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Pattaya. Oder meine Flucht mit dem Taxi

Pattaya ist eine Stadt, die für ihre Vergangenheit berüchtigt ist. Ab etwa 1960 war sie so eine Art Sex- und Vergnügungsparadies für amerikanische Soldaten, die dort vergessen konnten, dass sie in Vietnam Menschen töten mussten und dass sie zu Hause Frau und Kinder sitzen hatten. Die Stadt boomte, Bordelle und Bars säumten das Strandufer, mehr und mehr zog es junge, arme Mädchen auf der Suche nach schnellem Geld ins Sündenbabel Thailands.

Ich wusste das, bevor ich nach Pattaya fuhr. Was ich nicht wusste, war, dass trotz anders lautender Versprechungen die Stadt sich nicht geändert hatte in den fast 40 Jahren seit dem Ende des Vietnam-Kriegs und dem Abzug der amerikanischen Truppen aus ihrem thailändischen Stützpunkt. Ich hatte gehört, Pattaya hätte sich gewandelt, hin zu einem Strand- und Badeort, einem Vergnügungszentrum für die ganze Familie. Ich hätte es besser wissen können. Doch ich wusste es nicht besser und so saß ich 18 Stunden nach meiner Ankunft in der Stadt des Grauens in einem Taxi, das mich so schnell wie möglich wieder weg bringen sollte.

Doch von vorne. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass es nicht meine Idee gewesen war, nach Pattaya zu fahren. Die Stadt lag auf unserem Weg zwischen Koh Chang und Bangkok, die Wettervorhersage versprach viel Sonnenschein und S. freute sich auf Action – Jetski, Parasailing und ähnliches. Pattaya ist auch für diese Dinge bekannt, Dinge, die wir beide schon immer mal ausprobieren wollten, die uns aber außerhalb von Südostasien immer zu teuer waren. Wir wussten, dass wir mit einer hohen Rotlichtquote zu rechnen hatten, aber am Strand, dachten wir, mit frischen Kokosnüssen in den Händen, würde uns das nicht allzu sehr stören.

Wir kamen nachmittags in Pattaya an, hatten genug Zeit, uns alles in Ruhe anzuschauen und Pläne für den nächsten Tag zu schmieden. Auf den ersten Blick wirkte die Stadt nicht anders als andere südostasiatische Großstädte. Es war heiß und stickig.

In unserem kleinen Hotel saß ein schlecht gelaunter Russe im Unterhemd auf einem Ledersofa und aß eine Nudelsuppe. Im Aschenbecher neben ihm qualmte eine Zigarette, über ihm summte der Ventilator. Dimitri musterte uns mürrisch. Dann rief er einen Mitarbeiter, der uns zu unserem Zimmer führte. Nennen wir ihn Ivan. Ivan war groß gewachsen, hatte dunkle Haare und eine große Nase – er könnte ein Thai gewesen sein oder auch ein Russe. Auch Ivan musterte uns. Wir hatten sein Angebot abgelehnt, für zehn Dollar Aufpreis pro Nacht die Fernbedienung für die Klimaanlage zu leihen. Damit hatten wir uns anscheinend keine Freunde gemacht.

Immerhin erklärten Ivan und Dimitri uns später noch den Weg zum Strand. Sie fragten uns, was wir vorhätten, wir sagten, die Stadt anschauen. Sie schauten sich an und erwiderten nichts darauf. Die einzigen anderen Touristen, die wir auf dem Fußmarsch Richtung Meer sahen, sprachen russisch. Bierbäuchige Männer, gut angetrunken, schlanke Blondinen an ihrer Seite, stark überschminkt, Kinder, auf deren Kleidungsstücken in Großbuchstaben die Namen von Luxusmarken prangten.

Ein paar weiße Männer mittleren Alters, ebenfalls bierbäuchig und gerne oberkörperfrei, bevölkerten die Strandpromenade – wohl in der Tradition der GIs auf der Suche nach willigen Thaifrauen. Von denen gab es dort genau so viele wie Sonnenliegen am nahegelegenen Strand. Frauen und Männer, daneben Mädchen und vielleicht auch Jungen, kaum älter als 15, himmelhohe Schuhe, gürtelkurze Röcke. So, dachte ich mir, muss es in der berüchtigten Herbertstraße im Hamburger Rotlichtmilieu St. Pauli aussehen, dachte ich mir. Mit dem Unterschied, dass die Nutten in Pattaya früher Männer waren – zumindest ein Teil von ihnen.

An eine Pause am Strand war nicht zu denken. Liege an Liege stand dort dicht gedrängt, vom Sand war fast nichts mehr zu sehen. Sonnenschirme verdrängten das Licht und die freie Sicht auf das Meer, überall Gestank, Dreck, Stripper und Prostituierte. Wir setzten uns auf eine Mauer um den Thai-Döner zu essen, den wir uns an einem kleinen Stand gekauft hatten. Ich hatte meinen zur Hälfte fertig, als sich ein Mann unterhalb von mir neben der Mauer aufstellte und ungeniert anfing, in meine Richtung zu pinkeln. Der Appetit verging mir in einem Wimpernschlag. Ich warf mein Essen auf den Müllhaufen auf dem Strand. Es war 16 Uhr. Ich kaufte mir an einem kleinen Stand ein Bier und stürzte es mit einem Schluck herunter. Danach ging es mir ein bisschen besser. In einer Bar überlegten wir, was wir nun tun sollten.

Wir fassten einen Entschluss: Weg aus Pattaya, und zwar so schnell wie möglich.

Weil wir unser Hotel schon für zwei Nächte bezahlt hatten, wollten wir wenigstens für eine Nacht bleiben. Unser Zimmer machte immerhin keinen üblen Eindruck. Zurück im Hotel ließen wir uns von Ivan beraten, wie wir am nächsten Morgen nach Bangkok kommen könnten. Er bestellte uns ein Taxi für 40 Dollar. Der Bus hätte uns einen Bruchteil gekostet. Uns war das egal. Es war uns auch egal, dass unser Taxifahrer wahrscheinlich kein Taxifahrer, sondern ein Freund, Bruder oder Onkel von Ivan war. Wir wollten weg hier, und zwar so schnell wie möglich.

Später am Abend hörten wir, wie Ivan an die Tür des gegenüberliegenden Zimmers hämmerte und jemanden aufforderte, zu gehen. Ich hatte ihn schon am Nachmittag beobachtet, wie er auf einem der unteren Flure vor einem Zimmer herumgelungert und an eine Tür geklopft hatte. Nur hatte ich mir nichts dabei gedacht.

Ich wollte es mir gerade im Bett gemütlich machen, da hörte ich erneut das Pochen, eine Stimme, die etwas erwiderte und kurz darauf zwei Frauenstimmen, die kichernd aus dem Zimmer kamen und sich in gebrochenem Englisch mit Küsschen von jemandem verabschiedeten. Prostituierte.

Es war offensichtlich: Der Russe fuhr, was die Zimmervermietung anging, zweigleisig. Unser Nachbar hatte sein Zimmer vermutlich nur für ein paar Stunden gemietet. Ich wünschte mir, ich hätte meinen Aufenthalt in Pattaya auch auf ein, zwei Stunden beschränkt. Statt mich unter die Decke zu legen, holte ich meinen Tropenschlafsack aus meinem Rucksack und wickelte mich stattdessen in den ein. Es war 23:06 als ich das letzte Mal auf mein Handy schaute. In etwas weniger als neun Stunden würden wir auf der Rückbank eines Autos sitzen, das uns endlich aus dieser Stadt brachte.

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Über die Autorin

Bloggerin und Autorin Anna Röttgers Reiseblog Anemina Travels Avatar
Anna liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach, Gespräche am Lagerfeuer und Nordamerika. Sie würde einen spontanen Roadtrip jederzeit einem Tag am Pool vorziehen und ist am liebsten draußen - zum Wandern, Surfen oder Snowboarden.

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