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Je ne fais rien. Schöne Ferien auf Französisch

Je ne fais rien ist französisch und bedeutet so viel wie: Ich mache nichts. Es ist sicher kein Zufall, dass dieser Satz fast genauso ausgesprochen wird wie dieser: Schöne Ferien.

Je ne fais rien [ʒə nə fɛ ʁjɛ̃]
Schöne Ferien [ˈʃøːnə ˈfeːʀi̯ən]

Das wussten Hannah und ich schon vor mehr als zehn Jahren. Wir waren Freundinnen, beide gerade 19, wir hatten den Führerschein und den alten Volvo von Hannahs Vater. Wir hatten gerade das Abi in der Tasche und träumten von der Freiheit und vom gemeinsamen Kunststudium, von Rotweinnächten und Küchenphilosophie.

Mit Freunden und Zelt und Isomatten machten wir uns in jenem Sommer auf den Weg an die französische Atlantikküste. Es war unser erster Roadtrip, der erste Urlaub ganz nach unseren Vorstellungen. Die große Freiheit. Auf der Autobahn kurbelten wir die Fenster ganz herunter, lehnten die Ellenbogen lässig nach draußen, hörten laut Musik und sangen noch lauter mit. Wir versorgten uns mit Zigaretten und Thunfisch-Sandwiches vom Rastplatz. Wir fuhren ohne Pause bis weit hinter Paris. Mit dem Fahren wechselten wir uns ab.

Als es spät wurde, legten wir die Isomatten auf einem Rastplatz neben das Auto und schliefen ein paar Stunden, ehe wir wieder in den alten Volvo stiegen, die Musik aufdrehten und weiter fuhren. Einen Tag nach dem Aufbruch zu Hause kamen wir in Le Porge-Océan an und blieben dort für zwei herrliche Wochen.

Elf Jahre später sitzen der Mann, den ich damals noch nicht kannte, und ich in unserem Golf, dessen Klimaanlage pünktlich zum Sommer den Geist aufgegeben hat. Die Fenster sind einen Spalt breit offen. Wir machen Ferien in Frankreich. Es ist unser erster gemeinsamer Roadtrip in Europa. Schon verrückt: Da waren wir zusammen an so vielen Orten der Welt, in den USA, in Australien und Südostasien und noch nie nebenan, in Frankreich. Es ist eine besondere Reise, unsere vorerst letzte zu zweit. Genau genommen sind wir schon zu dritt. Ein Miniabenteurer hat sich angekündigt und sein erster Roadtrip führt ihn, wie damals mich, an die französische Atlantikküste. 

Hannah hatte diese Gabe, sich im Urlaub innerhalb von wenigen Augenblicken in die schrägsten Gestalten zu verlieben. Sie verbrachte Stunden damit, vom Zeltplatz aus heimlich ihren gerade Angebeteten zu beobachten. Le Canard, die Ente, nannten wir einen von ihnen, weil er stets mit Taucherbrille und Flossen auf dem Campingplatz herumwatschelte. Wir sahen ihn nie ohne.

Einmal brach auf dem Weg von Le Porge-Océan nach Lacanau der Auspuff des Volvo ab, und weil wir kein Geld für die Reparatur hatten, telefonierte Hannah mit ihrem Vater und bat dann in der Werkstatt um ein Schweißgerät, um selbst das Nötigste zu erledigen. Sie ließen sie machen, und der Auspuff hielt, bis wir wieder zu Hause waren.

Hannah und ich bewunderten die Surfer in den Wellen. Wir kamen nie selbst auf die Idee, ein Surfbrett zu leihen oder einen Kurs zu machen. Sonderlich sportlich oder gar ambitioniert waren wir ohnehin nicht. Wir hatten andere Prioritäten: nichts tun.

Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, warum ich nicht schon viel früher mit dem Surfen angefangen habe. In diesem Urlaub muss ich zuschauen. Ich kann nicht mehr flach auf dem Babybauch liegen und muss mich mit beiden Händen auf dem Brett abstützen. Paddeln geht nicht. Der Mann hat Mitleid, nimmt mich mit und schiebt mich, wie eine Robbe auf dem Brett, mit Schwung ins Weißwasser. Ich schaffe es, aufzuspringen und ein Stück zu surfen, wenn auch nicht ganz so elegant wie die Damen und Herren, die weiter draußen die Wellen abreiten. Aber diese wenigen Momente reichen, ich bin ganz und gar glücklich.

Weil wir mit 19 noch sehr aufs Geld achten mussten, gab es morgens und mittags Baguette und in Ausnahmefällen Pommes mit Ketschup oder Thunfischsalat aus der Dose. Abends aßen wir fast immer Reis mit Scheiß vom Campingkocher, unser liebstes Campingessen, weil es sich so schnell zubereiten ließ. Man muss dafür nur Reis kochen und alle Dosen rein kippen, die gerade da sind.

Das Essen kühlten wir mit Eis im Frisa – Lisa behauptete, dass die Kühlbox so heiße und ließ sich von dieser Meinung auch nicht abbringen. Lisa kam aus Niedersachsen und war eine Freundin von Hannah, aber auch in Niedersachsen hießen die Dinger auf Deutsch Kühlbox und auf Englisch Freezer.

Für Bier war im Frisa kein Platz, deshalb war das Kronenbourg immer leicht warm, und deshalb tranken wir lieber angewärmten Rotwein. Das fühlte sich wesentlich erwachsener an – auch wenn wir eigentlich gar nicht erwachsen werden wollten.

Reis mit Scheiß kann ich heute nicht mehr sehen und ich habe es seit jenem Campingurlaub auch nicht mehr gegessen, auch nicht zu Studienzeiten. Dieses Erwachsenwerden hat auch seine guten Seiten. Nicht nur kulinarisch, aber auch. Da spielt der Campingurlaub zu zweit in einer anderen Liga. Morgens gibt es frische Croissants vom Bäcker, mittags Obst und belegtes Baguette am Strand und Abends gehen der Mann und ich fast jeden zweiten Tag essen. Zum Nachtisch gibt es immer einen frischen, heißen Crèpe mit Zucker und Zimt am Strand, auf den ich mich schon morgens freue. 

Jeden Tag laufen wir mindestens einmal durch die Pinienwälder zum Strand. Das Hintertor des Campingplatzes führt in die Dünen und von dort aus dauert der Spaziergang ans Meer gut zehn Minuten. Der Platz ist umzäunt, wie damals schon, und um von außen durch das Tor zu kommen, braucht man einen Code, der mir bekannt vorkommt. Ich glaube, es ist heute noch der selbe wie damals. 

Hannah und ich bestärkten uns regelmäßig gegenseitig in der Annahme, dass wir viel cooler waren als alle anderen in unserem Alter. Weil wir Rotwein tranken – aber rein und trocken, und nicht als Sangria. Und weil wir in Frankreich zelteten, statt in Lloret oder am Ballermann zwei Wochen in Discos durchzufeiern. Wir feierten trotzdem zwei Wochen durch.

Einmal gewitterte und hagelte es und der nachfolgende Platzregen drohte, unseren Teil des Campingplatzes komplett unter Wasser zu setzen. Während Hannah, die Angst vor Gewitter hatte, sich im Auto verkroch und ich unter dem Dach des Campingplatz-Supermarktes Schutz suchte, gruben Melli und Lisa im strömenden Regen mit den Händen Gräben um unsere Zelte, damit das Wasser nicht in die Zelte lief. Es klappte, doch der Hagel hatte ein Loch in die seitliche Wand von Hannahs Zelt gerissen.

Wir flickten die Plane, so gut es ging und hatten Glück, dass es danach nicht mehr regnete. Am Abend nach dem Gewitter gaben zwei unserer Campingstühle den Geist auf. Wir konnten sie notdürftig weiter benutzen. Am Ende des Urlaubs beerdigten wir sie in einer feierlichen Zeremonie in der großen Mülltonne.

Alles löste sich auf. Auch wir. Wir verstreuten uns in alle Himmelsrichtungen.

Die Sandalen, die sich auf dem Foto oben so hübsch machen, sind von Teva, Modell Universal Rope. Teva hat sie mir kostenlos zur Verfügung gestellt, ich habe sie aber ganz freiwillig im Urlaub Urlaub spazieren getragen und trage sie auch immer noch sehr gerne. Danke.

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… spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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