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Draußen in Leipzig: Mit dem Kanu zum Cospudener See

Leipzig ist eine der grünsten Städte Deutschlands. Neben einem Grüngürtel mit einer beachtlichen Anzahl an Parks gibt es auch einen aus Wasser. Zwar liegt die Stadt nicht unmittelbar an einem großen Fluss. Die Pleiße ist alles andere als das – und außer Stadt-Land-Fluss-Profis und Einheimischen kennen ihn die wenigsten vor ihrem ersten Leipzig-Besuch.

Trotzdem behaupten die Leipziger, ihre Stadt sei einer der besten Orte der Welt zum Kanufahren. Das liegt vor allem an einem großen Netz von Kanälen, Gräben und Seitenflüssen. Goethe nannte die Stadt einst zwar Klein-Paris – Klein-Venedig wäre aber genauso passend gewesen.

Mein Drybag liegt sicher verstaut vor meinen Füßen. Kamera, Handy, Essen und Wechselklamotten sind wasserdicht verpackt. Ich lasse mir, im Kanu sitzend, ein letztes Mal den Weg erklären. An der ersten Abzweigung links halten, an der zweiten rechts, dann immer weiter dem Wasserlauf folgen, den kleinen See überqueren und schließlich den großen, das wäre dann der „Cossi“ – so nennen die Leipziger den Cospudener See liebevoll. Sicherheitshalber ist das alles auch nochmal auf einer laminierten Wasserwanderkarte markiert, die ich mitnehmen darf.

Klingt machbar. Wäre da nicht noch dieses Wort: Schleuse. Als der nette Mann vom Kanuverleih „Schleuse“ sagt, rutscht mein Herz mir kurz in die Hose. Da war ja was. „Keine Sorge“, beruhigt er mich aber, „ist gar nicht so schwer“. Dann lässt er mein Kanu los und ich mache mich auf den Weg.

iDer Cospudener See entstand in den Jahren 1993 bis 2000 durch die Flutung eines ehemaligen Tagebaus mit Wasser. Heute ist er ein mehr als 400 Hektar großes Naherholungsgebiet im Süden von Leipzig – neben Baden kann man hier auch windsurfen und hervorragend segeln. Weil er aus der Stadt relativ leicht mit dem Kanu zu erreichen ist, paddeln die Leipziger am Wochenende gerne dorthin.

Man kann die Kanus umtragen, anstatt durch die Schleuse zu fahren – für mich ist das aber keine Option, denn ich bin allein unterwegs. Erstmal muss ich mich ohnehin mit den banaleren Problemen des Kanufahrens abgeben, Nummer eins: die Richtung halten.

Jedes Mal, wenn ich aufhöre zu paddeln, driftet mein Kanu seitlich ab, weil ich gegen die Strömung fahre. Fotos machen ist quasi unmöglich – essen wird auf dem Wasser wohl auch schwierig werden. Während ich noch darüber nachdenke, ob ich auf dem Weg verhungern werde – und überhaupt, was mache ich, wenn ich mal aufs Klo muss? – bin ich schon an der ersten von zwei Schleusen angelangt.

Vorsichtig paddele ich auf das geschlossene Tor zu. Sicherheitshalber halte ich mich rechts, denn dort steht etwas erhöht auf der Schleusenmauer ein Mann, der irgendwie nett aussieht, und wirkt, als könne er mir helfen. Nach einem schnellen Blick auf die Anleitungstafel entscheide ich mich für die Kontaktaufnahme zur einheimischen Bevölkerung und beginne einen unschuldigen Smalltalk. Ich habe Glück: Der nette Mann entpuppt sich als Schleusenwärter und ich frage, vermutlich auffällig beiläufig, wie das denn jetzt funktioniert mit dem Durchschleusen.

In breitestem Sächsisch ruft der Herr eine Anleitung nach unten. Ich blicke verständnislos nach oben, bis ich verstehe, dass ich kräftig am Stahlseil ziehen soll. Ich ziehe und ziehe, und merke schließlich, dass ich kräftig ausgelacht werde. Ich habe zu fest und zu oft gezogen. Das ist zwar nicht tragisch, sah aber vermutlich urkomisch aus.

Schon mein erster zaghafter Zug hat das Schleusensystem in Bewegung gesetzt. Die Ampel ist rot. Mein Gesicht auch.

„Schön festhalten und an Ort und Stelle warten, bis die Ampel auf grün umspringt“, ruft der Herr mir zu. Er bemüht sich, Hochdeutsch zu sprechen. Ich habe verstanden und verharre in meiner Position, die Hand fest um ein Stahlrohr geklammert, die andere am Handy, um das Ganze zu dokumentieren, jetzt, wo ich endlich mal nicht direkt abtreibe, wenn ich fotografiere.

Das Tor öffnet sich in Zeitlupe, die Ampel springt auf grün und ich darf in den Schleusenraum paddeln. An den Seiten sind in regelmäßigen Abständen veralgte Rohre. Wieder muss ich an einem Seil ziehen (kann ich jetzt), dicht an den Rand fahren und mich festhalten.

Langsam geht es bergauf – und weil ich jetzt nichts mehr machen muss als warten – bis die nächste Ampel auf grün springt und ich ausfahren darf – nutze ich die Zeit, die Füße hochzulegen.

Kurze Pause in der Schleuse. Starring: Eine veralgte Wand, meine glücklicherweise frisch lackierten Fußnägel und meine Teva Universal Rope, die farblich einfach perfekt in diese Szene passen.

Auch der Schleusenwärter ist plötzlich wieder da. Wir unterhalten uns fröhlich übers Wetter. Die Sonne scheint, doch der Mann ist skeptisch. „Ich kann das riechen. Es wird heute noch regnen“, sagt er. Wie recht er hat, werde ich später erfahren. Erstmal aber geht es weiter – durch den Auwald und dann – zweite Abbiegung – hinein in den wildromantischen Floßgraben, an dessen Ufer im Sommer der Eisvogel brütet.

Mit 3,5 Stunden ist die Gesamtstrecke von der Pferderennbahn, meinem Startpunkt, bis zum Hafen Zöbigker angegeben, 9,5 Kilometer sind es. Ich bin ein bisschen spät dran, aber nicht zu spät. Der Floßgraben darf während der Brutzeit zwischen Mitte April und Mitte August nur zwischen 11 und 13 Uhr, sowie 15 und 18 Uhr befahren werden. Bis 18 Uhr muss ich also durch sein.

Obwohl ich noch nie im Spreewald war, bin ich mir sicher, dass es hier genauso aussieht wie dort. Ich treffe kaum andere Menschen – eine Tour ganz nach meinem Geschmack. Enten kreuzen meinen Weg, Vögel singen – nur den Eisvogel bekomme ich leider nicht zu Gesicht. Das Paddeln wirkt meditativ – auch auf meine Beine. Sie sind irgendwann einfach eingeschlafen. Meine Arme powern durch. Ich will ja noch vor dem prophezeiten Regen im Hafen ankommen.

Dunkle Wolken kündigen den Regen an.

Doch das Glück habe ich nicht. Gerade als ich den ersten See überquere, beginnt es, zu regnen. Ich ziehe die Regenjacke an, binde die Kapuze eng zu und paddele unbeirrt weiter. “Schlechts Weddor gibbts ni, nur falsche Klamoddn”, oder wie man das in Sachsen so sagt, habe ich schon bei meinem Besuch im zauberhaften Elbsandsteingebirge gemerkt. Mitten auf dem See habe ich auch keine Wahl als die Launen des Himmels zu akzeptieren. Als ich auf der anderen Seite ankomme, von wo aus ein kleiner Graben beide Seen verbindet, bin ich komplett durchgenässt. Also weiter.

Kurz vor dem Cospudener See hört es auf zu regnen. Meine zweite Schleuse meistere ich mit links – es geht noch einmal nach oben – und dann bin ich plötzlich auf dem offenen See. Während ich ihn durchquere, kommt die Sonne raus. Wieder fast trocken mache ich mein Kanu schließlich an einem Anleger fest, lege meine Sachen auf den Steg und klettere hinterher. Für meine Beine fühlt es sich ungewohnt an, nach so langer Zeit wieder zu laufen – und meine Arme brauchen dringend eine Pause.

Mein Boot ist das kleinste im Hafen.

Dafür mit den professionellsten Knoten vertäut. Ähm, nicht.

Ich beziehe meine Ferienwohnung – und falle nach Pizza und einem Saunabesuch zur Entspannung todmüde ins Bett. Am nächsten Tag wartet die Rückfahrt auf mich – und weil ich schon Profi bin, meistere ich sie in zweieinhalb statt dreieinhalb Stunden. Aber die Strömung spielt mir da natürlich in die Arme – oder Hände – seien wir mal ehrlich.

Kanufahren in Leipzig: Praktische Infos

Bootsverleih: Mein Kanu habe ich beim Bootsverleih im Scheibenholz geliehen. Praktisch: Der Bootsverleih hat eine Station im Stadthafen und eine an der Pferderennbahn. Wer zum Cospudener See will, spart von der Pferderennbahn aus im Vergleich zum Stadthafen gut zwei Kilometer Strecke. Im Sommer lohnt es sich am Wochenende, vorab zu reservieren oder früh zu kommen.

Übernachtung: In Leipzig zum Beispiel im super schön eingerichteten ANA Art Hotel direkt in der Innenstadt. Am See kann man wild campen, indem man sich mit dem Schlafsack an den Badestrand legt – oder alternativ eine der schönen Ferienwohnungen am Pier 1 im Hafen Zöbigker buchen.

Essen: Sole Mio, sehr leckere, große Pizzen und jede Menge weitere italienische Köstlichkeiten direkt am Pier.

Sauna: Sauna im See – erst in die Panorama-Sauna mit Blick über den Hafen, dann zum Abkühlen direkt in den See.

 

Vielen Dank an die Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen für die Einladung nach Leipzig! Mehr dazu. Meine Wandersandalen habe ich von Teva kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen.

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Geschrieben von

... spielt am liebsten draußen. Sie würde einen spontanen Roadtrip immer einem Tag am Pool vorziehen, liebt das Geräusch von Regen auf einem Zeltdach und ist der wohl einzige Mensch auf der Welt, der sich vor Schokolade ekelt.

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