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Gute Aussichten in Tirol: Wandern auf dem Zirbenweg

Ich mag die Berge vor allem deshalb, weil da eben nicht alles gerade ist. Ich mag die Anstrengung beim Wandern, das Auf und das Ab – und wenn ich abends meine müden Beine hochlegen kann, dann hatte ich mit großer Sicherheit einen tollen Tag. Der Zirbenweg ist also – eigentlich – kein Weg für mich. Eigentlich. Denn der Zirbenweg verspricht Alpenpanorama ohne Anstrengung. Zumindest, wenn man nicht bis zum Startpunkt am Patscherkofel hoch und danach vom Glungezer wieder herunter wandert.

Österreichs höchstgelegener und vermutlich schönster Panoramaweg liegt in der Region Hall-Wattens in Tirol und führt auf 2000 Metern Seehöhe ohne wesentliche Höhenänderungen vom Patscherkofel bis zur Tulfeinalm. Er bietet atemberaubende Blicke ins Inntal sowie auf rund 400 Gipfel der Alpen. Die reine Gehzeit für die knapp sieben Kilometer beträgt etwa zweieinhalb Stunden und ist auch für Kinder, Hunde und Gehfaule geeignet.

Nach oben und unten geht es ab Igls mit der Patscherkofelbahn und zurück vom Glungezer mit dem Sessellift nach Tulfes. Von Tulfes nach Igls, wo es an Talstation einen großen Wanderparkplatz gibt, fährt ein Wanderbus. Seinen Namen hat der Zirbenweg von seiner Bewaldung: Hier wächst einer der ältesten und größten Zirbenbestände Europas. Ab Mai blühen die Almrosen, im Spätsommer und Frühherbst das Heidekraut.

Für diesen Weg also mache ich eine Ausnahme. Ich habe so viel Gutes über ihn gehört, dass ich bereit bin, meine sportlichen Ambitionen für einen Tag in den Wind zu schlagen und stattdessen nur die Aussicht zu genießen. Dass ich diese Pläne wiederum spontan in den Wind schlagen werde, um spontan doch einen Gipfel zu erklimmen, und abends mit müden Beinen ins Hochbett in der Voldertalhütte fallen werde, weiß ich noch nicht, als ich in Igls in die Patscherkofelbahn steige.

Suchbild. Wo bin ich?

Wir haben uns einen perfekten Tag für die Wanderung ausgesucht. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, die Bienen umschwirren das Heidekraut und wenige Meter nach dem Start treffen wir auf eine Gruppe Bergführer, die heute ihren freien Tag hat und ihn ebenfalls für eine Wanderung auf dem Zirbenweg nutzt. Weil unsere Wanderführerin Claudia einen von ihnen kennt, kommen wir schnell ins Gespräch – und weil der Flachmann ohnehin gerade kreist, dürfen auch wir schon mal vom Zirbenschnaps kosten, für den die Region Hall-Wattens ebenso bekannt ist wie für ihren Zirbenweg.

Das ist also dieses Genusswandern.

Damit wir den Weg mit allen Sinnen genießen können, macht Claudia sich auch gleich daran, uns zu erklären, was da am Wegrand so alles wächst. Wir probieren Klee und Giersch und Frauenmantel und lassen uns von der Kräuterexpertin erklären, warum Breitwegerich für Wanderer eine der nützlichsten Pflanzen überhaupt ist. Er hilft gegen Blasen, Druckstellen und Insektenstiche.

Nach etwa eineinhalb Stunden Wanderung mit unzähligen Fotostopps haben wir etwas mehr die Hälfte der Strecke geschafft. Claudia bleibt stehen. Rechts führt ein kleiner Weg nach oben. Ob wir Lust auf einen Abstecher haben, fragt sie. Klar, haben wir. Und so bekomme ich spontan doch noch mein Gipfelerlebnis.

Über einen schmalen, aber gut ausgewiesenen Weg wandern wir auf die Neunerspitze (2285 Meter) und lassen den Zirbenweg unter uns. Nicht jedoch die Zirben und ihren wunderbaren Duft: Der Rückweg ist so zugewachsen, dass wir uns durch dichten Zedern- und Latschenkiefer-Baumwuchs kämpfen müssen.

Entdeckt: Das Schnapsversteck auf der Neunerspitze.

Zurück auf dem Zirbenweg legen wir an Tempo zu: Die Mägen knurren und wir freuen uns aufs Essen auf der Tulfeinalm – ehe es mit dem historischen Einer-Sessellift der Glungezerbahn bis zur Mittelstation und von dort aus noch ein Stück weiter zur Voldertalhütte geht.

Und irgendwann auf dem letzten Stück zwischen Glungezer und Voldertalhütte stellt es sich doch ein, das Gefühl von Müdigkeit in den Oberschenkeln: Die Schritte werden schwerer und ich freue mich, bald da zu sein, die Wanderschuhe auszuziehen und die Füße hochzulegen.

Die Region Hall-Wattens: Wissenswertes

Hall-Wattens ist eine österreichische Region nahe Innsbruck, Tirol, vielen bekannt als Hauptsitz der Swarovski-Kristallwelten und mittelalterliche Salzhochburg. Im Winter bietet sie mit dem Glungezer eines der letzten Naturskigebiete Europas: Die Pisten werden nicht beschneit, dadurch ist der Schnee viel schöner zu fahren.

Wandern in Hall-Wattens

Im Sommer ist Hall-Wattens ein perfektes Ziel für Wanderer aller Fitnesslevels. Unter anderem durchqueren Fernwanderer auf dem Traumpfad München-Venedig regelmäßig die Region. Hall-Wattens liegt an der Grenze zwischen Karwendel und Tuxer Alpen und bietet deshalb eine große landschaftliche Vielfalt. Auf der einen Seite des Inn erhebt sich das Kalkgestein des Karwendels, auf der anderen das metamorphe Gestein etwa mit Schiefer oder Quarz der Tuxer Alpen.

Klingt kompliziert, bedeutet aber eigentlich nur eins: Die Berge auf beiden Seiten des Inn sehen sehr unterschiedlich aus. Das Karwendel im Norden ist schroff und eher karg, weil in seinen durchlässigen Kalkböden wenig wachsen kann. Die Tuxer Voralpen im Süden sind sehr viel vielfältiger und stärker bewachsen, die Baumgrenze ist höher. Egal, ob du nun bewaldete Wege bevorzugst oder das schroffe, felsige Bergklima liebst: In Hall-Wattens findest du Wanderwege für jeden Geschmack.

Buchtipps: Richtig große Lust auf die Alpen machen diese beiden Bildbände von National Geographic: Hütten – Sehnsuchtsorte in den Alpen und Wilde Alpen.

Hall-Wattens: Praktische Infos

iDer Zirbenweg ist von Mai bis Oktober geöffnet. Das Rundwanderticket inklusive Lift- und Busfahrten gibt es an den Talstationen von Glungezer- und Patscherkofelbahn sowie im Tourismusbüro Tulfes, Erwachsene mit Gästekarte zahlen 23 Euro.

Tourenbeschreibung Zirbenweg

Busfahrplan Tulfes-Igls

Eine kostenlose Wanderkarte für die ganze Region kannst du online beim Tourismusverband Hall-Wattens bestellen.

Den süßlichen Zirbenschnaps gibt’s auf vielen Bauernhöfen zu kaufen, besonders gut ist der vom Tuxerbauern in Tulfes.

Tiroler Schlutzkrapfen schmecken in der Hall-Wattenser Version besonders gut. Am besten sind sie auf der Tulfeinalm am südlichen Ende des Zirbenwegs wenn man gerade spontan die Neunerspitze erklommen hat und ziemlich ausgehungert ist. Sie schmecken aber auch zu Hause. Hier geht’s zum Schlutzkrapfen-Rezept.

Anreise nach Hall-Wattens

Hall-Wattens liegt im Bundesland Tirol in Österreich und ist von Innsbruck aus mit dem Bus oder dem Taxi schnell zu erreichen. Nach Innsbruck kommst du, wenn du nicht mit dem eigenen Auto oder dem Flugzeug anreist, vom südlichen bis mittleren Teil Deutschlands aus am schnellsten mit der Bahn über München.

Übernachtungstipps in Hall-Wattens

Das Ferienhotel Geisler in Tulfes hat schöne, großzügige Zimmer, eine gute Küche und einen schönen Außenpool mit Panoramablick über das Inntal und die dahinter liegenden Berggipfel. Das Doppelzimmer inklusive Frühstück gibt es ab 130 Euro.

Die Voldertalhütte ist eine klassische Wanderhütte mit Bewirtung auf 1376 Metern. Es gibt sowohl Lagerplätze als auch Mehrbett- und Doppelzimmer, die aber rechtzeitig gebucht werden sollten. Alpenvereinsmitglieder zahlen im Lager 14 Euro, im Zimmer 17 Euro (für Nichtmitglieder kostet die Übernachtung 20 Euro, bzw. 23 Euro).

Enttäuschung an der Voldertalhütte: Freibier gab’s gestern. Verdammt!

Vielen Dank für die Region Hall-Wattens für die Unterstützung der Reise!

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Geschrieben von

… spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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