergstation laufen wir im Gänsemarsch Richtung Osten. Weil der starke Wind der vergangenen Tage den Schnee vom engen Bergkamm geweht hat, müssen wir uns sehr vorsichtig bewegen und hin und wieder sogar abschnallen. Es liegt nicht viel Schnee, aber zum Tiefschneefahren reicht es doch noch.

Die Gams taugt nicht als Frühwarnsystem
Lawinenrisiko richtig einschätzen

Dass wenig Schnee automatisch ein geringeres Lawinenrisiko bedeutet, sei eine weit verbreitete Fehleinschätzung, klären Hannes und Michael uns auf. Das Gegenteil ist der Fall. Denn bei wenig Schnee besteht die Schneedecke oft aus vielen dünnen Eis- und Schneeschichten. Zudem gibt es große Temperaturunterschiede zwischen der frischen Schneeoberfläche und der Altschneedecke.

Dadurch ist das Risiko sogar größer, dass sich nah an der Oberfläche Schwachschichten bilden, die durch einen Freerider zum Abrutschen gebracht werden können. Liegen die Schwachstellen tief, reicht die Wirkung eines Wintersportlers nicht aus, um eine Lawine auszulösen.

Michael räumt außerdem mit einer Bauernweisheit auf: “Es stimmt nicht, dass da, wo Gämsen sind keine Lawinen runter kommen. Die können Lawinen auch nicht vorausahnen.“

Einmal über den Grat, auf dem der Wind pfeift und die Sonne wärmt, wartet eine 800 Höhenmeter lange Tiefschnee-Abfahrt bis zur Heidelberger Hütte auf uns. Wir haben den Berg ganz für uns alleine und schlängeln uns hintereinander in Richtung Fimbatal. Hier oben sieht man keinen Lift und keine Menschenseele. Ohne Ortskenntnisse sollte man sich auf dieser Seite des Bergs deshalb auch besser nicht bewegen.

Die Ortsnamen wiederholen unsere Skilehrer in regelmäßigen Abständen. “Damit ihr wisst, wo ihr seid, falls Michael und mir was passiert”, erklärt Hannes, “aber keine Sorge: Uns passiert nichts.”

Natürlich kommen wir alle unbeschadet bis zur Heidelberger Hütte. Nur die Oberschenkel fangen langsam an zu schmerzen.

Das ABS-Kissen dürfen wir am Schluss zum Spaß noch testen. Doch den Rest der vollständigen Lawinenschutzausrüstung – Schaufel, Sonde, Seil, Sonargerät und Erste-Hilfe-Set – packt Michael nur aus, weil er sonst nicht an den Wein kommt, den er ganz unten im Rucksack versteckt hat. Wir sind immerhin in Ischgl.

Freeriden für Frauen in Ischgl: Alles, was du wissen musst

Anreise nach Ischgl

Wer nicht mit dem eigenen Auto anreisen kann oder will, fährt mit der Bahn bis Landeck-Zams und von dort mit dem Skibus oder dem Taxi weiter nach Ischgl. Alle Infos zur Anreise gibt es beim Tourismusverband Ischgl.

Unterkunft finden in Ischgl

Von der privaten Ferienunterkunft bis zum Fünfsternehotel gibt es in Ischgl alles zu mieten, was man sich vorstellen kann. In der Hauptsaison ist trotzdem häufig alles ausgebucht – oder sehr teuer. Es lohnt sich deshalb, schon frühzeitig nach einer Unterkunft zu suchen oder – noch besser – in der Nebensaison zu kommen.

Kosten für den Skipass Ischgl

Der Tagesskipass Ischgl/Samnaun für Erwachsene kostet in der Hauptsaison 49 Euro (Stand Winter 2017/2018). Aktuelle Preise und Infos findest du jederzeit hier.

Freeriden lernen in Ischgl

Die Skischule Ischgl bietet Freeride-Kurse für Gruppen und für verschiedene Levels an, die individuell gebucht werden können – pro Person ab 72 Euro für einen halben Skitag.

Tipp: Freeriden lernen im Women’s Winter Camp

Sorry Männer, das ist nur für Frauen: Das Women’s Winter Camp von Marmot, das im Januar 2018 in Ischgl stattfindet, bietet vollen Freeride-Spaß an vier Tagen. Egal ob Anfängerin oder Profi: Das Programm richtet sich an alle, die Spaß am Tiefschneefahren haben.

Neben dem Unterricht in Theorie und Praxis kann das neueste Equipment der Sponsoren getestet werden – und Abends gehts zum Entspannen in die Sauna. Das Camp findet jedes Jahr statt – 2018 neben Ischgl übrigens im März auch in den Kitzbüheler Alpen.

Kosten für drei Übernachtungen inkl. Halbpension und Lunchpaket im Viersternehotel (DZ), Viertages-Skipass, Testequipment und Hüttenabend, 769 Euro (Einzelzimmer: 819 Euro). Es sind noch wenige Plätze frei, aber wer dabei sein will, sollte sich mit der Buchung besser beeilen. Mehr Infos & Buchung.

 

Vielen Dank an den Tourismusverband Ischgl für die Einladung zum Freeriden. Dieser Artikel ist in ähnlicher Form zuerst im Reisejournal der Allgemeinen Zeitung erschienen.

Geschrieben von

Bloggerin und Autorin Anna Röttgers Reiseblog Anemina Travels Avatar
... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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